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„Kontakte weiter einzeln nachzuverfolgen, ist ein schwerer Fehler“ – Lauterbach fordert Strategiewechsel

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Gesundheitsämtern in mehreren Städten gelingt es nicht mehr, alle Kontakte von Infizierten nachzuvollziehen. Das RKI muss nun handeln, meint der SPD-Politiker.

Der SPD-Gesundheitspolitiker fordert ein Umdenken bei der Kontaktnachverfolgung. Foto: dpa
Der SPD-Gesundheitspolitiker fordert ein Umdenken bei der Kontaktnachverfolgung. Foto: dpa

Corona stellt die Mitarbeiter des Frankfurter Gesundheitsamtes derzeit vor große Herausforderungen: Täglich registriert die Behörde zwischen 100 und 200 neue Infektionsfälle. Jeden einzelnen Kontakt eines Infizierten nachzuverfolgen, ist nicht mehr möglich. Und das, obwohl bereits 60 Soldaten die Mitarbeiter unterstützen.

„Eine solche Fülle kann man nicht mehr im Detail abarbeiten, das ist ganz klar“, sagte René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, an diesem Freitagmorgen im ZDF-„Morgenmagazin“. Nun komme es darauf an, die Fälle zu priorisieren, um zumindest noch die Risikogruppen zu schützen.

Die Behörde in der Mainmetropole steht exemplarisch für Ämter in anderen deutschen Städten. Regierungssprecher Steffen Seibert räumte an diesem Freitagmittag ein, dass bereits mehrere Gesundheitsbehörden überlastet seien. Die Mitarbeiter dort sind nicht mehr in der Lage, alle Infektionsketten nachzuverfolgen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach betrachtet die Entwicklung mit großer Sorge. „Die Corona-Kontaktverfolgung steht vor dem Kollaps“, schrieb der Politiker am Freitagnachmittag auf Twitter.

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Bund, Länder und Robert Koch-Institut (RKI) setzen derzeit auf Einzelfall-Nachverfolgungen. Nach Ansicht von Lauterbach macht es in Anbetracht der Entwicklung allerdings keinen Sinn mehr, daran weiter festzuhalten. Ein Strategiewechsel muss her, ist der 57-Jährige überzeugt.

Damit meint er die retrospektive Cluster-Aufarbeitung. „Sobald ein neuer Corona-Fall auftaucht, wird systematisch abgefragt, ob die Person in den fünf Tagen vor der Ansteckung zu einem bestimmten Zeitpunkt eng mit vielen anderen Menschen zusammen war, etwa in einer Schulklasse, bei einer Chorprobe, einer Feier, in einer Pflegeeinrichtung“, erläuterte der sozialdemokratische Gesundheitsexperte im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) die Idee dahinter.

„Dann jagt man nicht allen Einzelkontakten der Person nach, sondern kontaktiert gezielt nur diejenigen, die an den Clustern beteiligt waren, also Mitschüler, Chormitglieder und so weiter.“ Die Mitglieder des Clusters sollen sich Lauterbach zufolge anschließend zehn Tage in Quarantäne begeben.

Nach fünf Tagen häuslicher Isolation sei es möglich, durch ein negatives Testergebnis diese zu verlassen. In Japan kam die Strategie laut dem Gesundheitsexperten bereits zum Einsatz.

Die Corona-Lage in Deutschland hat sich zuletzt deutlich zugespitzt: Das RKI meldete am Donnerstag und Freitag jeweils mehr als 11.000 neue Fälle, vor einer Woche waren es noch etwa 7000 gewesen. Laut dem jüngsten Lagebericht des RKI wurden in den vergangenen sieben Tagen 56,2 Fälle pro 100.000 Einwohner in Deutschland registriert. Damit ist quasi die gesamte Bundesrepublik Risikogebiet.

Die Zahl der Patienten, die hierzulande auf der Intensivstation behandelt werden müssen, hat sich dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin zufolge in nur einer Woche auf mehr als 1100 Personen fast verdoppelt. Schon jetzt gibt es einen Mangel beim Pflegepersonal.

Wegen der Entwicklung hatte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag eine Pressekonferenz abgehalten. Dort lehnte er eine Änderung der Corona-Strategie ab. „Das Robert Koch-Institut muss jetzt endlich den Schalter umlegen“, warnte Lauterbach im NOZ-Interview. Kontakte weiterhin einzeln nachzuverfolgen, sei ein schwerer Fehler, der in eine Sackgasse führe. „Wir sehen doch, dass das derzeitige Verfahren an immer mehr Orten kollabiert“, so Lauterbach.

Nach Einschätzung des Gesundheitsexperten ist es derzeit noch möglich, einen vollkommenen Kontrollverlust abzuwenden. Vorausgesetzt, die Strategie werde unverzüglich geändert. „Wenn die Ämter die Einzelfall-Nachverfolgung stoppen, wird sofort ausreichend Personal frei, um Cluster-Mitglieder zu kontaktieren“, sagte Lauterbach.