Deutsche Märkte schließen in 7 Stunden 51 Minuten
  • DAX

    15.560,82
    +44,99 (+0,29%)
     
  • Euro Stoxx 50

    4.167,34
    +0,51 (+0,01%)
     
  • Dow Jones 30

    35.457,31
    +198,70 (+0,56%)
     
  • Gold

    1.776,50
    +6,00 (+0,34%)
     
  • EUR/USD

    1,1623
    -0,0015 (-0,13%)
     
  • BTC-EUR

    55.036,82
    +1.174,51 (+2,18%)
     
  • CMC Crypto 200

    1.480,99
    +17,64 (+1,21%)
     
  • Öl (Brent)

    82,33
    -0,63 (-0,76%)
     
  • MDAX

    34.639,86
    +49,50 (+0,14%)
     
  • TecDAX

    3.738,08
    -3,85 (-0,10%)
     
  • SDAX

    16.754,25
    +0,17 (+0,00%)
     
  • Nikkei 225

    29.255,55
    +40,03 (+0,14%)
     
  • FTSE 100

    7.212,55
    -4,98 (-0,07%)
     
  • CAC 40

    6.665,31
    -4,54 (-0,07%)
     
  • Nasdaq Compositive

    15.129,09
    +107,28 (+0,71%)
     

Wahlkampf 21: "Ich war überrascht, welche vermeidbaren Fehler gemacht wurden"

·Lesedauer: 7 Min.
Der renommierte Polit-Journalist Stephan Lamby begleitete Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock seit Dezember 2020 durch den Wahlkampf. Sechs Tage vor der Wahl läuft seine Langzeitbeobachtung "Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr" am Montag, 20. September, um 20.15 Uhr im Ersten. (Bild: SWR/MSC/Kuhlmann)
Der renommierte Polit-Journalist Stephan Lamby begleitete Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock seit Dezember 2020 durch den Wahlkampf. Sechs Tage vor der Wahl läuft seine Langzeitbeobachtung "Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr" am Montag, 20. September, um 20.15 Uhr im Ersten. (Bild: SWR/MSC/Kuhlmann)

Für seinen Dokumentarfilm "Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr" (Montag, 20.09., 20.15 Uhr, ARD) hat Dokumentarfilmer Stephan Lamby das Spitzenpersonal der Parteien, die sich Hoffnungen aufs Kanzleramt machen, seit Dezember 2020 intensiv begleitet. Zu welchen Erkenntnissen ist er gelangt?

Der Dokumentarfilmer Stephan Lamby ("Nervöse Republik") gilt als einer der besten Politik-Beobachter Deutschlands. Die Liste seiner Auszeichnungen ist fast ebenso lang wie die seiner Filme. Sechs Tage vor der Bundestagswahl legt der 62-Jährige die 75 Minuten lange Primetime-Dokumentation "Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr" (Montag, 20. September, 20.15 Uhr, ARD) vor. Der Film unterzieht das Spitzenpersonal jener Parteien, die sich Hoffnungen aufs Kanzleramt machen, einer Langzeitbeobachtung. Wichtiges Element des Films sind exklusive Interviews mit Laschet, Scholz, Baerbock, Habeck und Söder, bei denen klar war, dass Lamby der Politikerin und den Politikern Phrasen nicht durchgehen lassen würde. Dabei zeigten sich erstaunliche Unterschiede. Auch die Art des Wahlkampfes 2021 erscheint in Lambys Analyse noch mal in einem anderen Licht.

teleschau: Wie schwierig war es, mitten im Wahlkampf an regelmäßige Interviews mit den Kandidaten und Spitzenkräften der Parteien heranzukommen?

Stephan Lamby: Es war nicht allzu schwierig. Sie kennen meine Filme und ein wenig auch mich. Deshalb gibt es da ein Grundvertrauen. Armin Laschet, Olaf Scholz und Robert Habeck kannte ich vorher bereits persönlich. Die Politiker und Politikerinnen wissen, dass der Film kurz vor der Wahl um 20.15 Uhr im Ersten gezeigt wird. Auch das ist ein Argument. Schwierig war eher, dass zu Beginn der Beobachtungsstrecke im Dezember 2020 außer Olaf Scholz die anderen Bewerber fürs Kanzleramt noch gar nicht feststanden.

teleschau: Sie wollten die Kandidaten durch intensives Begleiten näher kennenlernen. Gelingt dies - auch für die Zuschauer - kann das eine erhebliche Auswirkung auf deren Wahlentscheidung haben. Wie viel Verantwortung tragen Sie da?

Lamby: Es ist eine erhebliche Verantwortung, das ist mir bewusst. Ich habe natürlich auch eine persönliche Zu- oder Abneigung bestimmten Personen oder Parteien gegenüber - aber die haben im Film nichts zu suchen. Wenn ich meine Rolle als Privatmensch und Journalist nicht trennen könnte, wäre es unmöglich, solche Filme zu drehen. Mir geht es darum, politische Vorgänge mit der Kamera zu beobachten, Verhaltensmuster und, wo nötig, Fehlentwicklungen kenntlich zu machen.

