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Italien will Städte im Norden nach Coronavirus-Ausbruch abriegeln

Sanitätskräfte warten in Phnom Penh (Kambodscha) auf Passagiere des Kreuzfahrtschiffs „Westerdam“, um diese auf eine mögliche Infektion mit dem Coronavirus zu testen. Foto: dpa

Die Regierung in Rom greift zu drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in den betroffenen Orten. Auch Südkorea ruft die höchste Alarmstufe aus.

Italien hat den Kampf gegen den schlimmsten Ausbruch des neuen Coronavirus in Europa mit drastischen Maßnahmen aufgenommen. Um eine weitere Ausbreitung im Norden des Landes zu unterbinden, sollen nun die am stärksten betroffenen Städte abgeriegelt werden. Das teilte die italienische Regierung am Samstagabend mit. „Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten“, sagte Regierungschef Giuseppe Conte. Betroffen seien zunächst knapp ein Dutzend Orte südöstlich von Mailand mit etwa 50.000 Einwohnern sowie Vo' im benachbarten Venetien mit rund 3000 Bewohnern.

In Italien waren bis zum Abend 76 Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2 erfasst worden, zwei Menschen sollen daran gestorben sein. Damit ist Italien das europäische Land mit den weitaus meisten erfassten Sars-CoV-2-Infizierten. In Deutschland wurden bisher 16 Fälle gemeldet, in Frankreich zwölf, darunter ein Todesfall.

Ministerpräsident Conte kündigte die Notfallmaßnahme nach Krisengesprächen mit der Zivilschutzbehörde des Landes an. „Das Ziel ist es, die Gesundheit der italienischen Bevölkerung zu schützen“, sagt Conte. Zunächst sollten die Sicherheitskräfte die betroffenen Regionen abriegeln. „Wenn nötig, werden es auch die Streitkräfte sein“, fügte Conte hinzu. Wer versuche, die Absperrungen zu umgehen, dem drohe „strafrechtliche Verfolgung“. Er setze dennoch auf Verständnis der Bevölkerung.

Ein Aussetzen der innereuropäischen Reisefreiheit im Rahmen der Schengen-Zone sei vorerst nicht vorgesehen, sagte Conte.

Auch in Südtirol bereiteten sich die Behörden auf einen Notfall vor. Unter anderem empfahlen die Gesundheitsbehörden am Samstagabend, die Universität Bozen sowie Kitas und Kinderhorte für die kommende Woche zu schließen. Zudem sei ein medizinischer Notfallplan erstellt worden, berichtete die Website des Rundfunksenders Südtirol.

In Italien verteilten sich die Infizierten auf die Lombardei, Venetien und die Region Piemont. Nachgewiesen wurde der Erreger demnach unter anderem bei der Frau und einer Tochter des Mannes, der mutmaßlich Italiens erstes gemeldetes Covid-19-Todesopfer ist. Der italienische Zivilschutz sprach von einem zweiten Opfer, dessen Tod wohl auf die von Sars-CoV-2 verursachte Lungenerkrankung Covid-19 zurückzuführen sei.

Beim ersten gemeldeten Toten handelt es sich um einen 78-Jährigen in Venetien, beim zweiten um eine Frau in der Lombardei. Der Ausbruch in der Lombardei geht auf einen 38-Jährigen zurück, der seit Mittwoch schwer erkrankt in der Klinik der Kleinstadt Codogno behandelt und tags darauf positiv auf den Erreger getestet wurde.

Sportveranstaltungen abgesagt

In zehn Gemeinden der Lombardei wurden Schulen und ein Großteil der Geschäfte vorübergehend geschlossen. Rund 50.000 Einwohner sind aufgerufen, möglichst zuhause zu bleiben. Großveranstaltungen wie Gottesdienste, Karnevalsfeste und Sportevents wurden verboten. Auch in Venetien wurden Maßnahmen beschlossen, die eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern sollen.

In der Lombardei und in Venetien wurden für Sonntag alle Sportveranstaltungen abgesagt. Davon betroffen sind auch drei Serie-A-Spiele zwischen Inter Mailand und Sampdoria Genua sowie zwischen Hellas Verona und Cagliari Calcio. Auch die Partie Atalanta Bergamo gegen Sassuolo wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Am Nachmittag war bereits das Zweitliga-Spiel zwischen Ascoli Calcio und US Cremonese abgesagt worden.

In Mailand kündigte Modezar Giorgio Armani im Gespräch mit der Agentur Ansa an, dass seine für Sonntag geplante Modeschau vor leeren Rängen abgehalten werde. Die Show als Teil der Modewoche werde lediglich als Livestream zu sehen sein, um die Gefahr einer Ansteckung mit dem Virus zu minimieren.

Am Samstagmorgen war in Rom ein Armeeflugzeug mit 19 Italienern angekommen, die an Bord des Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess“ in Japan für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt worden waren. Sie werden nun in einem Militärkomplex in Rom unter Quarantäne gestellt. Unter den Passagieren der „Diamond Princess“ hatte es hunderte Infizierte gegeben, zwei Japaner starben.

