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AKTIE IM FOKUS 4: Wirecard in Händen der Zocker - Kurs mehr als verdreifacht

(neu: Schlusskurs, Deutsche Börse zum Dax-Regelwerk)

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Aktien des nach einem Bilanzskandal ums Überleben kämpfenden Zahlungsdienstleisters Wirecard <DE0007472060> sind endgültig zum Spielball von Spekulanten geworden. Nach einem Verlust von knapp 99 Prozent in sieben Handelstagen hatten sich der Kurs am Montag zeitweise mehr als verdreifacht bis auf über vier Euro.

Zum Handelsschluss gewannen die Papiere des Zahlungsabwicklers 154,49 Prozent auf 3,26 Euro. Am vergangenen Freitag waren sie noch auf dem Weg zum Pennystock. Der Kurs lag mit zeitweise 1,08 Euro nur noch knapp über einem Euro. Zum Vergleich: Vor gut zwei Monaten kosteten die Papiere über 140 Euro und Mitte Juni notierten sie immer noch über 100 Euro.

Nach dem Quasi-Totalverlust müssen die Wirecard-Aktien nach aktuellem Stand erst im September ihren Platz im Dax <DE0008469008> räumen. Die Deutsche Börse kündigte nun aber an, ihr Regelwerk für eine Dax-Mitgliedschaft zu überarbeiten. Am Dienstag fliegen Wirecard bereits aus dem gesamteuropäischen Stoxx Europe 600 <EU0009658202>.

Auslöser der Rally am Montag war die Mitteilung, dass der Vorstand trotz des Insolvenzantrags auf eine Fortführung des Geschäfts setzt. Zudem wurde betont, dass die Wirecard Bank aktuell nicht Teil des Insolvenzverfahrens und der Zahlungsverkehr der Wirecard Bank nicht betroffen ist.

So starke Kursanstiege wie in den ersten Handelsminuten am Montag sind nur zu einem geringen Teil mit fundamentalen Gründen zu erklären, sondern sind vielmehr ein Beleg dafür, dass das Papier auf dem inzwischen niedrigen Niveau vor allem von Investoren gekauft wird, die nach dem Kursabsturz auf eine Erholung auf niedrigem Niveau setzen. Bei Wirecard reihte sich in den vergangenen zwei Wochen eine Hiobsbotschaft an die nächste: Nach der abermaligen Verschiebung der Bilanz für 2019, dem Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe und dem Chef-Rücktritt folgte der Antrag auf Insolvenz.

Derweil zieht die Bundesregierung nach dem Milliarden-Bilanzskandal erste Konsequenzen. Das Bundesjustiz- und das Bundesfinanzministerium werden den Vertrag mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) kündigen. Der privatrechtlich organisierte Verein DPR kontrolliert im Staatsauftrag die Bilanzen. Er habe im Fall von Wirecard nach Ansicht der Ministerien versagt, schrieb die "Bild am Sonntag".

Laut einem Pressebericht sind französische Bezahldienstleister und andere Parteien an Geschäftsteilen des deutschen Konkurrenten interessiert. Dies entspreche seiner Einschätzung, dass der Konkurrent Worldline samt übernommener Tochter Ingenico potenzielle Profiteure der Wirecard-Malaise seien, schrieb Paul Kratz vom Analysehaus Jefferies. Mögliche Übernahmen von Wirecard-Teilen sieht er aber skeptisch, da beide gut genug aufgestellt seien, um Wirecard-Kunden aus eigener Kraft zu sich zu holen.