Stephan Lamby kam 1959 in Bonn zur Welt. Seit gut 20 Jahren dreht er politische Dokumentationen. Filme wie "Nervöse Republik" oder "Labyrinth der Macht" gewannen hochkarätige Preise. Lamby greift gern auf das Stilmittel der Langzeitbeobachtung zurück - so auch in seiner neusten Arbeit "Wege zur Macht", die den Wahlkampf 2021 begleitet. (Bild: ECO Media)
Stephan Lamby kam 1959 in Bonn zur Welt. Seit gut 20 Jahren dreht er politische Dokumentationen. Filme wie "Nervöse Republik" oder "Labyrinth der Macht" gewannen hochkarätige Preise. Lamby greift gern auf das Stilmittel der Langzeitbeobachtung zurück - so auch in seiner neusten Arbeit "Wege zur Macht", die den Wahlkampf 2021 begleitet. (Bild: ECO Media)

"Die Szene dauert in der Realität quälende fünfeinhalb Minuten"

teleschau: Kanzlerkandidaten müssen ein Bild abgeben, ein gewünschtes Image erfüllen. Ist es unter solchen Voraussetzungen nicht schwer, Menschen authentisch einzufangen?

Lamby: Ich mache seit Ende der 90er-Jahre Filme über Politiker und Politikerinnen in Wahlkampfsituationen und habe, glaube ich, eine gewisse Übung darin, hohle Phrasen in Interviews nicht durchgehen zu lassen. Natürlich gibt es auch in diesem Film Phrasen - aber ziemlich wenige. Diesmal war ich sogar positiv überrascht. Ich finde, die Kandidaten und die Kandidatin haben viel Einblick in Entscheidungsprozesse und auch in ihr Gefühlsleben gewährt.

teleschau: Wer hat sie am meisten überrascht?

Lamby: Armin Laschet hat sehr offen und ehrlich über sein Lachen im Flutgebiet gesprochen. Ein großer Fehler, den er nicht beschönigen wollte. Laschet und Söder haben offen von ihrem Kampf um die Kanzlerkandidatur berichtet. Die großen Spannungen zwischen beiden Parteichefs werden sehr deutlich. Auch Annalena Baerbock hat offen über ihre Fehler im Wahlkampf gesprochen. Sie gibt deutlich zu erkennen, dass sie ihr Buch besser nicht geschrieben hätte. Und Robert Habeck hat über die großen Probleme im Grünen-Wahlkampf gesprochen. Auch er hat nicht versucht, zu beschwichtigen.

teleschau: Der Einzige, der wenig preisgibt, ist Olaf Scholz. Viele sagen, er steht momentan gut da, weil er so zurückhaltend ist. Wer vage bleibt, kann keine Fehler machen, oder?

Lamby: Ja, aber es gibt eine Situation im Film, da gerät auch er ins Schwimmen, weil ich ihm eine Ja-Nein-Frage stelle. Eine, die er nicht beantworten will. Die Szene dauert in der Realität quälende fünfeinhalb Minuten. Ich habe davon eine Minute in den Film genommen. Auch die erscheint noch sehr unangenehm.

14. März 2021: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bespricht in einer Schaltkonferenz des Parteipräsidiums das Ergebnis der Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. (Bild: SWR/ ECO Media TV- Produktion)
14. März 2021: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bespricht in einer Schaltkonferenz des Parteipräsidiums das Ergebnis der Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. (Bild: SWR/ ECO Media TV- Produktion)

"Der Lach-Skandal von Laschet wäre ohne soziale Medien kleiner ausgefallen"

teleschau: Sie befragen Olaf Scholz nach einem aggressiven Wahlwerbespot der SPD, der CDU-Politiker persönlich angreift, aber dann nach einem öffentlichen Einsatz schnell wieder vom Markt genommen wurde. Sie fragen ihn, ob er diesen Spot vorher gesehen hatte ...

Lamby: Er hat immer wieder in Phrasen geantwortet, wollte aber nicht "ja" oder "nein" sagen. Dabei war es eine sehr einfache Frage: Kannten Sie den Spot? Man muss natürlich als Politiker damit rechnen, dass es im Film zu sehen ist, wenn man bei einer einfachen Ja-Nein-Frage mit Phrasen ausweicht. Die Szene erzählt viel über das Interviewverhalten von Olaf Scholz.

teleschau: Haben Sie Dinge über die Kandidaten erfahren, die Sie gewundert haben?

Lamby: Ich war überrascht, welche vermeidbaren Fehler gemacht wurden. In der Frühphase des Wahlkampfes, als die Plagiatsfälle in Annalena Baerbocks Buch offenkundig wurden, haben die Grünen eine E-Mail-Kampagne gefahren, die die Vorwürfe als "Rufmord" bezeichnete. Baerbock hatte sich fest vorgenommen, nicht in die "Schützengräben" der Politik abzusteigen, wie sie sagte. Aber genau das ist passiert. Sie war in dieser Phase überfordert. Auch Armin Laschet war in einem bestimmten Moment überfordert: als Krisenmanager und Ministerpräsident im Katastrophengebiet. Ich bin selbst Rheinländer und habe für Humor in allen möglichen Lebenslagen Verständnis. Trotzdem darf ihm das nicht passieren. Wenn man weiß, dass da 20 Kameras und etliche Handys auf einen gerichtet sind, muss ich auf meine Gesichtszüge achten. Das Fehlverhalten von Baerbock wie von Laschet hat mich überrascht.

teleschau: Wie fanden Sie den Wahlkampf insgesamt?

