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Rheinbrücke bei Leverkusen: Porr-Chef wirft Landesbetrieb Straßen.NRW Überforderung vor

Karl-Heinz Strauss verurteilt den Entzug des Auftrags für den Neubau der Autobahnbrücke. Trotz Vorwürfen an den Auftraggeber will sich der Porr-Chef erneut bewerben.

Straßen.NRW hat wegen Mängeln an Stahlbauteilen den Vertrag mit dem Baukonzern Porr für das Großprojekt gekündigt. Foto: dpa

Karl-Heinz Strauss nimmt kein Blatt vor den Mund. Aus seinem Ärger über den Entzug des Baus der Leverkusener Rheinbrücke durch Nordrhein-Westfalen macht der Vorstandschef und Großaktionär des österreichischen Baukonzerns Porr keinen Hehl.

„Ich habe persönlich so eine Entscheidung noch nicht erlebt“, ärgert sich Strauss im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das ist nicht leicht hingesagt. Denn der Unternehmer kennt die Baubranche seit Jahrzehnten.

NRW hatte Mängel an Stahlbauteilen aus China für den Neubau der für die Verkehrsinfrastruktur im Rheinland so wichtigen Brücke gerügt. Die Bauteile erfüllten „weder die deutschen Normen noch die vertraglichen Vereinbarungen“, teilte der Landesbetrieb zur Begründung mit. Der Vertrag mit Porr für das Großprojekt wurde daher in der vergangenen Woche gekündigt.

Bei Strauss ist das Unverständnis für diesen außergewöhnlichen Schritt groß. „Wir verstehen den Entzug des Auftrags nicht. Es gibt keinen Zweifel an dem chinesischen Stahl. Das hat uns der Tüv Rheinland bestätigt. Wir haben die Widerstände nicht verstanden“, sagte der Porr-Chef. Und er kontert gegenüber dem Landesbetrieb: „Von Anfang an war die Straßen.NRW überfordert.“

Das Thema Leverkusen ist für Strauss noch lange nicht ausgestanden. Erst einmal stehen noch Geldforderungen seitens der Österreicher aus. „Wir arbeiten derzeit an unseren Forderungen gegenüber Straßen.NRW“, erklärte der Porr-Chef. Nach seinen Angaben sind bereits 100 Millionen Euro der insgesamt 360 Millionen Euro geflossen.

Beim Landesbetrieb Straßen.NRW heißt es: „Das Unternehmen Porr hat bislang rund ein Viertel der Vertragssumme bekommen für die bislang geleistete Arbeit.“

Vor 151 Jahren gegründet

Porr ist das stolzeste Bauunternehmen Österreichs. Das Familienunternehmen wurde bereits 1869 gegründet. Heute ist es mehrheitlich im Besitz von Strauss und dessen Partner Klaus Ortner. Das Syndikat Strauss-Ortner hält 53,7 Prozent an dem börsennotierten Unternehmen. Es ist derzeit die Nummer vier auf dem Baumarkt in Deutschland.

Der ebenfalls in Wien ansässige Erzrivale Strabag ist Marktführer. Die Porr AG mit fast 20.000 Mitarbeitern machte nach Unternehmensangaben im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,8 Milliarden Euro, davon 1,6 Milliarden Euro in Deutschland. In der Bundesrepublik beschäftigt das Familienunternehmen über 3000 Mitarbeiter.

Strauss liebt und lebt das Baugeschäft. Der Unternehmer, der in St. Gallen seinen MBA machte, ist ausgebildeter Tiefbautechniker. Bis zum Jahr 2000 arbeitete der gebürtige Kärntner bei der Raiffeisen Zentralbank im Baubereich. In den vergangenen zwei Dekaden ist Porr hinter Strabag zum führenden Baukonzern in Österreich aufgestiegen.

Auf den ersten Blick scheint Unternehmenslenker Strauss ein Firmenpatron alten Schlages zu sein. Mit seiner randlosen Brille, den streng zurückgekämmten Haaren und dem edlen Nadelstreifenanzug mit weißem Einstecktuch erweckt er den Eindruck eines autokratischen Firmenchefs. Doch Strauss ist einer, der zuhören kann, egal ob dem Auftraggeber oder dem Mitarbeiter.

