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Niedliche Haie, berauschte Delfine: Eine Meeresbiologin gibt Einblicke in die geheimnisvolle Unterwasserwelt

Cornelia Meyer
·Lesedauer: 9 Min.
Die Ozeane bilden das größte Ökosystem der Welt.
Die Ozeane bilden das größte Ökosystem der Welt.

Ihr Buch ist eine Liebeserklärung an das Meer. Die Meereswissenschaftlerin Julia Schnetzer ist seit ihrer Kindheit fasziniert vom Leben unter Wasser. In "Wenn Haie leuchten", das soeben im Verlag Hanserblau erschienen ist, bringt sie den Lesern spannende Fakten über Haie, Delfine, Fische und Co. näher.

Ihr Spezialgebiet sind allerdings deutlich kleinere Meeresbewohner: Marine Bakterien, laut Schnetzer ein "eher nerdiges Thema". Diese spielen in ihrem Buch ebenfalls eine Rolle. "Ich wollte Themen behandeln, die noch nicht so oft besprochen wurden", sagt Schnetzer im Gespräch mit Business Insider. Die Meeresbiologin nimmt gerne an Science Slams teil und beschäftigt sich mit der Frage, wie die Wissenschaft ihre Erkenntnisse an ein fachfremdes Publikum vermitteln kann. Alltagsnah sollte das Buch deswegen sein und einen Eindruck vom Ökosystem Meer vermitteln. Bei der Recherche fand die Forscherin selbst für sie Neues heraus.

Ihr Alltag als Meeresbiologin sei allerdings nicht so sexy, wie es sich manche vielleicht vorstellen: Die Arbeit verbringt sie vor allem am Schreibtisch und im Labor. Statt bei warmen Temperaturen am Strand der Fidschi-Inseln, steht sie eher im Februar im Watt der Nordsee und wühlt mit halb erfrorenen Fingern im Schlamm. Und selbst ein Meereswissenschaftler könne schon mal seekrank werden, wenn er stundenlang auf einem schaukelnden Schiff durch ein Mikroskop gucken muss.

Haie können auch niedlich sein

Schnetzer knüpft an den Bio- und Chemieunterricht in der Schule an. Dass Delfine masturbieren und sich an Kugelfischen berauschen, dürfte dort allerdings seltener Erwähnung gefunden haben. Die Erklärungen, warum eine Quallenart quasi unsterblich ist, warum sich das Alter von Fischen, Haien und Rochen dank der Explosion von Atombomben ermitteln lässt oder warum manche Haie fluoreszieren, sind dagegen jugendfrei.

Überhaupt, Haie: Seit dem Steven-Spielberg-Film "Der weiße Hai" gelten sie als Bösewichte der Ozeane und tödliche Gefahr für den Menschen. Dabei gebe es weltweit pro Jahr nur etwa 100 Angriffe durch Haie, bei denen zwischen fünf bis 15 Menschen ums Leben kommen. Angesichts von einer Million Todesopfern durch Verkehrsunfälle jedes Jahr sind sie eine recht kleine Bedrohung für Menschen.

Julia Schnetzer mit einem Pyjamahai, der wegen seiner Streifen so heißt.
Julia Schnetzer mit einem Pyjamahai, der wegen seiner Streifen so heißt.

So ist der Mensch eine viel größere Gefahr für den Hai als umgekehrt. Sein Lebensraum ist bedroht, er wird gejagt oder landet ungewollt als Beifang in Fischernetzen. "Das ist ein großes Problem, denn sie werden in der Regel erst spät geschlechtsreif", sagt Schnetzer. Der Grönlandhai beispielsweise kann erst im Alter von etwa 150 Jahren Nachkommen zeugen. Zur Verdeutlichung: Ein Grönlandhai, der zu Zeiten von Bismarck und der Veröffentlichung der Schriften von Charles Darwin geboren wurde, kommt erst jetzt in die Pubertät.

Was wenig bekannt ist: Auch in Europa wird Haifleisch gegessen. Die Schillerlocke zum Beispiel ist der Bauchlappen des vom Aussterben bedrohten Dornhais. "Vielen Menschen fehlt das Verständnis für die Wichtigkeit der Haie für das Ökosystem im Meer", sagt Schnetzer. In ihrem Buch geht sie auf verschiedene Haiarten ein, die längst nicht alle groß und für Menschen gefährlich sind. Der knapp 60 Zentimeter lange Scheuhai rolle sich wie ein Donut zusammen und bedecke seine Augen mit dem Schwanz, wenn er Angst bekommt. Für die Meeresbiologin belegt er damit "den ersten Platz auf meiner Liste der niedlichsten Haie".