Lamby: Eher enttäuschend. Es hätte viele Sachthemen gegeben, die absolut dringlich sind, zum Beispiel den Klimawandel. Da gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Kandidaten und der Kandidatin, die nach der Wahl auch zu einer völlig unterschiedlichen Politik führen würden. Doch darüber wurde kaum diskutiert. Stattdessen waren plagiierte Buchpassagen und Lachen im Katastrophengebiet große Themen. Auch frühere Wahlkämpfe wurden unsachlich geführt, zum Beispiel der von Peer Steinbrück 2013, auch ein bisschen der von Martin Schulz 2017. Das macht die Sache nicht besser. 2021 kommt hinzu, dass der Einfluss sozialer Medien enorm zugenommen hat. Der Lach-Skandal von Laschet wäre ohne soziale Medien ein paar Nummern kleiner ausgefallen.

Kandidaten-Langzeitbeobachtung von Dezember 2020 bis September 2021: Annalena Baerbock und Olaf Scholz posieren nach dem "Polittalk" im Mai 2021 auf dem Dach des RBB in Berlin. (Bild: SWR/ ECO Media TV- Produktion)
Kandidaten-Langzeitbeobachtung von Dezember 2020 bis September 2021: Annalena Baerbock und Olaf Scholz posieren nach dem "Polittalk" im Mai 2021 auf dem Dach des RBB in Berlin. (Bild: SWR/ ECO Media TV- Produktion)

"Im Laufe des Wahlkampfes wurde die so genannte 'Putin-Frage' immer wichtiger"

teleschau: Laufen wir Gefahr, einzelne Ereignisse wie Laschets Lachen in der Beurteilung einer Person zu überhöhen oder glauben Sie, dass sich die Wählerinnen und Wähler doch ein ganz gutes Gesamtbild von Kandidaten machen konnten?

Lamby: Es ist schwer, sich ein realistisches Bild der Kandidaten nur über ihre öffentliche Darstellung zu machen. Über zwei Buchseiten von Annalena Baerbock schrieb die "Bild"-Zeitung wochenlang, über die Anschuldigungen gegen Olaf Scholz bei zwei Finanzskandalen hört man jedoch vergleichsweise wenig. Das hat mehrere Gründe, aber auch den, dass ein Finanzskandal schwer zu durchschauen und zu verstehen ist. Ich will nicht sagen, dass Olaf Scholz bei Wirecard oder Cum-Ex irgendeine Schuld trifft, weil das ja nicht erwiesen ist. Es ist aber eben einfacher, sich bei einem unangemessenen Lachen oder bei abgeschriebenen Seiten ein Urteil zu erlauben, als bei komplexen Finanzthemen. Dies liegt auch daran, wie die Vergehen von den Medien aufbereitet werden.

teleschau: Nach welchen Kriterien entscheiden sich die Menschen letztlich für einen der beiden Kandidaten oder die Kandidatin?

Lamby: Im Laufe des Wahlkampfes wurde die Antwort auf die so genannte "Putin-Frage" immer wichtiger.

teleschau: Wie lautet diese Frage?

Lamby: Wem von den Dreien traut man zu, bei einer schweren internationalen Krise mit Putin, Xi Jinping oder den Taliban zu verhandeln? Man schaut sich die drei Bewerber an und überlegt: Behalten sie die Nerven? Sind sie standfest? Kaum jemand wird die Frage im Wahlkampf explizit formulieren, aber sie könnte den Ausschlag geben. Jedenfalls mehr als Parteiprogramme.

teleschau: Und das spricht für Olaf Scholz, oder?

Lamby: Ich bin vorsichtig mit Vorhersagen. Aber das könnte zumindest erklären, warum er sich mit der SPD in einer Phase, in der die anderen Fehler machten, in den Umfragen so nach vorne geschoben hat. Die Leute haben sich an Merkel gewöhnt, und er scheint dem Typus Merkel am ehesten zu entsprechen. Scholz hat im Wahlkampf von Anfang an darauf gesetzt, so ähnlich wie Merkel zu sein. Aber ein Freifahrtschein ins Kanzleramt ist das auch nicht.

Ohne Ton jenseits der Glaswand gefilmt, aber die Gesten sprechen für sich: Armin Laschet muss sich am Tag nach den Wahlniederlagen der CDU bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im März 2021 gegen harte Kritik zur Wehr setzen. (Bild: SWR/ ECO Media TV- Produktion)
Ohne Ton jenseits der Glaswand gefilmt, aber die Gesten sprechen für sich: Armin Laschet muss sich am Tag nach den Wahlniederlagen der CDU bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im März 2021 gegen harte Kritik zur Wehr setzen. (Bild: SWR/ ECO Media TV- Produktion)
Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.