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Rafael Laguna: „Unsere Bürokratiemonster sind tödlich für Innovatoren“

Gillmann, Barbara
·Lesedauer: 7 Min.
Der Chef der Innovationsagentur Sprind fordert mehr Freiheiten für die Unterstützung disruptiver Ideen. Foto: dpa

Vier vielversprechende Projekte hat die „Agentur für Sprunginnovationen“ (Sprind) im ersten Jahr gefördert. Doch für weiteren Erfolg fordert Chef-Innovator Laguna mehr Geld und mehr Unabhängigkeit

Deutschlands Top-Innovator Rafael Laguna fordert mehr Geld und mehr Freiheiten, um bahnbrechende Innovationen zum Erfolg führen zu können. „Spätestens nach der Wahl brauchen wir jährlich 130 Millionen Euro“, meint der Chef der neuen „Bundesagentur für Sprunginnovationen“ (Sprind), die im Auftrag der Bundesregierung herausragende Innovationen fördert.

Nur dann sei es möglich, wie im ersten Jahr mehr als 400 Projektideen zu sichten und mindestens vier Projekte finanziell massiv zu fördern, sagte Laguna im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Das jüngste Großprojekt der Sprind ist ein innovatives Medikament gegen Alzheimer. „Es basiert, ähnlich wie die mRNA von Biontech, auf einem völlig neuen Mechanismus“, sagte Laguna. „Das begeistert uns, weil es eine Plattform-Innovation ist, die auch gegen Parkinson, ALS oder Diabetes helfen könnte.“

Neben mehr Geld fordert Laguna ein Sprind-Gesetz, das die Agentur von regulatorischen Fesseln befreit: „Bürokratiemonster vom Vergabe- bis zum Beihilferecht, die Missbrauch von Steuergeld verhindern sollen, sind für Innovatoren tödlich. Die Amerikaner und Chinesen lachen sich tot.“

Es könne auch nicht sein, dass die Agentur für jedes überdurchschnittliche Gehalt eine Ausnahmegenehmigung brauche. „So kann man auf Dauer keine Sprunginnovationen voranbringen. Wir brauchen die Freiheit, die besten Experten und Expertinnen anzuheuern, die es gibt“, fordert der Sprind-Chef. So könne die Agentur zum Modell für Start-ups aus Forschungsorganisationen und Universitäten werden.

Neben dem Alzheimer-Medikament fördert die Agentur die Entwicklung eines Analogrechners. „Das Thema boomt weltweit und wird als Rettung der KI gehandelt, weil digital die Grenzen erreicht sind.“ Hier „müssen wir uns sehr beeilen, damit uns nicht andere zuvorkommen“.

Zur Bekämpfung der Pandemie drängt Laguna auf Nachbesserungen bei der Corona-App: „Das Gerede vom schädlichen Datenschutz ist Schwachsinn“, sagt er. Stattdessen müsse Deutschland mit der App „viel mehr Informationen sammeln und die Digitalisierungskette in die Gesundheitsämter aufbauen“. Vor allem müsse „der Bund viel mehr werben, damit statt 20 mindestens 50 Millionen Menschen mitmachen – für Corona und künftige Pandemien“.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Laguna, hat die Krise den Kreativen geschadet?
Überhaupt nicht. Biontech zeigt, wie es laufen muss: brillante Idee, erstklassige Grundlagenforschung, geglückte Ausgründung. Hier haben staatliche Förderung und private Investoren gut kooperiert – genau das, was Sprind vorhat. Ideen gibt es genug: Im Jahr 2020 haben wir 440 auf den Tisch bekommen.

Ihr jüngstes Baby ist ein Alzheimer-Medikament, warum?
Es basiert, ähnlich wie die mRNA von Biontech, auf einem völlig neuen Mechanismus. Der Wirkstoff löst Eiweißverklumpungen im Gehirn nicht über das Immunsystem, sondern physikalisch-chemisch. Das begeistert uns, weil es eine Plattform-Innovation ist, die auch gegen Parkinson, ALS oder Diabetes helfen könnte.

Wie schnell kann das gehen?
Bei Corona ging es nur so schnell, weil wir alle Wege drastisch verkürzt haben. Wenn wir jetzt wieder ins alte System zurückfallen, dauert es eben zehn Jahre – in denen viele Menschen sterben. Deshalb müssen die schnellen Verfahren unbedingt zum Normalfall werden.

Sie haben hier den Erfinder, dazu einen Nobelpreisträger und Detlev Riesner, Mitgründer von Qiagen und Evotec, im Boot. Warum brauchen die Ihre Agentur? Können sie das nicht allein?
Medikamentenentwicklung ist für neue Unternehmen einfach zu teuer und riskant. Sprind soll und kann helfen, das finanzielle Tal des Todes zu durchschreiten, durch das die meisten neuen Technologien auf dem Weg von der Grundlagenforschung zur Anwendung gehen müssen.

Pharma-Unternehmen haben in den letzten 20 Jahren Milliarden verloren auf der Suche nach einem Alzheimer-Wirkstoff, der das Immunsystem gezielt aktiviert. Wenn Professor Dieter Willbold mit seinem neuen Ansatz gegen Alzheimer versucht, privates Kapital zu bekommen, nehmen Wagniskapitalgeber Reißaus wie Kinder nach Berührung mit einer heißen Herdplatte.

Ihre anderen drei Top-Projekte – der Analogrechner, das Super-Windrad und die Wasserreinigung von Micro-Plastik – liegen seit Frühsommer 2020 auf dem Tisch. Warum dauert das so lange?

