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Christian Sewing erklärt die neue Strategie der Deutschen Bank

Die Deutsche Bank steht vor einem weitreichenden Konzernumbau. Bankchef Christian Sewing nennt Details und rechnet mit der Vergangenheit ab.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank bei der Hauptversammlung im Mai. Foto: dpa

Der Vorstandschef der Deutschen Bank findet deutliche Worte. Christian Sewing hat am Montag in einer Telefonkonferenz den „weitreichendsten Umbau seit Jahrzehnten“ angekündigt. Sein Ziel: Aus der Deutschen Bank soll endlich wieder ein erfolgreiches Geldhaus werden.

Der Aktienkurs reagiert nach der Ankündigung mit Verlusten und notiert zunächst rund 0,4 Prozent schwächer bei 7,15 Euro. „Niemand ist so unzufrieden mit dem Aktienkurs wie ich“, erklärt Sewing. Dann stellt der Chef seinen Zukunftsplan vor und verbindet die neue Strategie mit einem Blick in die Vergangenheit, die zur Generalabrechnung mit seinen Vorgängern gerät. Außerdem gibt Sewing Details zur künftigen Bedeutung der vier Geschäftsbereiche bekannt: Die neue Corporate Bank, die geschrumpfte Investmentbank und die Privatkundenbank sollen, so sein Plan, 2022 je zwei Milliarden Euro zum Gewinn beisteuern, das Asset Management 700 Millionen Euro.

Damit das gelingt, soll der Vorstand laut Sewing künftig weniger operativ entscheiden und dafür „kundenverrückt“ an der digitalen Zukunft arbeiten. Wer nicht mitzieht, müsse die Bank verlassen. Auch die Aktionäre müssten leidensfähig bleiben. Es sei möglich, dass die Bank auch 2020 keinen Gewinn ausweisen könne. Zwar arbeite man daran, „2020 ein ausgeglichenes oder besseres Ergebnis zu erreichen“, sagte Finanzchef James von Moltke. Allerdings gebe es erhebliche Unsicherheiten, die auch aus den Restrukturierungsmaßnahmen herrührten.

Christian Sewings Einlassungen im Einzelnen:

1. Abrechnung mit der Vergangenheit

Christian Sewing, der seine Karriere bei der Deutschen Bank als Auszubildender in Ostwestfalen begonnen hat, lässt keinen Zweifel daran, was er von der 30 Jahre alten Strategie seiner Vorgänger hält, aus der Deutschen Bank eine global agierende Investmentbank zu formen. „Wir müssen unsere traditionellen Werte wiederbeleben und uns auf die Stärken rückbesinnen, die unsere Bank vor 150 Jahren groß gemacht haben“, betont der Vorstandschef.

Das aufgeblähte Investmentbanking sei ein Problem. „Die Bank hat sich in der Vergangenheit zu viele Optionen offengehalten. Wir haben versucht, überall mitzumischen, das hat uns überfordert.“ Diese Jagd nach kurzfristigen Gewinne, die sich langfristig zur Belastung entwickelten, müsse enden. „Künftig wollen wir nur noch dort unterwegs sein, wo wir wettbewerbsfähig sind, wo wir nachhaltige Werte schaffen und wo uns unsere Kunden wollen“, erklärt Sewing.

2. Abbau von Altlasten

Die Deutsche Bank soll sich in den kommenden Jahren fokussieren. So sollen die Schulden sinken und mit ihnen die Fremdkapitalquote. Derart will Sewing offenbar die Zweifel am Geschäftsmodell der Bank abschütteln. Und erklärt: „Wir wollen unseren starken Geschäftsfeldern die Luft zum Atmen geben und uns aus anderen zurückziehen. Erträge maximieren wir dort, wo wir zu den Marktführern gehören.“

Das hat vor allem Folgen für die Investmentbank. Der Aktienhandel soll mit einigen wenigen Ausnahmen aufgegeben werden. Insgesamt sollen die Kosten um sechs Milliarden Euro sinken auf 17 Milliarden Euro pro Jahr, die Zahl der Stellen sinkt um 18.000 auf 74.000. Wie stark einzelne Länder und Standorte betroffen sind, sagt Sewing auch auf Nachfrage zunächst nicht.

„Das ist der schwierigste Teil unserer Pläne“, stellt der CEO mit Blick auf die Entlassungswelle klar. „Wir haben aber eine Verantwortung für die Institution.“ In Asien und in anderen Regionen seien erste Mitarbeiter bereits am Morgen über ihre bevorstehende Entlassung informiert worden.

