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„Tiefe Wunde der Rezession“: IWF erwartet Rückschläge für die Weltkonjunktur

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Die Industrieländer kommen besser als erwartet durch die Krise. Aber die Rückkehr zur Normalität dürfte für fast alle Staaten ein langer Weg werden. Vor allem ein Land bereitet dem IWF Sorgen.

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Rezession tiefer als befürchtet. Foto: dpa
In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Rezession tiefer als befürchtet. Foto: dpa

Die Welt wird auch in den kommenden Jahren eine ärmere sein als Ende 2019: Eine komplette Rückkehr der globalen Wirtschaft zum Wachstumspfad der Vorkrisenzeit dürfte es in den nächsten Jahren kaum geben. Denn die Rezession im ersten Halbjahr 2020 war so tief, dass auch nach der aktuellen Aufschwungsphase die Wirtschaft wahrscheinlich in keinem Land vollständig genesen wird.

Das jedenfalls erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner neuen Herbstprognose, die er am Dienstag veröffentlicht hat. Sie trägt den Titel „Ein langer und mühsamer Anstieg“ aus dem Rezessionstal.

Erstmals seit Beginn der Pandemie hat der IWF die bleibenden Schäden analysiert: In den Industrieländern etwa wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in der Periode 2019 bis 2025 wohl nur um knapp fünf Prozent wachsen, anstatt um neun Prozent, der Wachstumsrate für die Periode 2013 bis 2018.

Bleibende Schäden für die Wirtschaft

Die IWF-Ökonomen um Gita Gopinath erwarten, dass es bis weit ins nächste Jahr hinein immer wieder Infektionswellen geben wird, die „social distancing“ erfordern. Viele Dienstleistungsbranchen werden daher schrumpfen müssen, sie erwarten nach der Konjunktur- eine Strukturkrise, unter der wiederum viele Sektoren wie die deutsche Autoindustrie schon 2019 litten.

Sobald die akute Phase der Wirtschaftskrise vorbei sei, müssten die Regierungen deshalb ihre Hilfsprogramme so umbauen, dass sie, beginnend 2021, nicht länger Arbeitsplätze im Tourismus, bei Restaurants und Veranstaltern erhalten, sondern die dort Beschäftigten dabei unterstützen, in Wachstumssektoren zu wechseln, schreibt Gopinath, etwa in den E-Commerce oder ins Gesundheitswesen.

Die positive Nachricht des „World Economic Outlook“ (WEO) allerdings ist, dass die Rezession doch nicht ganz so tief war, wie der IWF in seiner Juni-Prognose befürchtet hatte: Statt um 5,2 Prozent schrumpft die Weltwirtschaft demnach 2020 um 4,4 Prozent. Die US-Wirtschaft schrumpft um 4,3 statt acht Prozent; Deutschland um 6,0 statt 7,8 Prozent, Frankreich um 9,8 statt 12,5 Prozent.

In allen Industrieländern war der Einbruch im zweiten Quartal nicht ganz so tief und der Wiederaufschwung im dritten Quartal stärker als im Juni erwartet.

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen ist die Rezession tiefer als befürchtet, zum Beispiel in Indien und in den ärmsten Ländern Afrikas. Eine positive Wachstumsrate von 1,9 Prozent erreicht 2020 nur China.

Tiefe Wunden der Rezession

Während die – im historischen Vergleich noch immer desaströsen – Prognosen für 2020 besser ausfielen, sind die Wachstumsprognosen für 2021 schwächer als noch im Juni erhofft: Von dem weniger tiefen Einbruch ist die Erholung dann geringer. Für Deutschland etwa erwartet der IWF ein Wachstum von 4,2 Prozent statt 5,4 Prozent.

„Die tiefen Wunden der Rezession zeigen sich am Arbeitsmarkt“, so Gopinath: Bis Mitte 2020 fehlten gegenüber Ende 2019 weltweit Arbeitsstunden im Umfang von 550 Millionen Vollzeitstellen. Frauen, die eher in Dienstleistungsberufen und im Niedriglohnsektor arbeiten als Männer, waren stärker betroffen.

Viele Regierungen und die Notenbanken erhalten Lob vom IWF: Der Europäische Wiederaufbaufonds, die Anleihekaufprogramme der Notenbanken auch in Schwellenländern und der Einsatz digitaler Technologien bei der Verteilung von Sozialhilfe in Südafrika zeigten die Bereitschaft vieler Regierungen, neue Wege zu gehen.

