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Der Bauboom ist vorbei – aber womöglich nur vorübergehend

Jahrzehntelang war die Bauindustrie erfolgsverwöhnt. Nun wird auch sie von der Krise erfasst. Eines der größten Probleme: die Finanznöte der Kommunen.

Auf der Baustelle an der A1 in Leverkusen stehen die Arbeiten seit Wochen still. Denn der Auftraggeber, der Landesbaubetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen, hat der österreichischen Baufirma Porr wegen angeblicher Mängel bei den gelieferten Stahlbauteilen den Auftrag gekündigt.

Alles halb so wild, erklärte Porr-Chef Karl-Heinz Strauss in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Es sei neben einem anderen Bauvorhaben in Norwegen das einzige Projekt, bei dem es in den vergangenen Wochen zum Stillstand gekommen ist. „Die Gesamteinschätzung für 2020 ist sehr positiv – das kann man wirklich so sagen.“

Aber ganz so gut kann es dann doch nicht laufen. Die Dividende für das laufende Jahr streicht der Vorstandschef zusammen. Das kann für ihn kein leichter Entschluss gewesen sein, trifft er sich doch selbst damit am meisten: Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Klaus Ortner ist er mit einem Anteil von 53,7 Prozent größter Aktionär von Porr.

In Anbetracht der Coronakrise sei diese Vorsichtsmaßnahme nötig, erklärt Strauss. Denn spurlos ging die Pandemie bislang auch an der ansonsten gut ausgelasteten Porr nicht vorüber. Neben einem Ausgaben- und Investitionsstopp hatte Strauss für einige seiner Mitarbeiter in Österreich Kurzarbeit verhängt, nachdem das Land aufgrund der Ansteckungsgefahr zahlreiche Baustellen stilllegen musste.

Das Schicksal der Porr steht stellvertretend für die Baubranche in Europa: Es gibt Licht- und Schattenseiten. Je nach den nationalen Regelungen sind die Unternehmen verschieden betroffen. Während etwa die Regierungen in Österreich und Italien zeitweise Baustellen schließen ließen, konnten die Baufirmen in Deutschland weitgehend ungestört arbeiten.

Abgesehen von einigen Infektionsschutzmaßnahmen in der Belegschaft ging die Krise so bislang an der heimischen Branche vorbei – auch wenn das wohl nicht so bleiben wird, wie der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des deutschen Baugewerbes (ZDB), Felix Pakleppa, erklärt.

Nullwachstum – im besten Fall

„Wir können uns glücklich schätzen, wenn die Bauwirtschaft am Ende des Jahres denselben Umsatz wie 2019 erwirtschaftet hat“, so der Verbandschef. Schon jetzt sei erkennbar, dass die Coronakrise zu Stornierungen in einem deutlichen Umfang geführt habe. Im zweiten Halbjahr rechnet er mit einem weiter verringerten Auftragseingang.

Wenn es für die Branche schlechter läuft, könnte es auch zu einem Umsatzrückgang von bis zu zwei Prozent kommen, korrigierte der ZDB vor wenigen Tagen seine Jahresprognose für 2020.

Im Vergleich zu anderen Branchen, die teilweise hohe zweistellige Rückgänge zu verkraften haben, wirken die Einbußen auf den ersten Blick moderat. Doch sie verteilen sich ungleichmäßig über die verschiedenen Segmente. Während der Wirtschaftsbau mit einem Rückgang von 3,5 Prozent besonders stark betroffen ist, steuert der Wohnungsbau auf ein Umsatzwachstum von drei Prozent zu.

Denn der Bedarf an neuen Wohnungen vor allem in Großstädten bleibt während der Coronakrise unverändert hoch – während hingegen der Einzelhandel, der Tourismus und die Dienstleistungsbranche, also typische Auftraggeber von Wirtschaftsbauten, schwer unter dem Lockdown leiden.

