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Snapchat: Die Sexting-Falle schnappt zu

Nils Jacobsen
Snapchat: Die Sexting-Falle schnappt zu

Ein Gespenst geht um: Teenager, die von sich selbst Bilder schießen und diese ihren Freunden senden. Es sind freilich nicht irgendwelche Fotos, sondern zumeist anzügliche Schnappschüsse, die über die Boom-App Snapchat versendet werden. Snapchat ist das nächste große Ding der Internet-Branche: Das zwei Jahre alte Start-up ist bereits vier Milliarden Dollar wert...

Wenn Anthony Weiner die Zeit zurückdrehen könnte, dann wünschte der erfolgslose New Yorker Bürgermeister-Kandidat zumindest wohl, er hätte sich intensiver mit seinem Smartphone beschäftigt. 2011 war es, als der damals 46-Jährige gegenüber einer College-Studentin via Twitter tatsächlich eröffnete: "Ich habe eine riesige Beule in meiner Hose".

Das war noch eine Direct Message. Dann die verhängnisvolle Frage zurück: "Yea! Kannst du mir ein Bild schicken?" Weiner konnte – und fackelte nicht lange. Dumm nur: Das Bild der ausgebeulten Männlichkeit ging nicht an den fatalen Online-Flirt, sondern an seine 56.000 Follower. Weiner hat sich im Message-Fenster verklickt – und um den Job getwittert.

Bereits ein Drittel aller US-Studenten sextet

Mit Snapchat wäre das nicht passiert. Die boomende Foto-App existierte bereits seinerzeit als Tool zu einem neuen Phänomen, das vor allem unter Teenagern grassierte: Sexting. Angeblich ein Drittel aller College-Studenten versandten im vergangen Jahr anzügliche Selfies – Rihanna & Co machten es schließlich vor.

Das von den Stanford-Studenten Evan Spiegel (23) und Bobby Murphy (25) gegründete Start-up bietet aber nicht eine gewöhnliche Foto-Sharing-App wie Instagram an, sondern eine, die wie in einem "Mission Impossible"-Film wirkt: Die versandten Fotos werden mit Timer-Funktion versendet und zerstören sich selbst!

Snapchat-Chef Evan Spiegel wollte nicht für 3 Milliarden Dollar verkaufen

Entsprechend ist das Selfie-Sexting dank Snapchat in den USA längst zum Volkssport geworden – und Gründer Evan Spiegel zum kleinen Mark Zuckerberg. Mit dem Facebook-Chef verbindet Spiegel tatsächlich noch mehr als überbordender Erfolg in jungen Jahren – nämlich die Haltung.

Wie der Facebook-Chef widerstand auch der Snapchat-Gründer den Verlockungen des schnellen Geldes und will partout nicht verkaufen. Über drei Milliarden Dollar belief sich vor wenigen Wochen das stolze Gebot für das gerade mal zwei Jahre alte Unternehmen ohne Umsätze. Der Bieter: Mark Zuckerberg.

Mahnendes Beispiel Instagram: Zu früh verkauft

Evan Spiegel ist offenbar ein Zukauf aus der jüngeren Vergangenheit des weltgrößten Social Networks noch allzu präsent: Die Übernahme der enorm beliebten Foto-App Instagram im Frühjahr vergangenen Jahres für lediglich eine Milliarde Dollar, die damals hoch bezahlt aussah.

Heute wäre Instagram ein Vielfaches wert – vor allem nach dem enorm erfolgreichen Twitter-Börsengang, der den 140-Zeichen-Dienst an den Aktienmärkten in der Spitze mit 25 Milliarden Dollar bewertete. Instagram hätte das neue Twitter sein können – Snapchat will es offenbar werden.

Snapchat besonders bei Frauen beliebt

Zur Zeit ist Snapchat indes in allererster Linie eine Wachstumswette. Doch was für eine! Enorme 400 Millionen Bilder wurden zuletzt von Snapchattern binnen eines Tages geteilt – das ist mehr als bei Facebook Nachrichten. Tatsächlich wird über kein Social Network der Welt aktuell so viel geteilt wie beim Selfie-Schnappschuss-Netzwerk.

Und das überraschenderweise vor allem vom schwachen Geschlecht. 70 Prozent der Snapchat-Nutzer sind weiblich, streute Evan Spiegel vergangene Woche am Rande einer Investorenkonferenz von Goldman Sachs. Kein Wunder: Miley Cyrus & Co leben den Selfie–Selbstinszenierungstrend schließlich täglich vor.

Finanzierungsrunde zu Bewertung von 4 Milliarden Dollar abgeschlossen

Ob Snapchat dem grassierenden Hype auch betriebswirtschaftlich gerecht wird, erscheint aktuell noch völlig offen. Doch die großen Player der Internet-Welt glauben an den Shootingstar: Der chinesische Internet-Riese Tencent führte jüngst eine Finanzierungsrunde auf Basis einer erstaunlichen Bewertung von nunmehr schon 4 Milliarden Dollar an.

Interessierte Investoren dürften kaum weniger werden: Snapchat bleibt das prädestinierte Übernahmeziel. Ob Spiegel beim richtigen Preis nicht doch schwach wird, erscheint fraglich. Bis dahin gilt: Bitte immer schön recht freundlich in die Kamera lächeln.

Fast scheint es, als habe sich Evan Spiegel seine aktuelle Freundin Lucinda Aragon nach den Snapchat-Selfie-Qualitäten ausgesucht: "Die Model-Freundin des Snapchat-CEO ist auf so ziemlich jedem Bild oben ohne zu sehen", stellt der Business Insider fest. Passt ja.