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Türkische Lira markiert ein neues Rekordtief

·Lesedauer: 4 Min.

Die türkische Währung setzt ihre Talfahrt fort. Ein Euro kostet nun mehr als zehn Lira. Eine weitere Abwertung ist nicht ausgeschlossen.

Es ist ein neuer Tiefpunkt: Am Freitag durchbrach der Kurs der türkischen Währung die Marke von zehn Lira je Euro. In den vergangenen drei Monaten hat sie bereits um über 18 Prozent im Vergleich zum Euro abgewertet.

Analysten sehen dafür mehrere Ursachen. So ist die türkische Wirtschaft durch die Corona-Pandemie aus dem Gleichgewicht geraten. Die Importe übersteigen die Exporte wieder deutlich, und die Inflation ist mit zuletzt 11,9 Prozent im Oktober sehr hoch.

Zudem zweifeln Investoren daran, dass die türkische Notenbank bereit ist, die Abwertung der Lira durch stärkere Zinserhöhungen zu stoppen. Denn viele Schwellenländerwährungen profitierten zuletzt von einer höheren Risikobereitschaft der Investoren, die Lira aber stand unter Druck. „Das einzig wirksame Mittel gegen den Lira-Verfall wäre eine deutliche Leitzinserhöhung. Bisher scheint die türkische Regierung dazu aber nicht bereit“, sagt Commerzbank-Devisenchef Ulrich Leuchtmann.

Am Donnerstag hat der türkische Finanzminister Berat Albayrak einen solchen Schritt mit Verweis auf die negativen Folgen höherer Zinsen für die Wirtschaft abgelehnt. Die Schwäche der Lira erklärte er unter anderem mit der Unsicherheit durch die US-Wahlen. Welchen Einfluss diese haben, ist aber ungewiss. Sollte der Demokrat Joe Biden neuer Präsident werden, könnte er eventuell Sanktionen gegen die Türkei verschärfen.

Laut dem türkischen Finanzminister will die Regierung vor allem Importe senken, um die Handelsbilanz ins Gleichgewicht zu bringen und den Lira-Verfall zu stoppen. Die Corona-Pandemie hat den türkischen Export und den Tourismus hart getroffen. Dadurch rutschte die Leistungsbilanz ins Minus. Das bedeutet: Die Türkei gibt unter dem Strich mehr Kapital für Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland aus, als sie durch Exporte dorthin einnimmt. Um dieses Defizit zu decken, ist das Land auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen – das setzt die Lira unter Druck.

Das Problem könnte sich im Zuge weiterer Lockdowns in Europa noch verschärfen, wenn dort die Nachfrage nach türkischen Exportgütern etwa im Automobilbereich, aber auch bei Textilien oder Früchten wie Orangen oder Kirschen zurückgeht.

Ein wichtiger Grund für die hohen Importe ist die starke Zunahme der Kreditvergabe in der Türkei. Vor allem im zweiten Quartal ist sie deutlich gewachsen. Der Chefvolkswirt des Institute for International Finance (IIF), Robin Brooks, sieht dies als entscheidenden Faktor für das Leistungsbilanzdefizit der Türkei. Im September war die Kreditvergabe zurückgegangen. Neue Zahlen für Oktober zeigen jedoch wieder einen Anstieg.

Teufelskreis aus Lira-Abwertung und Inflation

Erhöht die Notenbank die Zinsen nicht, könnte das reale Zinsniveau, also der Zins nach Abzug der Inflationsrate, sogar noch weiter fallen. Denn viele Ökonomen erwarten, dass Importe wegen des Lira-Verfalls teurer werden und so die Inflation noch höher steigt. Bleibt der Leitzins konstant und die Teuerungsrate steigt, hat das zur Folge, dass der Realzins sinkt.

Schon jetzt liegt der Realzins in der Türkei im Minusbereich: Die Inflationsrate ist höher als der Leitzins. Wer also Geld spart, erleidet einen Kaufkraftverlust, wodurch Sparen sehr unattraktiv ist.

„Der sinkende Lira-Kurs treibt die Inflation nach oben. Das wiederum sorgt für sinkende Realzinsen und eine tendenziell steigende Kreditvergabe – was die Lira noch mehr unter Druck setzt“, resümiert Commerzbank-Analyst Leuchtmann.

Auf der anderen Seite werden türkische Exportgüter durch den niedrigen Lira-Kurs im Ausland günstiger und Importe aus dem Ausland teurer. Dies kann langfristig helfen, Importe und Exporte stärker ins Gleichgewicht zu bringen.

Allerdings ist vor allem das Tempo der Abwertung ein Problem, unter anderem weil sich viele türkische Unternehmen in ausländischer Währung wie Euro und Dollar verschuldet haben. Sinkt der Kurs der Lira, steigt die Last ihrer Schulden.

Um die Abwärtsdynamik kurzfristig in den Griff zu kriegen, sehen Ökonomen kaum einen anderen Ausweg als eine Zinserhöhung. Commerzbank-Analyst Leuchtmann verweist darauf, dass die türkische Notenbank schon jetzt versucht, Kredite unattraktiver zu machen, auch wenn sie aus politischen Gründen vor stärkeren Leitzinserhöhungen zurückschreckt.

So habe sie die Sätze für bestimmte Kreditfazilitäten angehoben. Über diese können sich Banken bei der Notenbank Liquidität beschaffen. „Für die Banken wirkt das genauso wie eine klassische Zinserhöhung.“ Das Problem am Devisenmarkt sei allerdings, dass davon kein klares Signal für eine restriktivere Geldpolitik ausgehe.

Bislang hat dies die Investoren wenig beeindruckt. Der Abwärtstrend der Lira setzt sich fort. Ändert sich das nicht bald, bleibt der Notenbank möglicherweise kaum eine andere Möglichkeit, als direkt die Leitzinsen zu erhöhen.