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Schock in Schanghai – Mega-Börsengang der Ant Group ist gestoppt

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Der Paypal-Konkurrent wollte am Donnerstag an der Börse starten. Doch Chinas Regulierer durchkreuzen die Pläne. Das sorgt für große Verunsicherung.

Der Milliardär Jack Ma hatte immer schon ein gespaltenes Verhältnis zur chinesischen Führung. „Meine Philosophie ist es, die Regierung zu lieben – aber sie nicht zu heiraten“, sagte er einst. Ohne die Unterstützung des Staates ist ein Aufstieg in China kaum möglich. Zu viel Nähe zur Partei kann jedoch auch zur Gefahr werden. Jack Ma versuchte es mit einem Mittelweg.

Über viele Jahre war der Milliardär damit sehr erfolgreich. Er baute mit Alibaba den größten Onlinehändler des Landes auf. Mit dem Börsengang des Zahlungsabwicklers Ant Group, der Alibaba-Tochter, wollte er eigentlich diese Woche sein Lebenswerk krönen.

Es sollte der größte Börsengang aller Zeiten werden. Die Anleger rissen sich um die Papiere, die nach den bisherigen Plänen ab Donnerstag an den beiden Börsen in Schanghai und Hongkong gehandelt worden wären.

Doch nun kommt alles anders. Die staatliche Börse in Schanghai stoppte das Vorhaben am Dienstag völlig unerwartet. In einer Mitteilung hieß es, Ma sei für „Interviews“ einbestellt worden und es habe andere „wichtige Themen“ gegeben. Dazu gehöre das „regulatorische Umfeld für Finanztechnologie“.

Die Ant Group teilte ihrerseits mit, dass auch die Erstnotiz in Hongkong gestoppt worden sei. Als Begründung sei angeführt worden, dass die Firma nicht die Qualifikationen für den Börsengang erfüllt habe oder dass Informationen nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt worden seien. Weitere Informationen sollten in Kürze folgen.

Anleger lässt das alles ratlos zurück. Institutionelle Investoren hatten bereits Aktien im Volumen von 37 Milliarden Dollar gezeichnet und damit die bisherige Rekord-Emission des Ölgiganten Saudi Aramco übertroffen, der 2019 rund 29 Milliarden Dollar einsammeln konnte. Der Mega-IPO hätte Ant mit rund 315 Milliarden Dollar bewertet.

Viele Fragen bleiben zu klären

Nun ist die Verunsicherung groß. Die Aktie der Konzernmutter Alibaba musste vorbörslich in New York einen Einbruch um mehr als acht Prozent verkraften.

Der Stopp des Börsengangs werfe viele Fragen auf, sagte Jost Wübbeke, Direktor beim auf China spezialisierten Forschungs- und Beratungsunternehmen Sinolytics in Berlin. „Das Vorgehen ist sehr ungewöhnlich.“ Der Börsengang sei seit langer Zeit geplant gewesen.

Die Ant-Gruppe habe seit Monaten im Austausch mit den zuständigen Behörden gestanden. „Bei Einwänden hätte der Börsengang viel früher gestoppt werden können.“ Dass die Intervention nun so kurzfristig komme, schwäche auch die Börsenstandorte Schanghai und Hongkong, sagte Wübbeke. Eigentlich habe Peking die Städte zu globalen Finanzzentren erheben wollen.

In Finanzkreisen war seit Monaten die Rede davon, dass der geplante Börsengang zwar Chinas globaler Rolle als Finanzmacht nutzen könnte, es aber Widerstände unter den etablierten Instituten gebe. Chinas große Staatsbanken sind eng mit der politischen Führung verwoben. Sie sind darauf ausgelegt, Kredite an Staatsunternehmen zu vergeben und sie spielen eine zentrale Rolle, um die staatliche Kontrolle über die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zu festigen.

Zwar wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder Reformen der Staatsbanken angekündigt, bis heute hat sich jedoch nicht viel an der zentralen Rolle der Institute geändert. Ein neuer Konkurrent könnte in diesem Umfeld als Bedrohung gesehen werden.

Am deutschen Finanzplatz herrschte am Dienstag ebenfalls Ratlosigkeit. Grundsätzlich sei es nicht zwingend, bei geplanten Doppellistings gleich beide abzusagen, sagte ein Börsenexperte. Dies stehe und falle aber mit den regionalen Bestimmungen.

Ant Financial sollte in Schanghai im Segment Star Board für junge Technologieunternehmen gelistet werden, das mit dem früheren Technologiesegment Neuer Markt der Deutschen Börse oder aber auch der US-amerikanischen Nasdaq verglichen wird.

