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Aufsichtsrat soll im Oktober einer Verschlankung von Thyssen-Krupp zustimmen

Ein neuer Plan soll Thyssen-Krupp zukunftsfähiger machen. Für die Ausarbeitung fehlt aber die Zeit – und innerhalb des Unternehmens gibt es Streit.

Der Konzern soll in seinen Strukturen transparenter werden, auch ein Abbau von Arbeitsplätzen in der Verwaltung ist geplant. Foto: dpa

Nach dem Rauswurf von Guido Kerkhoff als Chef von Thyssen-Krupp soll der Umbau des Konglomerats schneller angepackt werden. So zumindest hat es der Finanzinvestor Cevian in einer Stellungnahme erklärt. „Wir sind zuversichtlich, dass Thyssen-Krupp nun endlich eine eindeutige Strategie und einen klar definierten Maßnahmenplan erhält“, erklärte Cevian-Partner Lars Förberg. Der schwedische Fonds ist nach der Krupp-Stiftung der zweitgrößte Aktionär der Essener.

Die Aufgabe, einen neuen Kurs für den maladen Industriekonzern abzustecken, fällt mit Kerkhoffs avisiertem Abgang seiner designierten Nachfolgerin Martina Merz zu. Sobald er einer Auflösung seines Vertrags zugestimmt hat, wird Merz vorübergehend von der Spitze des Aufsichtsrats auf den Vorstandsvorsitz wechseln. In ein paar Tagen soll die Einigung mit Kerkhoff stehen, dann kann die neue Chefin loslegen.

Vielmehr: Sie muss loslegen. Denn ohne Frage liegt bei dem Konzern mit seinen 160.000 Mitarbeitern einiges im Argen. Die Firma schreibt rote Zahlen, mit einer Verschlechterung der Weltkonjunktur dürfte sich die Lage weiter eintrüben. Um Thyssen-Krupp aus der Verlustzone herauszuführen, sind erhebliche Anpassungen nötig. Diese seien in den vergangenen Monaten intensiv diskutiert worden, wie es im Unternehmen heißt.

Und es gibt bereits erste Weichenstellungen. Auf einer Sitzung am 8. Oktober soll der Aufsichtsrat einer Verschlankung des Traditionskonzerns zustimmen, erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen des Gremiums. Thyssen-Krupp soll damit in seinen Strukturen transparenter werden, zugleich ist ein Abbau von Arbeitsplätzen geplant. Betroffen soll davon vor allem die Verwaltung sein.

Das Konzept hat der Vorstand noch unter der Leitung von Kerkhoff ausgearbeitet und auch die ersten Grundlagen für eine Entscheidung geschaffen, wie es heißt. Da inzwischen weitere Hierarchieebenen eingebunden sein sollen, ist der Prozess trotz des Wechsels im Management nicht mehr umkehrbar.

Aufsichtsrat spricht sich gegen Kerkhoff aus

Offenbar hat auch Merz dem Vorgehen bereits zugestimmt. Als Aufsichtsratschefin hätte sie das Projekt jederzeit stoppen können. Das aber habe sie auch nach der Ankündigung von Kerkhoffs Abgang nicht getan, hieß es im Umfeld des Gremiums. Das Vorgehen mag ungewöhnlich anmuten.

Der Personalausschuss des Aufsichtsrats hatte am Dienstag zwar einen Rauswurf von Kerkhoff empfohlen. Solange sein Vertrag aber nicht aufgelöst ist, ist er formal der Vorstandsvorsitzende der Thyssen-Krupp AG. Als solcher komme er weiterhin in die Konzernzentrale in Essen und verrichte seine Arbeit, wie Mitarbeiter berichten.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Merz mit den Plänen ihres Vorgängers Kerkhoff im Oktober im Aufsichtsrat erscheinen und die Pläne zur Abstimmung vorlegen wird. Eine nachträgliche Anpassung im größeren Umfang sei aufgrund der knappen Zeit unwahrscheinlich, heißt es aus den Reihen des Unternehmens.

Ob der dann um Merz formierte Vorstand die Zeit finden wird, den vom Investor Cevian – der Fonds hält 18 Prozent der Anteile – geforderten Maßnahmenplan auszuarbeiten, ist fraglich. Zumal Merz den Konzern nur übergangsweise führen soll, zumindest ist das derzeit der Plan. Sobald ein dauerhafter Nachfolger gefunden ist, werde sie in das Kontrollgremium zurückkehren, hatte das Unternehmen erklärt.