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Auch für Porr-Chef Karl-Heinz Strauss, dessen Konzern sowohl im Infrastruktur- als auch im Hoch- und Tiefbau tätig ist, ergibt sich daher ein gemischtes Bild. „An und für sich sind wir in diesem und teilweise auch im nächsten Jahr in Deutschland bereits voll ausgelastet“, wiegelt der Manager ab. „Aber wir spüren im zweiten Halbjahr generell eine Abschwächung im Markt. Die Wettbewerbsintensität verstärkt sich. Das Preisniveau wird unter Druck kommen.“

Für die erfolgsverwöhnte Bauindustrie bedeutet die Coronakrise damit vorerst das Ende eines jahrzehntelangen Booms. Seit der Finanzkrise profitierte die Branche vom Wohnungsmangel in den Großstädten und dem hohen Sanierungsbedarf bei Brücken und Straßen. Engpässe kannten die Baufirmen allenfalls beim Personal: Noch im Januar 2020 klagte das Bundesfinanzministerium in einer Analyse über die hohe Auslastung der Branche, die sich zu einem Investitionshemmnis bei Projekten der öffentlichen Hand entwickelt habe.

Kein halbes Jahr später hat sich die Situation völlig gedreht. Die größte Bedrohung für kommunale Investitionen ist nicht länger der Fachkräftemangel, sondern die sich leerenden Kassen der Städte und Gemeinden.

Die Steuern brechen wegen der branchenübergreifenden Rezession überall weg, gleichzeitig steigen die Ausgaben im Sozialbereich. Der Deutsche Städtetag fürchtet daher ein Defizit der Kommunen in zweistelliger Milliardenhöhe. Das trifft mittelbar auch die Baubranche, die rund 60 Prozent ihrer öffentlichen Aufträge von den Kommunen erhält.

Erste Städte haben bereits angekündigt, alle noch nicht beschlossenen Bauvorhaben bis auf Weiteres zu streichen – so zum Beispiel die baden-württembergische 500.000-Einwohner-Gemeinde Ludwigsburg, die zudem noch die Kosten bei allen laufenden Projekten um zehn Prozent drücken will. Von rund 200 Städten, die der Städtetag im April zum Thema Haushaltssperren befragt hat, will es ein Viertel Ludwigsburg gleichtun. Noch größer ist demnach der Anteil jener Städte, die bereits eingeplante Ausgaben beschränken wollen.

Für die Baubranche sind öffentliche Ausschreibungen neben dem Gewerbe- und dem Wohnungsbau das dritte wichtige Standbein. Entsprechend groß ist das Interesse der Unternehmen daran, dass die kommunale Bautätigkeit in der Krise nicht abreißt. In einem Positionspapier fordert der ZDB daher einen kommunalen Investitionsfonds, mit dem die Städte und Gemeinden vom Bund finanziell unterstützt werden sollen. Schon während der Finanzkrise ab 2007 hatte Berlin einen solchen Fonds eingerichtet, um die Folgen für finanzschwache Kommunen abzufedern.

„Ein intelligentes Konjunkturprogramm muss dazu beitragen, die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern und wichtige Zukunftsaufgaben voranzubringen“, sagt Reinhard Quast, Geschäftsführer des Siegener Familienunternehmens Otto Quast und Präsident des ZDB – und nennt den Klimaschutz, die digitale Infrastruktur und den Wohnungsbau als wichtigste Felder.

„Die Baubranche hat ihre Kapazitäten ausgeweitet und angesichts der geringen Nachfrage aus dem Wirtschaftsbau ausreichend Kapazitäten, alle diese Segmente nach vorn zu bringen.“ Wohnraum in den Ballungsgebieten sei weiterhin knapp. „Daran hat auch Corona nichts geändert.“

Baubranche: Ausblick macht Hoffnung

Es sind solche langfristigen Trends, die auch bei anderen Bauunternehmern für die Hoffnung sorgen, bei der Coronakrise handle es sich zwar um eine schwere, aber immerhin vorübergehende Delle. So verspricht auch Porr-Chef Strauss, sein Unternehmen werde gestärkt aus der Krise hervorgehen.

„Der große, positive Trend für den Bau gilt nach wie vor“, so der Manager. „Urbanisierung, Modernisierung, Green Building, Digitalisierung – in all diesen Feldern sind wir gut vorbereitet.“

Kommt der Markt dann zurück, denkt Strauss auch schon wieder an die Dividende. „An unserer langfristigen Dividendenpolitik wollen wir weiterhin festhalten“, versicherte der Manager. Bedeutet: Ein Drittel bis die Hälfte des Gewinns soll ab 2021 wieder ausgeschüttet werden.

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