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Die Produktivität in Deutschland ist um ein Prozent gesunken – darum ist das für unser Land so alarmierend

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ist auf dem höchsten Stand aller Zeiten. Doch die Produktivität sinkt. - Copyright: Picture Alliance
Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ist auf dem höchsten Stand aller Zeiten. Doch die Produktivität sinkt. - Copyright: Picture Alliance

In Deutschland sind derzeit so viele Menschen erwerbstätig wie nie zuvor. Ihre Zahl stieg im dritten Quartal 2022 auf gut 45,6 Millionen. Dies waren 166.000 Erwerbstätige mehr als im zweiten Quartal, teilte das Statistische Bundesamt mit. Der bisherige Rekord von Ende 2019, also vor Corona wurde um gut 80.000 übertroffen.

Arbeitsvolumen steigt, die Produktivität sinkt

Nicht nur die Zahl der Erwerbstätigen steigt, sondern sie arbeiten im Durchschnitt auch mehr Arbeitsstunden. Die durchschnittliche Arbeitszeit erhöhte sich nach Berechnung der Bundesagentur für Arbeit im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent auf 342,1 Stunden. Dies liegt vor allem daran, dass jetzt deutlich weniger Beschäftigte in Kurzarbeit sind als während der Corona-Krise.

Zusammengenommen wuchs das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen – also das Produkt aus der Zahl der Erwerbstätigen und den geleisteten Stunden. Es war im dritten Quartal mit 15,6 Milliarden Stunden um 2,2 Prozent höher als vor einem Jahr.

Das Arbeitsvolumen stieg damit schneller als die Wirtschaftsleistung. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs in Deutschland im dritten Quartal zum Vorjahr nur um 1,2 Prozent. Daraus folgt, dass die Produktivität je Arbeitsstunde gesunken ist. Die gesamtwirtschaftliche Produktivität ging mit minus einem Prozent sogar deutlich zurück, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Eine sinkende Produktivität ist für jede Volkswirtschaft ein alarmierendes Signal. Das Wachstum der Produktivität ist ein wesentlicher Faktor für den Wohlstand einer Gesellschaft. Es bestimmt zum Beispiel den Spielraum, der für Lohn- und Gehaltserhöhungen oder die Verkürzung der Arbeitszeit zur Verfügung steht.

Besonders wichtig ist eine steigende Produktivität aber für Länder mit einer alternden und aus sich selbst heraus schrumpfenden Bevölkerung. Sie müssen in der Zukunft sowohl den Wohlstand mit weniger Arbeitskräften erwirtschaften als auch höhere Kosten für Ruhegehälter, Gesundheit und Pflege aufbringen. Je geringer die Produktivität wächst, umso stärker sind solche Länder auf die Zuwanderung in ihren Arbeitsmarkt angewiesen. Oder die Menschen müssten selbst mehr arbeiten, entweder durch mehr Wochenstunden oder eine längere Lebensarbeitszeit etwa durch einen späteren Rentenbeginn.

In Deutschland ist zudem der Wunsch verbreitet, eher weniger und kürzer zu arbeiten als mehr und länger. Die SPD hat sich sogar eine 25-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich als Ziel gesetzt. Dies wäre nur bei einer sehr stark steigenden Produktivität möglich.

Selbst ohne kürzere Arbeitszeiten schrumpft die Erwerbsbevölkerung in Deutschland in den nächsten Jahren stark. Denn es gehen mehr Berufstätige aus den geburtenstarken Jahrgängen in den Ruhestand als Jüngere neu in das Arbeitsleben einsteigen. Allein um den Wohlstand zu halten, braucht Deutschland daher in jedem Jahr netto 400.000 bis 500.000 Zuwanderer in den Arbeitsmarkt. Spürbar ist bereits jetzt der Mangel an Arbeitskräften. Im dritten Quartal waren über 1,8 Millionen offene Stellen in Unternehmen nicht besetzt.

All diese Herausforderungen werden größer, wenn die Produktivität nicht steigt.

In den frühen Jahren der Bundesrepublik stieg die Produktivität zunächst stark. Dadurch wurden sowohl steigende Löhne und Gehälter als auch kürzere Arbeitszeiten möglich. Nach der Wiedervereinigung wuchs die Produktivität noch einmal deutlich, weil Unternehmen mit niedrigerer Produktivität in Ostdeutschland modernisiert oder geschlossen wurden. Seither geht das Wachstum der Produktivität zurück.