Zudem werden andere Themen drängender sein. In den Fokus rückt dann die Abspaltung der Aufzugssparte. Zwar wollen Vorstand und Aufsichtsrat weiterhin alle Optionen prüfen. Neben einem Börsengang umfassen diese einen Teil- oder Komplettverkauf. Das aber ist reine Theorie. Mit Kerkhoffs Ablösung läuft es laut Konzernkreisen nun auf eine vollständige Veräußerung des Geschäftsbereichs zu.

Streit um Sonderdividende

Kerkhoff hatte lediglich eine Minderheitsbeteiligung an der Börse platzieren oder an Finanzinvestoren abgeben wollen, um mit den Dividenden einer verselbstständigten Aufzugssparte den verbliebenen Rest zu stabilisieren. Ohne diese stetigen Geldzuflüsse ist der Bestand aus Sicht des aktuellen Vorstands nicht gesichert.

Im Hintergrund hat sich aber vor allem Cevian für einen Komplettverkauf starkgemacht. Der Erlös läge laut Marktschätzungen bei 15 bis 20 Milliarden Euro. Ein erheblicher Teil dieser Summe könnte als Sonderdividende ausgeschüttet werden, wie Vertreter von Cevian laut Angaben aus Management- und Aufsichtsratskreisen bereits deutlich gemacht haben. Die Krupp-Stiftung schweigt sich zu diesem Thema aus, was wohl als Zustimmung gewertet werden kann. An Kerkhoffs Rauswurf war eine Agentur beteiligt, die gleichzeitig Chefkontrolleurin Merz und die Krupp-Stiftung kommunikativ berät.

Vertreter der Gewerkschaft IG Metall und der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen haben öffentlich die Zahlung einer Sonderdividende abgelehnt. Der Grund dafür sind die hohe Schuldenlast und die Pensionsverpflichtungen, die einen Verkaufserlös deutlich überschreiten würden.

Mit der Abspaltung der Aufzugssparte fokussiert sich Thyssen-Krupp auf das Stahlgeschäft und den Werkstoffhandel. Dies spiegelt sich auch in der Berufung von Klaus Keysberg in den Vorstand wider, der bislang als Spartenchef für den Handelsbereich zuständig war.

Thyssen-Krupp ist in Deutschland zwar Marktführer im Stahlgeschäft, im weltweiten Maßstab ist der Konzern aber lediglich Mittelmaß. Um seine Position auszubauen, muss die Gesellschaft massiv in ihre Anlagen investieren, um die vom Kunden geforderten Qualitäten produzieren zu können.

In den vergangenen Jahren beschränkte sich die Investitionstätigkeit lediglich auf ein Mindestmaß, da ein früherer Plan des Managements vorsah, die Stahlsparte in ein Joint Venture mit Tata auszulagern. Das hatte die EU-Kommission allerdings wegen Wettbewerbsbedenken verhindert.

Kein Vertrauen mehr

Aber auch die Investitionen in den Bestand werden nicht reichen: Der Konzern wird expandieren müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Unter Kerkhoff hatte die Firmenführung daher Akquisitionen ins Auge gefasst. In einem ersten Schritt wollte Thyssen-Krupp den Stahlhändler Klöckner & Co. übernehmen, mit dem bereits konkrete Gespräche geführt wurden.

Dieser Plan aber ist vom Tisch: Die Verhandlungen über einen Zusammenschluss mit Thyssen-Krupps Werkstoffgeschäft hat Klöckner einseitig beendet, erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen des Klöckner-Aufsichtsrats. Grund dafür sei Kerkhoffs Rauswurf gewesen. So wie der abgewickelt werde, könne es keine vertrauensvolle Atmosphäre mit der Führung des Essener Unternehmens geben.

Auf den ersten Blick scheint das Veto des kleineren Wettbewerbers ohne große Folgen für die Strategie von Thyssen-Krupp zu sein. Doch dies täuscht. Für den Hüttenkonzern könnte Klöckner ein exzellenter Absatzkanal sein. Derzeit nämlich verkauft Klöckner vor allem Produkte der Wettbewerber, darunter Arcelor-Mittal und Tata Steel. Diese hätte Thyssen-Krupp durch eigenen Stahl ersetzen können.

Mitarbeit: Tanja Kewes