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Mykonos statt Mallorca – Ausländer greifen nach griechischen Immobilien

Nach der längsten Rezession der Nachkriegsgeschichte erlebt Griechenlands Wirtschaft einen Aufschwung. Das lockt ausländische Immobilienkäufer.

Für Horst und Gertrud B. ist es wie eine Rückkehr zu den Anfängen. Auf der griechischen Insel Rhodos hatten sich die beiden vor gut 30 Jahren kennen gelernt. Jetzt zieht es die Mittfünfziger aus München wieder dahin zurück, wo alles begann. Für 450.000 Euro kaufte das Arztehepaar eine Villa auf der Dodekanes-Insel – 160 Quadratmeter, Meerblick, Pool. „Für uns schließt sich ein Kreis“, sagt Gertrud B.

Bei dem Wort Griechenland dachten viele im vergangenen Jahrzehnt vor allem an Krise. Investoren und Anleger machten einen großen Bogen um das Land. Inzwischen haben aber nicht nur die ausländischen Urlauber Hellas wiederentdeckt – sie bescherten dem Land 2019 einen neuen Reiserekord.

Auch der Immobilienmarkt lässt die Krise hinter sich. Die Nachfrage nach Ferienimmobilien steigt. Zugleich entdecken immer mehr Ausländer griechische Wohn- und Gewerbeimmobilien auch als attraktive Renditeobjekte.

Es war ein beispielloser Absturz: Um durchschnittlich 43 Prozent brachen die Immobilienpreise während der Krisenjahre 2009 bis 2017 ein. Jetzt erlebt der Markt sein Comeback. Nach Berechnungen der griechischen Zentralbank stiegen die Preise im zweiten Quartal 2019 um durchschnittlich 7,7 Prozent. In Athen betrug der Anstieg sogar elf Prozent. Dafür sorgen nicht zuletzt die ausländischen Käufer.

Sie kauften im ersten Halbjahr 2019 in Griechenland Immobilien für 737 Millionen Euro, gegenüber 378 Millionen im Vorjahr – so die Notenbankstatistik. Zum Vergleich: Im Vorkrisenjahr 2007 waren es nur 306 Millionen. Berechnungen der OECD zufolge entfallen inzwischen rund 25 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in Griechenland auf Immobilienkäufe.

Goldene Visa für Zehntausend Chinesen

An erster Stelle liegen die US-Amerikaner, gefolgt von Deutschen, Briten und Niederländern. Auf Platz fünf liegen Käufer aus China – ein Erfolg des „Golden Visa“-Programms, mit dem die griechische Regierung Investoren von außerhalb der EU anlockt.

Wer mindestens 250.000 in eine griechische Immobilie investiert, bekommt für sich und seine Familie eine Aufenthaltsgenehmigung, die auch zu Reisen in alle Schengen-Staaten berechtigt. Rund 15.500 solcher „Golden Visa“ hat die Regierung bereits vergeben. Zwei Drittel davon gingen an Chinesen.

Nach einer Statistik des Immobilienportals Spitogatos konzentriert sich das Interesse der ausländischen Käufer vor allem auf Inseln wie Santorin, Mykonos, Tinos und Rhodos. Zunehmend kommen aber auch Objekte in Athen und dem südlichen Küstenvorort Glyfada sowie im nordgriechischen Thessaloniki in den Fokus.

Das zeigt: Neben Ferienimmobilien zur Eigennutzung werden zunehmend Objekte als Kapitalanlage nachgefragt. Hier können die Besitzer mit Kurzzeitvermietungen über Portale wie Airbnb hohe Renditen erzielen. In Athener Innenstadtvierteln wie Koukaki, Pangrati und Metz kaufen chinesische Investoren bereits reihenweise Mietshäuser auf und bieten die Apartments für Touristen an – sehr zum Leidwesen der griechischen Mieter, die aus ihren angestammten Nachbarschaften vertrieben werden.

