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Den Aktienmärkten droht eine weitere Runde Achterbahnfahrt

Wer auf eine ruhigere Sommerzeit gehofft hat, dürfte kommende Börsenwoche erneut enttäuscht werden. Neben den schwelenden Handelskonflikten wird der Ölpreis-Anstieg immer mehr zum Risiko.

War das nur ein vorübergehendes Strohfeuer – oder können Anleger jetzt auf einen nachhaltigen Trendwechsel am Aktienmarkt hoffen? Am Freitag stoppten Dax und Co. ihre Verlustserie der vorangegangenen Handelstage. Die meisten europäischen Börsen verzeichneten deutliche Kursaufschläge.

Für Kauflaune bei den Investoren sorgte der Kompromiss zur Migrationspolitik. Die EU-Staaten einigten sich darauf, auf freiwilliger Basis Asylzentren innerhalb der EU einzurichten und Aufnahmelager für Flüchtlinge in Drittstaaten zu prüfen.

„Nun könnten die schwelenden Sorgen um den Streit der Schwesterparteien CDU und CSU nachlassen“, sagte Marktanalyst Timo Emden von Emden Research. Neben den schwelenden weltweiten US-Handelskonflikten war es zuletzt vor allem die Sorge vor einer Eskalation der Regierungskrise in Deutschland wegen des Streits über die Aufnahme von Flüchtlingen, die Anleger in Deckung gingen ließ. Der Dax büßte vergangene Woche zeitweise fast drei Prozent auf unter 12.200 Punkte ein, bevor der deutsche Bluechip-Index zum Richtungswechsel ansetzte.


Ein großes Risiko für die weitere Entwicklung an den Börsen bleiben die von US-Präsident Donald Trump angezettelten internationalen Handelskonflikte. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die weltweit wichtigsten Aktienindizes seit den Höchstkursen Ende Januar im Schnitt etwa ein Zehntel an Wert eingebüßt haben. Das entspricht umgerechnet etwa acht Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung, die seitdem vernichtet worden sind.

Die meisten Fachleute rechnen mit anhaltend turbulenten Wochen und Monaten an den Aktienbörsen. „Bislang preisen die Märkte lediglich einen Handelskonflikt und keinen Handelskrieg ein“, gibt Stefan Kreuzkamp zu bedenken, der Chef-Anlagestratege beim Vermögensverwalter DWS.

Hintergrund: Der Ton zwischen Washington, Peking und Brüssel ist zuletzt aggressiver geworden. China droht mit Vergeltung gegen die Ausweitung von Zöllen durch die USA, die Europäische Union setzt Gegenmaßnahmen zu den US-Strafzöllen auf Aluminium- und Stahleinfuhren in Kraft. Investoren sind alarmiert und schicken die Kurse auf Achterbahnfahrt - auch am hiesigen Aktienmarkt.

„Deutschlands Börsenampeln stehen nicht auf Grün, sondern auf Orange“, warnt Robert Greil mit Verweis auf die anhaltenden politischen Risiken, allen voran auf die drohenden US-Importzölle auf Autos aus Europa. Schließlich hingen 45 Prozent der Umsätze aller Dax-Unternehmen an der Autoindustrie. Der Stratege sieht daher die Kursgewinne vom Freitag lediglich als Zwischenerholung an. Die Dax-Perspektiven blieben zunächst einmal eingetrübt.


Jüngster Unruhestifter in Sachen protektionistischer Vorhaben aus Übersee: Trump hat sich einem Medienbericht zufolge für einen Austritt der USA aus der Welthandelsorganisation (WTO) ausgesprochen. Der US-Präsident habe dies „100-mal“ angedroht, berichtete das Nachrichtenportal Axios am Freitag unter Berufung auf einen Insider. Trump habe erklärt: „Ich weiß nicht, warum wir Mitglied sind.“ Die WTO sei von der restlichen Welt geschaffen worden, um die USA über den Tisch zu ziehen.

Damit der Dax die 12.000er-Marke verteidigen könne, sei eine verbale „Feuerpause“ bei den Handelskonflikten notwendig, meint Vermögensverwalter Thomas Metzger vom Bankhaus Bauer. Doch stehe inzwischen fest, dass sich die Spirale abwärts drehe, warnt Marktanalyst Jochen Stanzl vom Brokerhaus CMC Markets.

Wegen protektionistischer Eskalationen senkten führende Konjunkturforschungsinstitut bereits ihre Prognosen. So geht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt nur um 1,9 Prozent steigt, statt wie bisher erwartet um 2,4 Prozent. Zudem war die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Unternehmen im Juni so schlecht wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Das geht aus dem vergangene Woche präsentierten Ifo-Geschäftsklimaindex hervor.


Auch in der ersten Juli-Woche dürften zahlreiche Wirtschaftsindikatoren verdeutlichen, dass der Gegenwind für die weltweite Konjunktur zunimmt. So steht gleich am Montag in den USA der ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe an. Am Donnerstag gibt dann der private US-Jobvermittler ADP einen Vorgeschmack auf die offiziellen Beschäftigungszahlen der US-Regierung, die zum Wochenschluss veröffentlicht werden.