Das Meer als kaum erforschter Lebensraum

Die Welt unter Wasser ist noch erstaunlich unentdeckt, obwohl die Ozeane 99 Prozent des Lebensraums der Erde ausmachen und ihr größtes Ökosystem bilden. Der ferne Mars sei besser vermessen als der Meeresboden vor der eigenen Haustür, so die Forscherin – auch, wenn das Projekt Seabed 2030 dies ändern soll. Deutschland gebe zwar verhältnismäßig viel Geld für die Meeresforschung aus, doch die Weltraumforschung sei einfach besser finanziert – und ferne Planeten per Teleskop oft leichter zu erkunden als die dunkle Tiefsee. Zudem ist das Meer einfach sehr groß. So groß, dass Schiffe und Flugzeuge spurlos in ihm verschwinden können und es immer noch Phantom-Inseln gibt, deren Existenz nicht zweifelsfrei feststeht.

Eigentlich wissen wir kaum, was sich da eigentlich alles so im Meer tümmelt. "Das Ökosystem Meer ist sehr komplex und es gibt noch so viel, was wir noch gar nicht kennen", sagt Schnetzer. Es sei auch noch ein Rätsel, warum es kaum Insekten gibt, die im Ökosystem Meer leben, obwohl sie an Land eine so wichtige Rolle spielen. Und erst im vergangenen Jahr musste der Blauwal seinen Rang als längstes Tier der Erde räumen – für die Perlenketten-Qualle.

Trotzdem ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Ozeane oft noch gering. Das Meer wird als Müllkippe missbraucht, ungeachtet dessen, dass der Müll über kurz oder lang zu uns zurückkehrt.

So will Japan radioaktives Wasser aus dem zerstörten Atomreaktor in Fukushima ins Meer leiten. Die Empörung darüber ist jetzt groß. Doch noch bis Anfang der 1990er Jahre entsorgten mehrere Länder, darunter auch Deutschland, ihren Atommüll im Meer – insgesamt mehr als 200.000 Tonnen, berichtet die "Deutsche Welle". Die Fässer und auch versenkte Atom-U-Boote liegen bis heute auf dem Meeresgrund, die meiste Strahlung gibt es im Nordatlantik. Und: Radioaktive Flüssigkeiten dürfen weiterhin ins Meer geleitet werden.

Ihre Beschäftigung mit dem Meer und seinen Bewohnern hat Schnetzer verändert. Seit mehr als zehn Jahren isst sie nur noch selten Fisch. Grund dafür sei auch die Art, wie Fische gefangen würden: Sie ersticken oft qualvoll auf den Schiffen.

Auch die Überfischung vieler Arten wie bei den Thunfischen sei nach wie vor ein großes Problem. Manchmal könnten sich zwar Bestände durch bestimmte Maßnahmen wieder erholen, tendenziell würde aber mehr gefischt als die Wissenschaft empfiehlt. Auch die Fangquoten in der EU gingen oft darüber hinaus. Und Verstöße sind schwer zu ahnden. "Auf dem Meer ist es sehr schwierig, etwas zu kontrollieren. Illegaler Fischfang ist nicht immer nachweisbar", sagt Schnetzer.

"Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal am Meer war und keinen Müll dort gesehen habe"

Inzwischen weiß jeder, dass Plastikmüll ein großes Problem für die Ozeane ist. Und das Ausmaß, das die Meeresbiologin unter Verweis auf Studien schildert, ist erschreckend: So hatten knapp 93 Prozent der an der Nordsee zwischen 2015 und 2019 tot aufgefundenen Eissturmvögel Plastik in ihren Mägen. In jedem dritten der 30 toten Pottwale, die 2016 an der Nordsee strandeten, fand man große Mengen an Plastik, darunter eine 70 Zentimeter lange Plastikabdeckung aus einem Auto-Motorraum.

"Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal am Meer war und keinen Müll dort gesehen habe", sagt sie. Anders als andere fast unsichtbare Gefahren bietet die Vermüllung aber auch eine Chance: "Das Problem des Plastikmülls lässt sich leichter vermitteln, weil man es so gut zeigen kann und es den Menschen selbst auffällt, wenn sie an den Strand gehen."

Schmutzige Strände, verendete Tiere und die Tatsache, dass Mikroplastik inzwischen selbst in der mütterlichen Plazenta nachgewiesen wurde, bringt viele Menschen zum Umdenken, und Politik und Wirtschaft endlich zum Handeln. Ab Juli sind in Deutschland viele Einwegplastikprodukte wie Trinkhalme oder To-Go-Becher verboten. "Da ist viel in Bewegung gekommen", meint Schnetzer.

