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„Der Staat muss die sozial Schwächsten schützen und die Leistungsträger belohnen“

Aus- und Weiterbildung sind entscheidend für mehr Gerechtigkeit, sagt Klaus Fischer, Chef der Unternehmensgruppe Fischer. Damit beides gelinge, brauche es aber eine Bildungsreform und Nachhilfe in Digitalisierung.

Der Diplom-Ingenieur Klaus Fischer (69) trat 1975 in das von seinem Vater gegründete Unternehmen ein, 1980 wurde er Gesamt-Geschäftsführer. Das Familienunternehmen mit Sitz in der baden-württembergischen Gemeinde Waldachtal, westlich von Tübingen, verkauft vor allem Befestigungssysteme, die berühmten „Fischer-Dübel“, aber auch Dicht- und Klebstoffe, Innenraum-Komponenten für Autos sowie „Fischertechnik"-Spielzeug. 2018 setzte das Unternehmen mit 5200 Mitarbeitern in über 100 Ländern insgesamt 864 Millionen Euro um.


WirtschaftsWoche: Herr Fischer, lohnt sich Leistung in Deutschland? Wenn ja: Für wen? Und wenn nein: Für wen nicht?
Klaus Fischer: Generell lohnt sich Leistung in Deutschland immer noch, ja. In den vergangenen beiden Generationen ging es den meisten Kindern besser als ihren Eltern. Allerdings ist die Durchlässigkeit heute schwieriger geworden. Aufstieg ist kein Automatismus mehr. Daran ist nicht nur unsere Leistungsgesellschaft Schuld. Auch die Werte haben sich verschoben. So ist Work-Life-Balance oft wichtiger als die berufliche Karriere.

Gibt es die bürgerliche Leistungsgesellschaft noch – oder hat Deutschland von Leistung auf Erfolg umgestellt, von Arbeit auf Ertrag?
Ein ausgezeichnetes Bildungssystem ist der Schlüssel zu Leistungsbereitschaft und damit zu Erfolg, zu sicheren Arbeitsplätzen und somit zu Ertrag. Deutschland entfernt sich von diesem erstklassigen Bildungssystem immer weiter. Alle beneiden uns um unser duales Ausbildungssystem, vor allem die Chinesen. Aber wir tun nichts zur Förderung dieses Systems. Ein anderes Beispiel ist die Digitalisierung, von der die Zukunft unserer Wirtschaft und damit Wohlstand für alle abhängt. Die kommende Generation in den Schulen und Hochschulen wird darauf nicht vorbereitet. Das bedeutet eine große Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland und damit auch für die bürgerliche Leistungsgesellschaft.

Ist die Anerkennung für unternehmerische Leistung in Deutschland zu gering? Haben Sie den Eindruck, es würden Neiddebatten angezettelt?
Vor Neiddebatten, die in anderen Ländern übrigens gar nicht existieren, sollten wir uns in Deutschland hüten. Denn den größten Teil an Steuern aus Lohn und Einkommen übernehmen zehn Prozent unserer Gesellschaft. Leider ist es heute so, dass Parteien über Neiddebatten versuchen, Wähler für sich zu gewinnen. Es wird aber vergessen, dass ein Großteil der Bevölkerung überhaupt keine Einkommenssteuer bezahlt. Deutsche Unternehmen, die meisten davon sind Mittelständler, leisten einen erheblichen Teil des gesamten Steueraufkommens. Sie sorgen für sichere Arbeitsplätze, für Wohlstand und damit für soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Wenn dies in der Zukunft nicht mehr gegeben ist, liegt das auch an Entscheidungen der Politik, den Mittelstand immer weniger zu unterstützen.


Geht es in Deutschland gerecht zu?
Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Wenn es aber um den Zugang zu guter Bildung geht, ist Deutschland nicht gerecht aufgestellt. In den Kindergärten und Schulen werden die Begabungen unserer Kinder zu wenig gefördert. Es gibt zu wenig Personal, zu wenig Lehrer. Es sollte mehr Elite-Universitäten geben, die für alle erreichbar sein müssen. Denn Intelligenz ist ja keine Frage des Geldes. Hier muss es in Deutschland in Zukunft gerechter zugehen.

Welche Gerechtigkeitslücken gibt es – und mit welchen Instrumenten ließen sie sich vielleicht schließen? Etwa mit einer Vermögenssteuer?
70 Jahre Soziale Marktwirtschaft in Deutschland haben sich insgesamt als Erfolgsmodell erwiesen. Dennoch wird es auch in unserem System immer Gerechtigkeitslücken geben – gefühlte und tatsächliche. Sie werden vor allem dadurch geschlossen, indem sehr viel in Aus- und Weiterbildung investiert wird. Das ist der Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit. Die Politik gefällt sich in der Rolle, scheinbare Ungerechtigkeiten abzustellen. Dabei wird oft Ungerechtigkeit mit Ungleichheit verwechselt. Eine Vermögens- oder eine Erbschaftssteuer ist sicher nicht die Lösung.

Wie halten Sie es mit dem „Bierdeckel“, also mit der Idee, dass „Gerechtigkeit“ sich primär mit einem einfachen Steuersystem herstellen ließe?
Ein einfaches, transparentes und für alle verständliches Steuersystem ist sicher wünschenswert. Aber mehr Gerechtigkeit lässt sich damit auch nicht erreichen. Weniger Bürokratie und weniger Komplexität würden schon helfen. Hier gibt es Nachholbedarf – zur Entlastung der Mittelschicht und des Mittelstandes.

Braucht es mehr Umverteilung?
Unser Sozialstaat muss die sozial Schwächsten schützen und zugleich die Leistungsträger belohnen. Das wird aber nicht durch eine Umverteilung von Steuern erreicht. Unser größtes Problem ist doch, dass zu wenige Menschen ihre Talente und Fähigkeiten nutzen können. Das wirkt sich negativ auf die gesamte Gesellschaft aus. Hauptursache hierfür ist unser mangelhaftes Bildungssystem. Hier benötigen wir dringend eine Reform.

Werden Unternehmer zu stark belastet – und wenn ja: Wodurch vor allem?
Staatliche Bürokratie ist überall präsent, in der kleinen Kommune bis hin zu europäischen Regelungen. Politiker versuchen oft, den Problemen aus dem Weg zu gehen. Sie reden nicht mehr mit den Menschen und treffen Entscheidungen, die zu Ungerechtigkeit, mehr Bürokratie und falscher Umverteilung führen. Dabei trifft es oft den Mittelstand, obwohl alle um die wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Mittelstandes wissen. Die Folge ist, dass gerade junge Menschen die Lust auf Existenzgründungen und damit aufs Unternehmertum verlieren, weswegen die Zahl der Existenzgründer seit Jahren rückläufig ist. Dabei sind gerade die Gründer ideengetriebener, wachstumsorientierter und innovativer. Wir stellen das in unserem Unternehmen bei unseren vielen gegründeten Start-ups immer wieder fest

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