In Deutschland richtet sich der Anlegerfokus ebenfalls ab Donnerstag auf neue Daten zu den Auftragseingängen der Industrie sowie der Industrieproduktion. Analyst Michael Holstein von der DZ Bank geht von einem Rückgang aus. „Das verschlechterte internationale Umfeld wirkt sich dämpfend auf die Aktivität im deutschen Industriesektor aus.“

Werden die boomenden Ölpreise zum Konjunktur-Killer?

Unter besonderer Beobachtung der Akteure dürfte zudem auch der Rohölmarkt stehen. In der abgelaufenen Woche kletterten die Notierungen so stark wie seit zwei Monaten nicht mehr. Einige Experten fürchten, dass sich dies negativ auf die Konjunktur auswirken könnte, weil der Preisboom die Inflationsraten befeuert - und damit die Notenbanken zu einem beschleunigten Rückzug aus ihrer lockeren Geldpolitik zwingen könnte.

US-Leichtöl der Sorte WTI verteuerte sich in New York zuletzt innerhalb von fünf Handelstagen um mehr als sieben Prozent auf gut 74 Dollar je Barrel (159 Liter). Damit verzeichnete die Notierung das vierte Quartalsplus in Folge. Auslöser sind vor allem Spekulationen darüber, dass die zugesagte Ausweitung der Fördermengen durch Saudi-Arabien nicht ausreichen könnte, um Angebotsausfälle zu kompensieren. Solche Engpässe könnten wegen der verschärften US-Sanktionen gegen Rohstoff-Importe aus dem Iran entstehen.


„Es droht ein Szenario, dass der Ölpreis Kurs auf die Marke von 100 US-Dollar nehmen könnte“, warnt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter J.P. Morgan Asset Management. Es steige die Gefahr, dass in den kommenden Jahren die Nachfrage das Angebot übersteigen könnte, da durch die Kündigung des Iran-Abkommens und auch das politische Chaos in Venezuela aus diesen Ländern weniger Produktion zu erwarten sei.

Und ein weiter steigender Ölpreis wäre laut dem Experten ein schlechtes Omen: „Seit den 70er-Jahren, als der hohe Ölpreis Rezessionen und Stagflation in der Weltwirtschaft ausgelöst hat, stehen steigende Ölnotierungen im Verdacht, ein Konjunkturschreck zu sein“, so Galler. Denn bei fünf der letzten sechs Rezessionen in den USA sei im Vorfeld ein kräftigen Anstieg der Ölpreise zu beobachten gewesen.

Inzwischen hat sich das „Schwarze Gold“ allein seit Jahresbeginn um ein Fünftel verteuert. Im Vergleich zum Juni 2017 haben die Preise im Schnitt sogar um satte 60 Prozent zugelegt. Die maßgeblichen Gefahren, die nun drohen: „Neben dem Effekt steigender Konsumentenpreise, die das Einkommen der Privathaushalte schmälern und damit die Konsumneigung beeinträchtigen, ist es die Zinsreaktion der Notenbank auf die steigende Inflation, die letztendlich das Wachstum verlangsamt und eine Rezession auslöst“, so der Experte.

Dax und Dow wohl auch im zweiten Halbjahr im Korrekturmodus

Die erst am Freitag vorgelegten neuen Inflationszahlen für die Euro-Zone bestätigen den enormen Einfluss des Ölpreis-Booms auf die aktuelle Teuerung: Die Inflationsrate kletterte in den 19 Ländern der Währungsunion im Juni auf 2,0 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag auf Basis vorläufiger Daten mitteilte. Als mit Abstand größter Preistreiber erwies sich dabei Energie, die sich um 8,0 Prozent verteuerte.

So wie die meisten anderen Fachleute auch rechnet Galler zwar nicht damit, dass die Europäische Zentralbank deswegen ihre Geldpolitik schneller strafft. In den USA sei die Inflation jedoch mit 2,8 Prozent deutlich höher als in Europa. „Das Risiko, dass ein anhaltend steigender Ölpreis zumindest im Jahr 2019 zu einer zusätzlichen Verschärfung der Geldpolitik in den USA führt, ist aufgrund der boomenden Wirtschaft und des höheren Inflationslevels signifikant höher als in Europa“, resümiert der Stratege.

Unter dem Strich dürften Dax, Dow Jones und andere Indizes wegen der zunehmend schwierigeren Gemengelage nach Einschätzung der meisten Börsenprofis zunächst auch im zweiten Halbjahr im Korrekturmodus bleiben. „Ein Ende der Hausse erwarten wir zwar nicht“, sagte Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch. Gleichwohl sollten die Konflikte die Stimmung an den Börsen noch eine ganze Weile dämpfen und zu weiteren Kursrücksetzern führen.