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Neue Spannungen an den Märkten

Nächste Woche kommen Stimmungsindikatoren heraus. Sie werden zeigen, ob sich Anleger von den neuen Drohungen der USA gegenüber China einschüchtern lassen.

Zum Wochenausklang legten die führenden Aktienindizes leicht zu. Foto: dpa

Am Ende der Woche zeichnete es sich ab: Obwohl Indikatoren darauf hinweisen, dass die hinlänglich bekannten Belastungsfaktoren – der Handelsstreit zwischen den USA und China sowie die politischen Probleme in Europa – die Konjunktur international bremsen, haben sich die Aktienkurse erholt – jedenfalls in Europa.

Anleger versuchen offenbar, in eine Art Hoffnungsmodus umzuschalten. Zum Wochenausklang legten die führenden europäischen Aktienindizes leicht zu. In den USA verdarben am Freitag allerdings informelle Informationen über neue Drohungen der US-Regierung gegen China im Handelsstreit Investoren die Laune. Dies dürfte in die kommende Woche hineinwirken. Und es stehen in Europa und in den USA wichtige Stimmungsindikatoren an, die Aufschluss darüber geben könnten, wie stabil die Wirtschaft tatsächlich ist.

Klar bleibe, „dass geopolitische Unsicherheiten und die Auswirkungen des Handelskonflikts zwischen den USA und China für eine Abkühlung des Welthandels sorgen, dem sich vor allem die exportabhängigen Industrieunternehmen in Deutschland nicht entziehen können“, schickt Michael Kopmann, Analyst der DZ Bank vorweg.

Zudem wird sich zeigen, was hinter den Gerüchten über ein mögliches neues Druckmittel von US-Präsident Donald Trump im Streit mit China steckt. Die US-Regierung denkt Insidern zufolge darüber nach, die Börsennotierung chinesischer Firmen in den USA einzustellen. Ein solcher Schritt wäre Teil von Bemühungen im größeren Stil, chinesische Investitionen in den USA einzuschränken, sagte eine mit den Überlegungen vertraute Person gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Derartige Maßnahmen dürften den Handelsstreit zwischen den beiden größten Wirtschaftsmächten kräftig anheizen. Ebenfalls unter Berufung auf Insider berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg, die genauen Mechanismen zum sogenannten Delisting der Unternehmen müssten noch ausgearbeitet werden. Trump müsse das Vorhaben am Ende absegnen. Allerdings habe der US-Präsident bereits grünes Licht für Diskussionen über das Thema gegeben. Darüber hinaus könnte das Engagement amerikanischer Pensionsfonds in chinesischen Märkten begrenzt werden, heißt es.

Den Unternehmen aus dem Dax droht nach Analystenschätzungen vor allem infolge des Handelskrieges 2019 das zweite Gewinnminus in Folge, nach einem Rückgang von drei Prozent im Jahr 2018. Doch „an den Aktienmärkten spiegelt sich das nicht wider“, stellt Kopmann fest. Mit Kurszuwächsen zwischen 15 und 20 Prozent seit Jahresbeginn notieren führende Indizes wie der deutsche Leitindex Dax und seine europäischen Pendants nicht weit entfernt von ihren Jahreshöchstständen.

Zum Wochenausklang kletterten der Dax wie auch der EuroStoxx 50 um 0,8 Prozent und 0,4 Prozent auf 12.380 Punkten und 3545 Zähler – und dämmten damit ihren Wochenverlust ein auf leichte 0,7 Prozent.

Die US-Börsen waren dagegen belastet durch die Gerüchte über neuerliche Drohungen gegen China. An der Wall Street schloss der Dow Jones am Freitag um 0,3 Prozent tiefer auf 26.820 Punkten. Der breitere S & P 500 büßte 0,5 Prozent auf 2961 Zähler ein. Der technologielastige Nasdaq gab gut ein Prozent auf 7939 Punkte nach. Besonders Aktien chinesischer Firmen wie des Internetriesen Alibaba und JD.com sowie der Suchmaschine Baidu verloren um bis zu sechs Prozent. Die Wochenbilanz für die führenden US-Indizes war unterschiedlich: Während sich der Dow Jones mit einem leichten Plus in das Wochenende rettete, schlossen der S & P 500 und die Nasdaq negativ.

Ein weiteres Politikum in Sachen Donald Trump könnte auch die Anleger beschäftigen: Die Demokraten im Repräsentantenhaus bereiten ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen Trump vor. Die dafür nötigen Untersuchungen nehmen Form an: Die Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses sowie des Geheimdienst- und des Kontrollausschusses luden insgesamt fünf Diplomaten des Außenministeriums vor - einige schon für die kommende Woche. Darunter ist auch der bisherige Sondergesandte für die Ukraine, Kurt Volker. Dieser ist nach übereinstimmenden Medienberichten im Zuge der Affäre zurückgetreten.
Trump wird vorgeworfen, die Macht seines Amtes genutzt zu haben, um zu erreichen, dass sich ein anderes Land zu seinen Gunsten in die US-Wahl 2020 einmischt. Im Zentrum der Vorwürfe steht ein Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Trump ermunterte seinen Amtskollegen zu Ermittlungen, die seinem politischen Rivalen Joe Biden schaden könnten.

