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Was Ökonomen zu einem Lockdown light sagen

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Wissenschaftler blicken differenziert auf die Debatte um einen Lockdown light. Infektionsketten sollten zwar unterbrochen, dafür aber nicht die gesamte Wirtschaft lahmgelegt werden.

In der Innenstadt vom bayerischen Pfarrkirchen zeigt die Ampel Rot. Wegen exponentiell steigender Corona-Zahlen gelten im Landkreis Rottal-Inn strikte Ausgangsbeschränkungen. Foto: dpa
In der Innenstadt vom bayerischen Pfarrkirchen zeigt die Ampel Rot. Wegen exponentiell steigender Corona-Zahlen gelten im Landkreis Rottal-Inn strikte Ausgangsbeschränkungen. Foto: dpa

Vor einem zweiten Lockdown haben viele Unternehmen Angst, und das völlig zu Recht, meinen Ökonomen. „Es wäre sträflich naiv zu glauben, der zweite Lockdown sei nur eine Wiederholung des ersten. Die wirtschaftspolitischen Instrumente sind weitgehend ausgereizt“, warnt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), im Handelsblatt-Gastbeitrag. Er verlangt: „Wir müssen uns auch deshalb der ethisch herausfordernden Aufgabe stellen, zwischen konkurrierenden Grundrechten abzuwägen.“ Die Gesellschaft müsse lernen, mit dem Virus zu leben.

Die meisten Ökonomen blicken seit vergangener Woche, als die Zahl der Neuinfektionen erstmals über 10.000 pro Tag stieg, mit Sorge auf die Entwicklung. „Es kann keine wirtschaftliche Erholung geben, wenn die Pandemie nicht unter Kontrolle ist. Es besteht kein Konflikt zwischen gesundheits- und wirtschaftspolitischen Anliegen“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Seit die zweite Corona-Welle durch Europa rollt, ist der anfangs starke Aufschwung nach der Rezession wieder gebremst worden. Das Ifo-Geschäftsklima wies darauf hin, dass ein erneuter Abschwung bevorstehen könnte. Auch die Ifo-Exporterwartungen zeigten schlechte Aussichten für die nächsten Wochen.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), ist überzeugt: „Der größte Schaden für die deutsche Wirtschaft entsteht durch eine starke, lang anhaltende zweite Infektionswelle, nicht durch gezielte Beschränkungen des täglichen Lebens.“ Je weniger die Lage unter Kontrolle sei, desto stärker werde das Vertrauen leiden. Wenn viele sich ansteckten, fehlten sie in den Betrieben. Weniger Konsum, weniger Investitionen und ein neuerlicher Abschwung wären die Folge.

Allerdings plädieren weder Fuest noch Fratzscher für einen Lockdown wie im Frühjahr. Fuest ist für „regionale Mini-Lockdowns“ in Gegenden mit hohen Infektionsraten, etwa Berchtesgaden. Fratzscher fürchtet allerdings, dass das angesichts fast überall stark steigender Zahlen nicht mehr ausreicht, und verlangt Beschränkungen von Kontakten zwischen Haushalten, Versammlungen und Reisen, um die Ansteckungsketten zu unterbrechen. „Das dürfte zwar einige Branchen hart treffen, würde aber die Gesamtwirtschaft wirtschaftlich schützen“, sagte er. Je früher ein so beschränkter kleiner Lockdown käme, desto besser würden Gesundheit und Wirtschaft geschützt.

Offene Grenzen und Schulen

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum verweist darauf, dass „das Infektionsgeschehen aktuell stark von privaten Treffen, Feiern und Veranstaltungen in geschlossenen Räumen getrieben“ werde. Wenn diese Aktivitäten bis auf Weiteres verboten oder zumindest stark eingeschränkt würden, „dann halten sich auch die wirtschaftlichen Auswirkungen in Grenzen“.

Bei mangelndem Erfolg dieser Maßnahmen wäre es der nächste notwendige Schritt, Restaurants, Theater und Sportstätten zu schließen. Um Lockdowns abzuwenden, fordern Südekum und Fuest erheblich mehr Tests im Alltag. Dann könnten Infizierte schneller isoliert werden, und für negativ Getestete könnte der normale Tagesablauf erhalten bleiben: „Es ist mir unverständlich, warum im Sommer so wenig im Bereich der Schnelltests passiert ist“, so Südekum.

Einig sind sich die Ökonomen darin, was nicht kommen sollte: Grenz- und Schulschließungen. „Grenzschließungen bringen nichts, das Virus ist doch längst da“, sagt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Der Wirtschaft würden sie maximal schaden. Wichtig sei auch, die Schulen offen zu halten. „Das entlastet die Familien und auch die Unternehmen, weil die Arbeitnehmer nicht wegen Kinderbetreuung ausfallen.“

Einen weitgehend auf das Privatleben beschränkten zeitweiligen Lockdown light halten Wirtschaftsvertreter für hinnehmbar. „Die Wirtschaft darf nicht lahmgelegt werden“, sagt Reinhold von Eben-Worlée vom Familienunternehmerverband. „Handel, Produktion und Dienstleistungen müssen weiterlaufen, genauso wie Schulen und Kitas“, verlangt er. Die meisten Hotels und Restaurants hätten Hygienekonzepte umgesetzt, sie müssten unter Auflagen weiter tätig sein dürfen.