Bei Besprechungen im Firmenhochhaus im Wiener Arbeiterviertel Favoriten verschwendet der 59-Jährige keine Sekunde auf den spektakulären Ausblick über die Donaumetropole. Der seit zehn Jahren an der Spitze von Porr stehende Vorstandschef konzentriert sich ganz auf sein Gegenüber.

Er schätzt Loyalität, Offenheit und durchaus auch Kritik: „Ich entscheide immer nach einer Diskussion. Ich brauche Kritik, aber am Ende entscheidet einer.“

Strauss ist Optimist – selbst in den schwierigen Zeiten der Coronakrise. Der Klagenfurter ist überzeugt, dass sein 151 Jahre alter Baukonzern und die ganze Branche auch am Ende der Pandemie stark sein werden.

Denn überall in Europa laufen Konjunkturprogramme mit milliardenschweren Investitionen an. „Wenn man der Bauindustrie einen Euro gibt, löst dies Investitionen von zwei oder drei Euro aus“, sagte der CEO.

Zudem werde durch die Pandemie das digitale Arbeiten beschleunigt, was gerade für die Bauindustrie wichtig ist. „Die Krise hat gezeigt, wie gut das Homeoffice funktioniert“, bemerkte Strauss.

Im Heimatmarkt Österreich ist der Shutdown unterdessen fast ganz überwunden. „Neun von zehn Baustellen – auch in Deutschland – sind wieder in Betrieb“, freut sich der Porr-Chef. „In Österreich werden wir bereits nächste Woche wieder auf 100 Prozent kommen.“ Die Bücher des Konzerns sind mit Projekten im Wert von mehr als sieben Milliarden Euro randvoll.

Dennoch stellt die Pandemie einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des ältesten börsennotierten Unternehmens Österreichs dar. Allein in der Alpenrepublik hat Strauss rund 9000 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Das zwischenzeitliche Problem mit den Arbeitern aus Osteuropa ist bereits gelöst. Sie seien alle wieder an Ort und Stelle.

Schon im vergangenen Jahr war die Zeit nicht ganz einfach. Der Konzerngewinn brach um knapp 60 Prozent wegen einer Reihe von Sonderabschreibungen auf nur noch 28 Millionen Euro ein.

Dividende fällt aus

Strauss, der zusammen mit der Familie Ortner die Mehrheit an der Aktiengesellschaft hält, zieht in der schwierigen Zeit für sich Konsequenzen. Neben der Kürzung der Gehälter für das Management streicht er auch die Dividende. „Durch die einmalige Situation ist es nicht geboten, selbst eine reduzierte Dividende zu zahlen“, sagt der CEO.

Mit der Entscheidung ist Strauss auf Regierungslinie. Der österreichische Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) hat bereits klargemacht, dass Unternehmen, die staatliche Hilfe über Kurzarbeit annehmen, keine Dividende an ihre Aktionäre ausschütten sollten. Der Konkurrent Strabag hat hingegen die Dividende von ursprünglich 1,80 Euro auf 90 Cent je Aktie halbiert.

Der Porr-Chef kümmert sich um seine Großprojekte wie in Leverkusen auch persönlich. Zweimal hat er sich mit dem Landesbetrieb Straßen.NRW zur Lösung von Problemen getroffen. „Wir haben Handschlagqualität“, sagt er über seine Philosophie des Vertrauens.

In NRW wird das anders gesehen. Denn mit der Kündigung des Auftrags für Porr verzögert sich die Fertigstellung der wichtigen Rheinbrücke von Leverkusen auf September 2023. Das teilte der Landesbetrieb Straßen.NRW Ende vergangener Woche mit. „Es konnte aber keine Einigkeit über den Umgang mit der Vielzahl der Mängel erzielt werden“, sagte Sascha Kaiser, Direktor bei Straßen.NRW. Deshalb sei man zu einer Neuausschreibung gezwungen.

Strauss gibt nicht auf und wird einen zweiten Anlauf wagen. „Wir wollen uns an der europaweiten Ausschreibung beteiligen“, kündigt der Vorstandschef gegenüber dem Handelsblatt an. „Wir werden unser Bestes tun.“

Eine Ausschreibung werde noch diese Woche für den ersten Teil der neuen Brücke rausgehen, sagte ein Sprecher von Straßen.NRW am Dienstag. Das leidige Thema der Rheinbrücke Leverkusen ist noch lange nicht beendet.

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