Auf dem Boden der Tiefsee verrottet Plastik kaum

Studien zeigen, dass Plastikmüll auf den Boden der Tiefsee auch nach Jahrzehnten kaum verrottet. Der Joghurtbecher, den wir in fünf Minuten leer gegessen haben, kann dort noch liegen, wenn der Mensch schon längst fort ist.

Eine große Reinigungsaktion im Meer könnte dennoch mehr Schaden als Nutzen anrichten, insbesondere wenn dafür beispielsweise der Meeresboden umgepflügt werden müsste. Auch der schwimmende Plastikmüll lässt sich kaum einsammeln. "Wir können nicht das gesamte Meer filtern", so die Meeresbiologin. Initiativen und Organisationen wie The Ocean Cleanup setzen deswegen mittlerweile ihren Fokus darauf, Flüsse zu säubern. Denn von dort gelangt der Müll ins Meer.

Zudem sollte möglichst kein neuer Plastikmüll mehr verbraucht werden. Doch weltweit wird nur neun Prozent davon recycelt. "Die Hersteller müssen Verantwortung übernehmen für ihre Produkte", fordert Schnetzer. Freiwillige Selbstverpflichtungen scheinen bisher wenig Erfolg zu haben: So steckt laut einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung von "Greenpeace" in drei Viertel der Kosmetik-Produkte immer noch Mikroplastik – trotz einer Verzichtserklärung der Industrie. Schnetzer glaubt, dass sich viele Unternehmen mehr staatliche Vorgaben wünschen, damit für alle die gleichen Regeln gelten.

Auch der Verpackungsmüll pro Kopf ist in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich angestiegen und einer der höchsten der Welt. Durch die Pandemie kommt zusätzlicher Abfall hinzu. "Jetzt in Zeiten von Corona entsteht viel Einwegmüll durch Masken und Handschuhe. Das sehen wir bereits im Meer", so die Forscherin.

Das Meer spielt beim Klimawandel eine entscheidende Rolle

Der Klimawandel spielt in ihrem Buch allerdings keine so große Rolle. Dabei sind die Folgen des Klimawandels auf die Ozeane, von der Versauerung, die zum Korallensterben und zu einem Massenaussterben der Meeresbewohner führen kann, bis zur Abschwächung des Golfstroms, der eine entscheidende Rolle für das Klima in Europa spielt, dramatisch. "Ich wollte ein Buch schreiben über faszinierende Lebewesen im Meer. Ich wollte positive Geschichten erzählen und aufzeigen, was es da draußen Schönes und Schützenwertes gibt", erklärt Schnetzer.

Meeresbiologin Julia Schnetzer beim Tauchen, mit wasserfestem Clipboard.
Meeresbiologin Julia Schnetzer beim Tauchen, mit wasserfestem Clipboard.

Auch die Rolle des Meeres als CO2-Speicher ist kaum bekannt. Dabei zeigten 26 Forscher in einer im März veröffentlichten Studie im Magazin "Nature", dass Grundschleppnetze mehr CO2 freisetzen als der Luftverkehr. Denn sie wirbeln den Meeresboden auf und schaden dabei nicht nur dem dortigen Ökosystem. Allerdings bietet das Meer auch Chancen. Durch das Aufforsten von Seegraswiesen könnten große Mengen an CO2 gespeichert werden: pro Hektar sogar zehnmal so viel wie auf der gleichen Fläche Wald.

Angesichts der Vielzahl der Umweltprobleme und der Unwilligkeit vieler mächtiger Amtsträger und Unternehmer, sie zu lösen, liegt Verzweiflung nah. Der bekannte Förster und Autor Peter Wohlleben hat seinen Angaben nach deswegen Depressionen bekommen. Alexandra Cousteau, die Enkelin des berühmten Meeresforschers Jacques Cousteau, hat in einem Interview mit der "Zeit" vor kurzem ähnliches berichtet. Sie mache sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und tauche nicht mehr privat, weil sie die toten Zonen unter Wasser, die sogenannten "dead zones", so deprimieren.

"Ich erlebe da eine Achterbahn der Gefühle. Ich kann das Deprimiertsein so gut verstehen", gibt auch Schnetzer zu. "Aber es gibt noch Orte, an denen es schön aussieht. Und viele Menschen engagieren sich. Also bin ich auch noch optimistisch."