Brexit und Budgetstreit in Italien sind vertagt

Wie die Aktienmärkte auf die Summe der bekannten Belastungsfaktoren reagierten, sei zuletzt Mitte August zu beobachten gewesen, meint DZ-Banker Kopmann. Die Mischung aus verhärteter Rhetorik Trumps gegenüber China, der Aussicht auf einen No-Deal Brexit sowie eine Regierungskrise in Italien hätten den Dax auf unter 11.500 Punkte fallen lassen.

Allerdings eben auch nicht deutlich stärker, meint er – zumal zunehmend klar werde, „dass Trump den Gesprächsfaden niemals vollständig abreißen lässt, ein No-Deal Brexit mindestens für dieses Jahr vom Tisch ist und der Budgetstreit in Italien bis auf Weiteres vertagt ist“. Kopmann kann sich daher trotz deutlicher Schwankungen nun unterm Strich eine leichte Aufwärtsbewegung bis zum Jahresende vorstellen bis auf 12.500 Punkte.

In der kommenden Woche jedenfalls rollen eine Menge Stimmungsberichte für Unternehmen auf die Investoren an den Börsen zu, sagt Robert Greil, Chef-Anlagestratege bei der Bank Merck Finck. Neben den finalen Einkaufsmanagerindizes des Londoner Anbieters Markit gehören dazu die „ISM“-Berichte in den USA. „Entscheidend ist, dass jetzt nicht auch noch in den USA Anzeichen aufkommen, dass die schwache Industriestimmung auf den Dienstleistungssektor überschwappt“, sagt er. „Es ist extrem wichtig, dass gerade die bisher recht robuste US-Konjunktur Kurs hält, denn sonst wird das globale Rezessionsgespenst vermehrt spuken“, fürchtet er.

Die US-Marktforscher des Institute for Supply Management (ISM) werden ihre Einkaufsmanagerumfrage für September am Dienstag für die Industrie und am Donnerstag für den Dienstleistungssektor publizieren. „Zusammen mit den Auftragseingängen für langlebige Güter und dem Arbeitsmarktbericht wird Ende der Woche klar sein, ob die US-Konjunktur weiterhin stabiler als anderswo läuft – ich gehe davon aus“, so Greil weiter.

Auch der breite US-Index S & P 500 ist seit Jahresbeginn um knapp ein Fünftel gestiegen. Dies, obwohl nun auch der US-Industrie-Einkaufsmanagerindex unter die Wachstumsschwelle gerutscht ist. In den US-Indizes sei die erkennbare wirtschaftliche Abkühlung somit ebenfalls nicht abzulesen. Im zweiten Quartal wuchsen die US-Unternehmensgewinne nur noch um magere 2,9 Prozent, konnten damit allerdings die noch schwächere Markterwartung übertreffen.

Ölpreise sind deutlich abgesackt

Kopmann von der DZ-Bank hält den US-Markt für „hoch bewertet“. Zwar stützt eine wieder deutlich expansivere Politik der US-Notenbank die Kurse. Aber mehr als sich unter Schwankungen seitwärts bewegende Kurse erkennt der Analyst nicht, da „das fundamentale Umfeld angeschlagen bleibt und die Bewertung nicht günstig ist“.

Andere äußern sich positiver: „Einen Lichtblick könnte allerdings die nahende US-Bilanzsaison liefern“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. Zwar rechneten Analysten mit einem durchschnittlichen Rückgang der Quartalsgewinne um 2,3 Prozent. Da die tatsächlichen Ergebnisse aber meist über den Markterwartungen lägen, sei ein leichtes Gewinnplus möglich. „Gesellen sich hierzu noch gute Unternehmensausblicke für 2020, sollte der S & P 500-Index seine Hausse fortsetzen“, prognostiziert er.

Deutlich abgesackt sind indes die Ölpreise, die am Freitag binnen kürzester Zeit um mehr als einen Dollar sanken. Im Tagesverlauf kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 61,83 US-Dollar – und damit um bis zu rund 1,4 Prozent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel um bis zu 1,3 Prozent auf 55,77 Dollar.

Auslöser für den Kursrutsch war ein Bericht des Wall Street Journals über einen Waffenstillstand im Jemen. Saudi-Arabien soll in vier Gebieten einem Waffenstillstand zugestimmt haben.

Ein Drohnen-Angriff auf die Ölanlagen in Saudi-Arabien hatte Mitte September fünf Prozent der weltweiten Öl-Produktion zum Erliegen gebracht. Die mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen im Bürgerkriegsland Jemen hatten die Angriffe für sich reklamiert. Saudi-Arabien macht wie die US-Regierung den Iran verantwortlich. Ein Waffenstillstand würde die politische Spannung in der Region entschärfen.

Sollte eine Einigung tatsächlich zustande kommen, könne man sich auf Wachstum und Nachfragesorgen konzentrieren, sagte Ole Hansen, Leiter der Abteilung Rohstoffstrategie bei der Saxo Bank.

Mit Material von Reuters, dpa und Bloomberg.