Um die Bilanz zu entlasten, sollen die in Anspruch genommenen risikogewichteten Aktiva um 40 Prozent sinken. Kümmern soll sich darum eine Abbaubank – „Capital Release Unit“ genannt. Diese „Bad Bank“ soll Aktiva reduzieren und so die Verschuldungsquote verringern. Von den fraglichen Positionen, 74 Milliarden Euro an risikogewichteten Aktiva, sollen 50 Prozent bis Ende 2019 abgebaut sein, mehr als 70 Prozent bis Ende 2020.

3. Stärkung der Wachstumsbereiche

„Wir müssen dort wachsen, wo wir stark sind“, stellt Bankchef Sewing klar. Ziel sei es, 2022 nicht mehr 93 Cent für jeden eingenommenen Euro auszugeben, sondern nur noch 70 Cent. Unter dem Strich sollen dann Erträge von über 25 Milliarden Euro stehen und ein Vorsteuergewinn von mehr als sechs Milliarden Euro.

Das Herz soll die neue Corporate Bank bilden, in der das Geschäft mit Unternehmens- und Mittelstandskunden gebündelt wird. Diese Einheit soll europäische Firmenkunden umfassen, betreuen und global begleiten, aufbauend auf einer starken Transaktionsbank. 2022 soll sie Erträge von sechs Milliarden Euro und einen Vorsteuergewinn von zwei Milliarden Euro erzielen.

„Die Investmentbank wird schrumpfen, aber sie soll ein wichtiger Partner für unsere institutionellen Kunden bleiben“, erklärt Sewing. In ihren Kerngeschäftsfeldern solle sie zu den fünf stärksten Häusern der Welt zählen, darunter in der Kreditfinanzierung, bei forderungsbesicherten Wertpapieren, im Unternehmensimmobiliengeschäft und im Devisen- und Fremdwährungshandel. Zwar wird der Aktienhandel abgebaut, Börsengänge (IPOs) sollen aber weiterhin begleitet werden. 2022 soll die Investmentbank 7,5 Milliarden Euro an Erträgen und einen Vorsteuergewinn von zwei Milliarden Euro erwirtschaften.

Die Privatkundenbank soll weiter wachsen und Marktführer in ihrem Heimatmarkt bleiben. Die Digitalisierung und die Postbank-Integration sollen weitere Synergien freisetzen. Global soll die Vermögensverwaltung für reiche Privatkunden ausgebaut werden, insbesondere in Asien, Nord- und Südamerika und im Nahen Osten. 2022 soll die Privatkundenbank zehn Milliarden Euro an Erträgen beisteuern und einen Vorsteuergewinn von zwei Milliarden Euro.

Kern der Deutschen Bank bleibt laut Sewing das Asset Management rund um die Tochter DWS, die 700 Milliarden Euro an Vermögen verwaltet. Ein Verkauf der Beteiligung wird damit nicht weiter verfolgt. Global soll die DWS zu den zehn Marktführern zählen und zuvorderst in Asien wachsen. 2022 soll sie rund 2,5 Milliarden Euro an Erträgen und über 700 Millionen Euro an Gewinnen beisteuern.

4. Neuer Führungsstil

„Dieser Umbau wird eine Zeitenwende für die Deutsche Bank sein. Wir wollen den Vorstand enger an den Rest der Bank anbinden“, erklärt Sewing. „Wir müssen nicht kundenzentriert, sondern kundenverrückt denken.“

Diese neue Mentalität fordert die ersten Opfer: Investmentbank-Chef Garth Richie geht, auch Privatkundenvorstand Frank Strauß. Neu hinzu kommt Ex-SAP-Vorstand Bernd Leukert, der sich um Technologie, Daten und Innovation kümmern soll.

Die vier verbliebenen Geschäftsbereiche werden nicht mehr durch ihren Chef im Vorstand vertreten sein. Um die operative Steuerung kümmert sich ein neues „Global Management Committee“.

Klar ist: Der Totalumbau der Bank verschlingt zunächst einmal viel Geld. So sollen die Dividendenzahlungen 2019 und 2020 ausfallen. Die Bank wird 2019 erneut einen Verlust ausweisen und 2020 laut Finanzchef James von Moltke „plus minus null“ abschließen. Allerdings gebe es erhebliche Unsicherheiten, beispielsweise wann genau Umbaukosten verbucht würden. Weitere Boni-Nullrunden soll es aber nicht geben.

Nach 2020 sollen dann auch die Aktionäre wieder profitieren: Nach dem Abschluss des Umbaus stellte der Vorstandschef neue Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe in Aussicht. „Wir werden eine Bank sein, auf die alle stolz sein können“, kündigt Sewing an.

So folgerichtig sein Totalumbau auch sein mag: Am Aktienmarkt lösten die Ankündigungen zunächst keine Euphorie aus. Zum Ende der Telefonkonferenz notieren die Deutsche-Bank-Papiere im Minus, nachdem sie mit einem Plus von mehr als drei Prozent in den Handel gestartet waren.