Der IWF empfiehlt Steuererhöhungen

Der IWF empfiehlt zudem, in den nächsten Jahren massiv öffentliche Investitionen und gezielte Ausgaben für Bildung und Gesundheit hochzufahren: Das stärke dauerhaft das Wirtschaftswachstum. Auch Ausgaben für den klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft seien gut angelegtes Geld: In den nächsten Jahrzehnten könnten so im Vergleich zu einem Weiter-so-Szenario wirtschaftliche Schäden durch Hitze, Stürme und Überschwemmungen erheblich verringert werden.

Subventionen, die dem Wachstum nicht dienten, auch solche in fossile Energien, sollten die Staaten dagegen abbauen. Denn die Schulden dürften in vielen Ländern langfristig zum Problem werden.

Der IWF empfiehlt hier den Regierungen, für die Zeit ab 2022 „eine Erhöhung der Progressivität der Steuern“, also Steuererhöhungen für Gutverdiener und Reiche und eine Digitalsteuer, die sicherstellt, dass alle Firmen ihren fairen Anteil zum Steueraufkommen beitragen.

Allerdings ist auch die neue Prognose mit Risiken behaftet. Wenn die Corona-Pandemie wieder stärker wütet und harte Lockdowns nötig werden würden, kann die Rezession auch zurückkehren, warnt der IWF. Mit Sorge blickt der Fonds daher auf die noch immer größte Volkswirtschaft USA, die sich in früheren Rezessionen meist sehr schnell erholt und damit andere Länder mitgezogen hatte.

Pandemie-Problemgebiet USA

Jetzt jedoch sehen die Experten des IWF dort gleich mehrere Faktoren, die einem schnellen Aufschwung im Wege stehen. So würden die Verbraucherausgaben erst langsam wieder anziehen. Auch der Einbruch auf dem Arbeitsmarkt sei noch stark zu spüren: Noch immer stellen eine Million US-Bürger pro Woche neue Anträge auf Arbeitslosenunterstützung, „Das deutet auf anhaltende Entlassungen und negative Effekte auf die Haushaltseinkommen hin“, heißt es im WEO. Im Vergleich zum Frühjahr fehlen noch immer zehn Millionen Jobs.

Im zweiten Quartal 2020 war die Wirtschaft aufs Jahr gerechnet um 32 Prozent eingebrochen. Eine Schätzung zum 3. Quartal wird am 28. Oktober erwartet, wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen. Der IWF prognostiziert nun, dass die US-Wirtschaft in diesem Jahr um 4,3 Prozent schrumpfen werde, bevor sie 2021 wieder um 3,1 Prozent wachsen soll.

Allerdings knüpft der Währungsfonds diese verhalten positive Prognose an staatliche Stimulus-Programme und Investitionen. Denn dass sich die Wirtschaft in den USA nach dem historischen Einbruch im Februar und März halbwegs wieder fangen konnte, habe unter anderem an den Konjunkturpaketen gelegen, betont der IWF.

Im März hatte der Kongress 2,5 Billionen US-Dollar bewilligt, das größte Hilfspaket in der Geschichte der USA. Doch die letzte Finanzspritze aus Washington ist fünf Monate alt – und es ist unklarer denn je, ob das Weiße Haus und der Kongress sich auf ein neues billionenschweres Konjunkturprogramm einigen können. Letzte Woche hatte US-Präsident Donald Trump die Gespräche mit dem Kongress für tot erklärt, nur um wenig später neue Forderungen aufzustellen.

Diese Unsicherheit trifft die USA auch deshalb hart, weil die Pandemie dort im Gegensatz zu vielen anderen Industrienationen zu keinem Zeitpunkt unter Kontrolle war. Mehr als 210.000 Menschen sind bereits gestorben. Noch vor der Wahl am 3. November dürfte die Zahl der positiv Getesteten die Acht-Millionen-Grenze überschreiten.

In seiner Analyse warnt der IWF alle Regierungen vor der Illusion, dass es eine dauerhafte wirtschaftliche Erholung bei sehr hohen Infektionsraten geben könnte. An der Analyse der Lockdowns im Frühjahr lasse sich ablesen, dass Volkswirtschaften unter ihren Wachstumsmöglichkeiten bleiben, solange Gesundheitsrisiken existieren. Daran würde auch die Lockerung von Social-distancing-Regeln nichts ändern.

Mehr: Bundesbank erwartet viele Insolvenzen.

Indien hat die Marke von 100.000 Toten im Zusammenhang mit der Pandemie überschritten. Foto: dpa
Indien hat die Marke von 100.000 Toten im Zusammenhang mit der Pandemie überschritten. Foto: dpa