Krisensitzung scheiterte am Montag

Der weitreichenden Entscheidung am Dienstag war wohl eine Krisensitzung am Vorabend vorausgegangen. Davon berichtete das üblicherweise gut informierte Finanzportal der Sina-Mediengruppe. Jack Ma sei zusammen mit dem Führungsteam der Ant Group, CEO Eric Jing und Chairman Simon Hu, am Montagabend zu Gesprächen einbestellt worden.

Zu den Gesprächspartnern zählten Vertreter der Zentralbank, der Regulierungsbehörde für Banken und Versicherungen CBIRC, der Wertpapieraufsicht CSRS sowie des staatlichen chinesischen Devisenamts. Offenbar gelang es Ma und seinen Kollegen nicht, die versammelten Beamten davon zu überzeugen, den Börsengang wie geplant zuzulassen. Die Behörden bestätigten lediglich, dass ein Treffen stattgefunden habe.

Die Sitzung war einberufen worden, nachdem Jack Ma Chinas Staatsbanken kritisiert hatte. Ende Oktober hatte er eine Konferenz in Schanghai dazu genutzt, den großen Banken des Landes mangelnden Anpassungswillen vorzuwerfen. „Heute operieren Banken noch wie Pfandleiher“, sagte Ma. „Nirgendwo ist die Pfandleiher-Mentalität so ausgeprägt wie in China.“

Ma hatte nicht nur die Banken, sondern auch Chinas Behörden kritisiert. „Aufsicht und Regulierung sind zwei Dinge“, hatte er betont. „Derzeit sind wir ja gut in der Regulierung, aber es fehlt uns an einer guten Aufsicht.“

Hingegen stellt er die von ihm gegründete Ant-Gruppe als Innovationstreiber dar, dem es gelungen sei, auch kleine und mittelständische Kunden mit Krediten und komfortablen Transaktionsmöglichkeiten zu versorgen.

Auf der Konferenz trat neben Jack Ma auch China Vizepremier Wang Qishan auf, der die Finanzmarktstabilität zum obersten Prinzip erhob. Innovation und die Öffnung dürften nicht zu zunehmenden Risiken führen, hatte er gefordert. „Sicherheit steht immer an erster Stelle.“

Staatliche Digitalwährung wird zum Rivalen

Jack Ma ist nicht nur Gründer des Unternehmens. Er selbst hält auch viele Anteile. Der Wert seiner Papiere wird auf 17 Milliarden Dollar geschätzt. Damit würde sich sein Vermögen auf insgesamt 80 Milliarden Dollar belaufen. Das macht Ma zum mit Abstand reichsten Mann Chinas.

Der jüngsten Konfrontation zwischen der Ant-Gruppe und den Behörden waren mehrere Zwischenfälle vorausgegangen. Mehrmals hatte Chinas Finanzaufsicht zuletzt Vorgaben angepasst und Ant Financial gezwungen, das Geschäftsmodell anzupassen.

Gleichzeitig treibt die Zentralbank den Aufbau einer staatlich kontrollierten Digitalwährung voran. In chinesischen Finanzmarktkreisen wird das Vorgehen auch als Schritt bewertet, eine staatliche Antwort auf die wachsende Macht von Ant zu liefern. Mit dem Bezahldienst Alipay hat das Unternehmen das Bargeld in vielen Teilen Chinas schon verdrängt. Laut dem Marktforschungsunternehmen Analysys haben Ants Konkurrent Tencent und Ant selbst einen Anteil am Markt für mobile Zahlungsdienstleistungen in China von fast 94 Prozent. Ant hält dabei den Löwenanteil mit rund 55 Prozent, Tencent (WeChat Pay) 39 Prozent.

Die digitale Geldbörse von Alipay bringt es zusammen mit Partnern auf weltweit 1,3 Milliarden Nutzer, rechnet die Firma vor. Das Geschäft scheint sehr lukrativ zu sein. In den ersten neun Monaten 2020 hatte Ant seinen Betriebsgewinn um 42,6 Prozent auf umgerechnet 17,8 Milliarden Dollar gesteigert.

Die Firma hat den Dienst auch auf Deutschland ausgeweitet. Händler bieten die Möglichkeit an, mit Alipay oder WeChat Pay zu bezahlen, darunter Drogerien wie dm oder Rossmann und Kaufhäuser wie Breuninger und Kaufhof. Dies richtet sich aber in der Regel an chinesische Touristen.

Der deutsche Inlandsgeheimdienst hat in diesem Jahr erstmals explizit vor chinesischen Finanz-Apps gewarnt und dabei Alipay genannt. „Deren Datenserver stehen in China, der Zugriff staatlicher chinesischer Stellen darauf ist möglich“, warnte der Verfassungsschutz.
Mitarbeit: Dana Heide, Anke Rezmer