Alle Leute, die mit Steuermitteln arbeiten, fragen: Warum seid ihr so schnell? Von den 440 Ideen, die wir uns angesehen haben, hat ein Zehntel das Zeug zur Sprunginnovation. Ein Dutzend bekam bereits Geld zur Weiterentwicklung, und für die vier läuft jetzt die große Finanzierung an.

Wie viel Geld stecken Sie da rein?
Erst mal ein paar Millionen Euro pro Projekt – dann muss man sehen, wie sie vorankommen. Wenn das Alzheimer-Medikament schon in drei Jahren fertig ist, geben wir gern auch sehr viel mehr Geld dazu.

Das Vorbild für Sprind, die Darpa in den USA, hat für drei Jahre rund zehn Milliarden Euro zur Verfügung. Ihr Budget beträgt 150 Millionen Euro für drei Jahre. Reicht das?
Noch. Aber jetzt läuft unsere Maschine an. Spätestens nach der Wahl brauchen wir jährlich 130 Millionen. Denn wir wollen jedes Jahr mindestens so viele Ideen ansehen und die Top-Projekte fördern wie im letzten Jahr.

Der Präsident der Leopoldina meint, Sprind könne nicht erfolgreich sein, wenn Sie sich an Regeln wie europaweite Ausschreibungen halten müssen …
Der Mann kennt sich aus. Diese Bürokratiemonster vom Vergabe- bis zum Beihilferecht, die Missbrauch von Steuergeld verhindern sollen, sind für Innovatoren tödlich. Die Amerikaner und Chinesen lachen sich tot. Deshalb müssen wir diese Fesseln auch loswerden.

Wie?
Der Bund muss uns nach der Wahl mit einem „Sprind-Gesetz“ von diesen Fesseln befreien. Sonst können wir nie so arbeiten wie die Darpa in den USA. Ich bin zuversichtlich, dass das so kommt.

Behindern die Regularien einer öffentlich-rechtlichen GmbH auch die Suche nach den Spezialisten?
Und wie. Für jedes überdurchschnittliche Gehalt brauche ich eine Ausnahmegenehmigung, das dauert viele Monate. Auch Innovationsmanagern, die mit mir nach Top-Innovationen suchen, kann ich maximal 100.000 Euro Gehalt zahlen – dafür bekomme ich viele nicht.

In den Tochterunternehmen engagieren wir zur Not stattdessen externe Beratung – aber so kann man auf Dauer keine Sprunginnovationen voranbringen. Wir brauchen die Freiheit, die besten Experten und Expertinnen anzuheuern, die es gibt.

Anfang 2020 hofften Sie, dass Deutschland in der EU-Präsidentschaft eine Reform des „katastrophalen Beihilferechts“ anstößt …
Hat leider nicht geklappt. Das ist offenbar ein zu dickes Brett. Im besten Fall wird die Sprind jetzt eine Art Reallabor, mit dem Deutschland neue Freiheiten ausprobiert.

Eigentlich sollte Sprind völlig unabhängig sein. Nun sitzen in ihrem Aufsichtsrat nicht nur Innovatoren wie Peter Leibinger, sondern auch drei Vertreter der Ministerien. Das wirkt nicht sehr unabhängig …
Das ist in der Tat … suboptimal. Zumal der Bund ohnehin unser Alleingesellschafter ist. Aber wir sind guter Hoffnung, dass wir bald die nötige Beinfreiheit bekommen.

Was sagt Deutschlands Chef-Innovator zur Corona-App? Im Juni sprachen Sie vom „Digitalprojekt, um das uns die Welt beneidet“ …
Das stimmte damals ja. Dann haben wir stark nachgelassen. Das Gerede vom schädlichen Datenschutz ist Schwachsinn. Wir hätten aber viel mehr Informationen mit der App sammeln müssen. Und wir hätten die Digitalisierungskette in die Gesundheitsämter aufbauen müssen. Vor allem hätte der Bund viel mehr werben müssen, damit statt 20 mindestens 50 Millionen Menschen mitmachen. All das sollten wir noch immer tun, für Corona – und künftige Pandemien.

Wie sehen Sie die Innovationskraft Deutschlands insgesamt? Was sind die wichtigsten Innovationen der letzten Zeit?
Da überstrahlt die mRNA derzeit alles. Aber auch unser Analog-Computer, der mit einem Bruchteil der Energie viel mehr Rechenoperationen liefert als die größten digitalen, ist goldrichtig. Vor Kurzem galt das noch als Geheimwissen, jetzt boomt das Thema weltweit und wird als Rettung der KI gehandelt, weil digital die Grenzen erreicht sind. Da müssen wir uns sehr beeilen, damit uns nicht andere zuvorkommen. Das ist im Moment meine größte Sorge.

Ist mangelndes Geld generell das Hauptproblem?
Nicht mehr. Wasserstoff- und Quantentechnologie, 5G, Automotive, KI, Digitalpakt Schule – überall stehen Milliarden bereit. Was fehlt, sind intelligente Strategien und ihre zügige Umsetzung. Hier wollen wir einen Betrag leisten.

Aber die Sprind allein kann ja nur wenige Projekte stemmen …
Ich hoffe, dass wir zum Modell werden. Wenn wir die nötigen Freiheiten für Innovatoren bekommen und damit erfolgreich sind, werden Forschungsorganisationen wie Helmholtz, Max Planck oder Fraunhofer und die Universitäten sagen: Wunderbar, das wollen wir für unsere Ausgründungen auch. Dieser Prozess kann durchaus schon in zwei, drei Jahren anrollen.

Mehr: Deutschland muss die richtigen Lehren aus der Pandemie ziehen, fordern die Präsidenten von Leopoldina und Stifterverband.