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Allianz: „Schadentrends in der Industrieversicherung werden sich langfristig verändern“

·Lesedauer: 5 Min.

Die Allianz-Großkunden-Tochter zieht eine Zwischenbilanz in der Coronakrise. Ersparnisse durch zurückgehende Unfälle können die Belastungen durch Event-Absagen nicht auffangen.

Die Coronakrise führt bei den deutschen Industrieversicherern nicht nur zu erheblichen finanziellen Belastungen, auch die Art der Schäden dürfte sich langfristig deutlich ändern. „Die weitreichenden Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft, die durch die Pandemie herbeigeführt und beschleunigt wurden, werden bisherige Schadentrends in der Industrieversicherung langfristig verändern“, sagt Thomas Sepp.

Der Vorstand des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) sieht jetzt bereits teils erhebliche Veränderungen in den Bereichen Sach- und Betriebsunterbrechung, bei Haftpflichtschäden, Managerhaftung und Luftfahrt.

Besonders hoch sind die Schäden einer Studie der AGCS zufolge derzeit durch ausgefallene Veranstaltungen und unterbrochene oder verschobene Filmproduktionen. Sie stellen den Hauptanteil der mehr als 450 Millionen Euro dar, die die Allianz-Tochter im Moment für Covid-19-Schäden reserviert hat. Den Rückgang durch gesunkene Aufwendungen während des Lockdowns bei Sach- und Haftpflichtschäden übersteigen diese Ansprüche deutlich.

Zudem dürfte deren Häufigkeit langfristig zunehmen, wenn Anlagen in Fabriken wieder angefahren werden. Vieles davon ist heute noch nicht absehbar. „Der Neustart einer Fabrik ist ein Stresstest“, bringt es AGCS-Schadenexperte Raymond Hogendoorn auf den Punkt. In den vergangenen Monaten kam es bereits zu einigen Schadenfällen, als Produktionslinien wieder hochgefahren wurden.

Zumindest für leichte Entlastung sorgt da, dass es im vergangenen halben Jahr weniger Unfälle in Betrieben gab. Ebenfalls positiv wirkte sich für die Versicherer eine veränderte Schadenregulierung in den USA aus. Weil viele Prozesse verschoben werden mussten, einigten sich beide Seiten häufig außergerichtlich.

Gefahr durch Insolvenzwelle

Doch schon drohen weitere Zahlungen. Denn sollte es in Zukunft zu einer Insolvenzwelle kommen, erwartet die Versicherer erhöhte Schadenforderungen aus der Managerhaftpflicht. Die sogenannten D+O-Versicherungen könnten nach Ansicht der AGCS-Experten verstärkt in Anspruch genommen werden, wenn dem Management vorgeworfen wird, dass es das Unternehmen nicht rechtzeitig auf die Folgen einer Pandemie oder einen möglichen Einnahmeausfall vorbereitet hat.

Auch die ohnehin stark belastete Luftfahrtbranche könnte Schadenansprüche stellen. Die derzeit zahlreich geparkten Flieger könnten durch Unwetter, Rangieren und Standschäden leiden. Eine weitere Gefahr neben den Ansprüchen von Passagieren wegen annullierter Flüge.

Ebenso hat der zwangsläufige Trend zum Homeoffice Folgen für die Absicherung der Unternehmen. Denn während der Bürobestand wohl langfristig weniger werden dürfte, sind durch das Arbeiten daheim die Gefahren durch Cyberangriffe in den vergangenen Monaten gestiegen.

Die Industrieversicherer treffen all diese Veränderungen zu einem Zeitpunkt, an dem es die Branche schon seit Längerem schwer hat. Dabei sah es vor Corona noch so aus, als würde sich die Lage der angeschlagenen deutschen Industrieversicherer spürbar verbessern. Lediglich 1,1 Milliarden Euro mussten sie im vergangenen Jahr für Großschäden aufwenden. Es war inflationsbereinigt der zweitniedrigste Schadenaufwand in der vergangenen Dekade und rund eine Milliarde Euro weniger als 2018.

Dann aber kam Corona. Schon jetzt liegt die Zahl an Schadenaufwendungen, die die 20 größten Rückversicherer weltweit erbringen mussten, bei rund zehn Milliarden Euro, wie die Ratingagentur S & P Global Ratings gerade berechnet hat. Insgesamt könnten die versicherten Coronaschäden weltweit auf die gewaltige Summe von 107 Milliarden Dollar klettern, heißt es beim britischen Versicherungsmakler Aon. Bei Lloyds in London geht man von 110 Milliarden Dollar aus.

Schon jetzt zeichnet sich deshalb ab, dass die Vertragsverhandlungen zwischen Versicherern und Industrie in den kommenden Wochen hart werden dürften. Traditionell treffen sich beide Seiten nach den Sommerferien, um Verträge und Konditionen für das kommende Jahr zu verhandeln. Dabei wird das Klima zunehmend rauer. Gerade weil Versicherer wie auch Industrie durch die Coronakrise unter einem erheblichen finanziellen Druck stehen.

Die Industrieversicherer leiden bereits seit Jahren, bei den meisten Häusern liegt die Schaden-Kosten-Quote über 100. Das heißt, die Versicherer schreiben Verluste. Das Problem ist längst bekannt, Gegenmaßnahmen mit teils harten Einschnitten wurden überall angegangen.

Schwieriger Umbau bei AGCS

Prominentestes Beispiel dafür ist AGCS. Seit Jahren schreibt sie bereits Verluste. Im ansonsten florierenden Allianz-Konzern ist sie einer der wenigen Sorgenfälle. Das inzwischen eingeleitete Transformationsprogramm zeigt zwar erste Erfolge, vor der dauerhaften Rückkehr in die schwarzen Zahlen steht jedoch ein schwerer Weg.

Denn Corona hat den einst ambitionierten Plänen von Konzernchef Oliver Bäte, mit AGCS bereits im kommenden Jahr in die schwarzen Zahlen zurückzukehren, einen deutlichen Dämpfer versetzt. Ab dem kommenden Jahr will der neue AGCS-Chef Joachim Müller nun eine deutlich verbesserte Profitabilität und bis 2024 den vollständigen Turnaround schaffen.

Im ersten Halbjahr schaffte AGCS getrieben durch den allgemeinen Preisanstieg ein Wachstum von 25 Prozent, normal wären es fünf Prozent gewesen. „Unsere Schaden-Kosten-Quote von 116,8 Prozent bedeutet jedoch hohe Belastungen durch Covid-19“, erklärte Giulio Terzariol, der Finanzvorstand der Allianz, bei der Präsentation der Zahlen im August. Ohne Corona hätte die Quote bei erfreulichen 99 Prozent gelegen.

Ähnlich erging es vielen Wettbewerbern, die nun ebenfalls ihre eingeleiteten Reformprozesse noch einmal verschärfen müssen. Bei ihren Kunden konnten sie keine höheren Preise durchsetzen, stehen die doch selbst finanziell massiv unter Druck. „Generell sind Luftfahrt, Automotive und Tourismus nachhaltiger geschädigt als beispielsweise Medizintechnik, IT oder Telekommunikation“, heißt es beim Berater EY Innovalue.

Nun fürchten die Experten gerade in den Bereichen Gastronomie und Tourismus zunehmend Insolvenzen. Auch die Zahl an Neugründungen dürfte deutlich geringer ausfallen als in den Vorjahren. „Das Renewal nach den Sommerferien schlank über die Bühne zu kriegen ist damit Geschichte“, kommentiert der Versicherungsberater Marsh die Lage.