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Bayer macht Milliardenverlust – das Agrargeschäft wird zum Problemfall

·Lesedauer: 6 Min.

Im dritten Quartal schneidet der Konzern schlechter ab als erwartet. Die Einigung mit den Glyphosat-Klägern wird nun noch teurer. Die Aktie gibt nach.

Der deutsche Chemieriese leidet unter Abschreibungen im Agrargeschäft. Foto: dpa
Der deutsche Chemieriese leidet unter Abschreibungen im Agrargeschäft. Foto: dpa

Das schwache Geschäft mit Saatgut und Pflanzenschutzmitteln hat Bayer im dritten Quartal tief in die roten Zahlen gezogen. Unterm Strich fuhr der Konzern einen Verlust von 2,74 Milliarden Euro ein, wie am Dienstag bekannt wurde. Ein wesentlicher Grund sind die angekündigten Abschreibungen im Agrargeschäft.

Aber auch auf bereinigter Basis schnitt Bayer schwach ab. Der Betriebsgewinn vor Sondereffekten fiel um mehr als 21 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro und lag damit um gut zehn Prozent unter den Prognosen der Analysten.

Der Umsatz sank im zweiten Quartal um 5,1 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro. Die Prognose für 2020 bestätigte Bayer am Dienstag, weil die Gesundheitsgeschäfte die Lage stabilisieren. Die Aktie reagierte auf die Ergebnisse mit einem weiteren Kursrückgang um 1,3 Prozent auf 41,25 Euro.

Es zeigt sich deutlich, dass sich die um Monsanto erweiterte Sparte Crop Science in der Pandemie zum echten Problemfall für Bayer entwickelt. Konzernchef Werner Baumann hatte oft betont, dass Agrargüter gerade in der Coronakrise einen wichtigen Beitrag zur Ernährung leisten. Doch vor allem in den USA halten sich die Farmer mit dem Anbau von Mais und Soja zurück.

Ein Grund ist, dass ein guter Teil der Pflanzen für Bioethanol verwendet wird und in der Pandemie weniger von dem Treibstoff verkauft wird. Der Preisverfall bei Saatgut ist kräftig. Hinzu kommt die massive Abwertung der brasilianischen Währung Real. Das Land ist nach den USA der wichtigste Markt für Bayers Landwirtschaftsprodukte.

Das führte in der Agrarsparte zu einem operativen Quartalsverlust von 34 Millionen Euro. Analysten hatten laut Vara Research mit einem Gewinn von 359 Millionen Euro gerechnet. Bayer hatte im September bereits hohe Abschreibungen in der Division Crop Science angekündigt, weil sich die Geschäftsperspektive auch fürs kommende Jahr und darüber hinaus verschlechtert hat. Verbunden war dies mit einer Gewinnwarnung für 2021.

Noch immer keine Lösung für künftige Klagen

Analysten hatten dies als Eingeständnis gewertet, dass Bayer einen zu hohen Kaufpreis für Monsanto bezahlt hat. Die Leverkusener haben den US-Saatguthersteller 2018 für 63,5 Milliarden Dollar übernommen. Der Zukauf sollte in den kommenden Jahren zum Treiber bei Cashflow und anderen Kennzahlen werden. Doch die Beiträge werden deutlich geringer ausfallen als erwartet.

Dazu kommt: Die Beilegung der Rechtsstreitigkeiten um den Unkrautvernichter Glyphosat wird Bayer nun noch teurer kommen als bekannt. Nach Angaben des Konzerns vom Dienstag sind bisher mehr als 80.000 bestehende Klagen in den USA außergerichtlich beigelegt worden. Bayer wird für die vorliegenden Fälle eine Vergleichssumme von bis zu zehn Milliarden Euro auf den Tisch legen.

Es liegt aber weiterhin keine Lösung vor, wie Bayer eine neue Klagewelle verhindern will. Denn auch in den kommenden Jahren können an Krebs erkrankte Amerikaner vor Gericht die Verwendung von Glyphosat für ihre gesundheitliche Situation verantwortlich machen. Eine erste mit den Klägeranwälten ausgehandelte Lösung zum Umgang mit diesen potenziellen Klagen hatte ein US-Gericht abgelehnt.

Bayer teilte nun mit, dass die Verhandlungen zu diesem Teil des Vergleichs noch weitere Zeit in Anspruch nehmen werden. Absehbar ist aber, dass es mehr Geld kosten wird. Nach Konzernangaben wird das neue Konzept etwa zwei Milliarden Dollar kosten und damit mehr als die ursprünglich erwarteten 1,25 Milliarden Dollar. Der Konzern hat dafür bereits zusätzliche Rückstellungen gebildet.

Die Ergebnisse von Bayer im dritten Quartal sind insgesamt von hohen Sondereffekten über 10,1 Milliarden Euro gezeichnet. Davon fielen allein auf die nicht zahlungswirksamen Wertberichtigungen in der Agrarsparte 9,3 Milliarden Euro. Der Rest kommt aus den neuen Glyphosat-Rückstellungen sowie aus Aufwendungen für das laufende Sparprogramm, das einen Abbau von 12.000 Stellen vorsieht.