Etwa die Hälfte der ausländischen Käufer sei an Renditeobjekten interessiert, Tendenz steigend, berichtet Georg Petras, designierter CEO des Griechenland-Geschäfts beim deutschen Immobilienvermittler Engel & Völkers. Das wachsende Interesse an griechischen Immobilien führt Petras auf dem Boom im Tourismus, die Erholung der Wirtschaft und die politische Stabilität nach den Wahlen vom Juli zurück.

Der neue konservative Premierminister Kyriakos Mitsotakis stützt sich im Parlament auf eine absolute Mehrheit und verfolgt eine wirtschaftsfreundliche Politik.
Im Februar eröffnete Engel & Völkers eine Niederlassung in Athen. „Wir reisen mit unseren Kunden“, erklärt CEO Christian Völkers. „Nachdem in den Anfängen Mallorca im Fokus stand, orientieren sich jetzt unsere Kunden vermehrt nach Griechenland, und deswegen sind wir nach Athen gekommen.“ Völkers spürt, „dass in Griechenland inzwischen der Optimismus die Oberhand gewinnt“.

Noch moderate Preise

Um den Immobilienmarkt anzukurbeln, hat die neue Regierung jetzt die Mehrwertsteuer von 24 Prozent, die beim Kauf neuer Objekte fällig wird, für drei Jahre ausgesetzt. Die Regelung gilt auch für Neubauten, die während der Krisenjahre fertiggestellt wurden, bisher aber keinen Käufer fanden.

Wie in Deutschland erfolgt der Erwerb einer Immobilie in Griechenland aufgrund einer notariellen Kaufvertragsurkunde und deren Eintrag ins Grundbuch. Weil Griechenland aber immer noch kein flächendeckendes Liegenschaftskataster hat, sollte der Käufer auf alle Fälle einen Anwalt hinzuziehen, um die Eigentumsverhältnisse zu klären, rät Dirk Reinhardt. Der seit Langem in Griechenland lebende Deutsche ist Partner der Athener Anwaltskanzlei MStR Law, die sich unter anderem mit der Abwicklung von Immobilientransaktionen beschäftigt.

„Wir empfehlen und vermitteln eine fachliche Beratung in baulichen, baurechtlichen und steuerlichen Fragen“, sagt Reinhardt. Der Anwalt warnt vor möglichen Komplikationen. So versäumen es manche Käufer, die Kapitaleinfuhr ordnungsgemäß zu dokumentieren. Um sich vor Überraschungen zu schützen, sollte der Käufer auch von seinem Recht Gebrauch machen, einen Notar und einen Dolmetscher seines Vertrauens zu wählen, empfiehlt Reinhardt.

Georg Petras von Engel & Völkers erkennt einen Trend zu hochwertigen Immobilien. „Der Großteil bewegt sich derzeit im Rahmen von 300.000 bis 800.000 Euro“, sagt der Makler. „Allerdings werden Suchkunden ab einer Million Euro aufwärts immer präsenter.“ Bereits im Frühjahr 2017 veröffentlichte der griechische Schwabe, dessen Vater in den 1960er-Jahren von Rhodos nach Stuttgart auswanderte, sein Buch „Let’s go Hellas: Griechenland, jetzt erst recht!“

Auch wer als Immobilienkäufer dem Ruf erst jetzt folgt, kommt nicht zu spät: Die Einstiegspreise seien im europäischen Vergleich immer noch moderat und deutlich unter Vorkrisenniveau, sagt Petras. Das bestätigen die Daten der griechischen Zentralbank. Danach lagen die Immobilienpreise im zweiten Quartal um 35,6 Prozent unter dem Stand des Vorkrisenjahres 2007.

Georg Petras erinnert sich, dass noch vor wenigen Jahren die Sorgen über die wirtschaftliche Zukunft und die politische Stabilität des Landes im Mittelpunkt jedes Verkaufsgesprächs standen: „90 Prozent der Unterhaltung drehten sich um die Politik, zehn Prozent um das Objekt.“ Das hat sich geändert, sagt Petras: „Heute redet niemand mehr negativ über das Land.“

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