Weitere Entwicklungen zum Verlauf der Epidemie im Überblick:

  • Die aktuelle weltweite Zahl der nachgewiesenen Infektionen und Opfer zeigt die Realtime-Karte der Johns Hopkins University:
  • In China sind erneut fast 100 Menschen dem neuartigen Coronavirus zum Opfer gefallen. Die Pekinger Gesundheitskommission meldete am Sonntag 97 weitere Tote, womit die Gesamtzahl der Opfer seit Ausbruch Krankheit in China auf 2442 gestiegen ist. Die Zahl neu bestätigter Infektionen kletterte um 648 auf 76.936.
  • In der Provinz Hubei, die besonders stark von der Epidemie betroffen ist, steigt die Zahl der Neuerkrankungen zum Vortag deutlich an. Am Sonntag habe es 630 neue Fälle gegeben, nach 366 am Samstag, teilen die Behörden mit. Die Zahl der Toten habe sich um 96 erhöht, nach 106 am Vortag. Damit liege die Zahl der Verstorbenen in Hubei nun insgesamt bei 2346.
  • Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in hat wegen des Coronavirus die höchste Alarmstufe bei einer ansteckenden Krankheit ausgerufen. Er rief die Behörden am Sonntag auf, „beispiellose, starke“ Schritte gegen den Ausbruch zu unternehmen. Die südkoreanischen Behörden meldeten am Sonntag 123 weitere Fälle von Coronavirus. Damit stieg die Gesamtzahl in Südkorea auf 556. Der Großteil der neuen Fälle konzentriert sich erneut auf die südöstliche Millionen-Stadt Daegu und deren Umgebung. Es gab fünf Todesfälle.
  • Angesichts der Lage in Italien bereitet sich Frankreich auf eine Ausbreitung des Coronavirus vor. Die Lage im Nachbarland werde „aufmerksam verfolgt“, sagte Gesundheitsminister Olivier Véran im Gespräch mit dem „Le Parisien“ (Sonntag). „Eine Epidemie? Wir bereiten uns darauf vor“, wurde der Minister zitiert.
  • Die Ausbreitung des Coronavirus im Iran hat den Alltag in dem Land erheblich eingeschränkt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden vorläufig in mehreren Städten die Schulen und Universitäten geschlossen. Auch Kinos bleiben bis auf weiteres zu, Theater- und Konzertveranstaltungen wurden abgesagt. Die Spiele der ersten Fußall-Liga werden zwar wie geplant ausgetragen, allerdings ohne Zuschauer. Laut Gesundheitsministerium gibt es landesweit 785 Verdachtsfälle, von denen 28 positiv auf Covid-19 getestet wurden. Bislang sind demnach fünf Patienten an der Krankheit gestorben. Neue Infektions- und Todesfälle am Wochenende wurden zunächst noch nicht gemeldet.

Was Sie sonst noch wissen sollten:

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat wegen der Auswirkungen der Lungenkrankheit Covid-19 die Wachstumsprognose für China gesenkt. Der Fonds erwarte nun für 2020 ein Wirtschaftswachstum von 5,6 Prozent statt der noch im Januar vorhergesagten 6,0 Prozent, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa am Samstag beim Treffen der Finanzminister der führenden Industrie- und Schwellenländern (G20) in Riad. Das Wachstum der Weltwirtschaft werde wegen des Coronavirus voraussichtlich 0,1 Prozent geringer ausfallen. Hier war der IWF vor kurzem noch von 3,3 Prozent Zuwachs im laufenden Jahr ausgegangen.

Man gehe bei diesem Szenario davon aus, dass die chinesische Wirtschaft im zweiten Quartal zur Normalität zurückkehren kann, sagte Georgiewa. Die chinesischen Behörden arbeiteten daran, die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft durch Krisenmaßnahmen, Liquiditätsversorgung, steuerliche Maßnahmen und finanzielle Unterstützung abzumildern. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft könnten so relativ gering und von kurzer Dauer sein.

Die IWF-Chefin räumte allerdings ein, es gebe noch große Unsicherheiten - etwa über die Verbreitung des Virus. Das erschwere eine verlässliche Prognose. „Viele Szenarien können sich abspielen, je nachdem, wie schnell das Virus eingedämmt wird und wie schnell sich die chinesischen und anderen betroffenen Volkswirtschaften wieder normalisieren“, sagte Georgiewa.

Die globale Zusammenarbeit sei für die Eindämmung des Virus und der wirtschaftlichen Auswirkungen von wesentlicher Bedeutung, gerade wenn sich der Ausbruch als länger anhaltend und weiter verbreitet herausstellen sollte. Staaten mit einem weniger entwickelten Gesundheitswesen hätten ein größeres Risiko. Der IWF stehe bereit, den schwächeren Mitgliedern zu helfen.

Das berichtet das Handelsblatt:

  • Der Corona-Schock: Wie das Virus die Weltwirtschaft infiziert
  • Wie gefährlich ist das Coronavirus? Die wichtigsten Fragen und Antworten
  • Ökonom Felbermayr über die Folgen des Coronavirus: „Jeden Tag größere Schäden“
  • Weltgesundheitsorganisation fehlen die Mittel im Kampf gegen das Coronavirus
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