Bayer-Chef Werner Baumann verteidigte in einer Telefonkonferenz den Monsanto-Kauf als langfristig richtigen strategischen Schritt. „Wir sind sehr zuversichtlich, daran ändert ausdrücklich auch die aktuelle Krise nichts“, sagte er. Zwei Drittel der Wertberichtigungen im Agrargeschäft seien technisch durch Zins- und Währungseffekte getrieben, nur ein Drittel erfolge wegen geringerer Wachstumserwartungen.

Bayer könne sich aber von einem schwächeren Wachstum auf dem globalen Agrarmarkt nicht abkoppeln, unterstrich er. Auf die Frage, ob der Kaufpreis für Monsanto zu hoch gewesen sei, sagte Baumann: „Es ist immer eine Entscheidung im Kontext der Zeit und der Gegebenheiten.“ Der 2016 fixierte Kaufpreis sei nicht allzu weit vom Börsenwert entfernt gewesen, den Monsanto eineinhalb Jahre zuvor erreicht hätte.

Angesichts der aktuellen Probleme hat der Konzern bereits ein zweites Effizienzprogramm angekündigt, das die Kosten um weitere 1,5 Milliarden Euro drücken soll. Wo gespart wird, ist noch offen, allerdings wird es laut Baumann zu einem weiteren Stellenabbau kommen. Im Zuge des ersten Sparprogramms wird Bayer allein diesem Jahr 3200 Arbeitsplätze streichen. Rund 60 Prozent des bis 2022 avisierten Einsparvolumens von 2,6 Milliarden Euro seien bereits erreicht.

Das Management will sich mit dem neuerlichen Sparprogramm Luft verschaffen für seine Ziele zum Schuldenabbau und zur dringend nötigen Stärkung des Pharmageschäfts. In der vergangenen Woche hatte der Konzern die Bereitschaft unterstrichen, dafür Geld in die Hand zu nehmen. Bayer wird für bis zu vier Milliarden Dollar das US-Biotechunternehmen Ask Bio übernehmen. Die Firma ist Spezialist für genbasierte Therapien, mit denen Krankheiten nicht mit chemischen Wirkstoffen, sondern durch Veränderungen der DNA behandelt werden.

Pharmageschäft stabilisiert sich

Das Pharmageschäft von Bayer zeigte sich im dritten Quartal etwas erholt. Zuvor waren die Verkäufe durch die Pandemie beeinträchtigt, weil medizinische Anwendungen und Operationen in Kliniken zurückgestellt wurden. Der Quartalsumsatz sank um 1,8 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro, der bereinigte operative Gewinn stagnierte bei 1,5 Milliarden Euro. Beides lag im Rahmen der Analystenerwartungen.

Ein Lichtblick für Bayer ist die Entwicklung des Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten rund um das Schmerzmittel Aspirin. Die Division Consumer Health hat sich aus der Schieflage der vergangenen Jahre herausgearbeitet und wuchs im dritten Quartal um sechs Prozent auf 1,2 Milliarden Euro Umsatz. Der Gewinn legte um zwölf Prozent auf 301 Millionen Euro zu.

Die Entwicklung in den beiden Gesundheits-Division sorgte auch bei den Analysten für eine positive Überraschung, mit der die Schwäche im Agrargeschäft etwas abgemildert werden konnte. Insgesamt hätten Umsatz und die Gewinnkennziffern der Leverkusener aber enttäuscht, kommentierte Gunther Zechmann vom Analysehaus Bernstein.

Der Gegenwind vor allem im Agrargeschäft bleibt für den Leverkusener Konzern im Rest des Jahres groß. Immerhin: Vorige Woche hat die US-Umweltbehörde EPA ein fürs künftige Geschäft wichtiges neues Herbizid für fünf Jahre zugelassen. Es handelt sich um eine neue Variante des Unkrautvernichters Dicamba mit dem Produktnamen XtendiMax. Die alte Variante hatte ein Gericht im Frühjahr für unzulässig erklärt.

Für Bayer wird 2020 absehbar zu einem schwierigen, aber nicht bedrohlichen Jahr. Der Konzern geht weiterhin davon aus, den Umsatz auf 43 bis 44 Milliarden Euro steigern und eine Ebitda-Marge von 28 Prozent erreichen zu können. Das würde einem bereinigten Gewinn von etwa zwölf Milliarden Euro entsprechen.

Allerdings werden die Ergebnisse unterm Strich von hohen Sondereffekten geprägt sein. Dazu zählt nicht nur die Wertberichtigung von 9,3 Milliarden Euro in der Agrarsparte. In Summe wird Bayer in diesem Jahr für außergerichtliche Vergleiche rund 13 Milliarden Euro verbuchen müssen.

Dazu zählen nicht nur Glyphosat, sondern auch die Einigungen beim Herbizid Dicamba und bei dem mittlerweile eingestellten Verhütungsprodukt Essure. Im Gegenzug erreicht Bayer aus dem Verkauf der Sparte Tiergesundheit einen Buchgewinn von 5,2 Milliarden Euro.