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My Two Sats: Bitcoin als soziales Konstrukt

David Scheider
Bitcoin (Symbolbild)

In Sachen Transaktionsgeschwindigkeit schlagen Zahlungsnetzwerke wie PayPal oder Visa Bitcoin um Längen. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist BTC das am schnellsten wachsende dezentrale Zahlungsnetzwerk der Welt. Woran liegt das?

Geld ist ein soziales Konstrukt. Damit es seine Funktion als Tauschmittel hinreichend erfüllen kann, muss es universal akzeptiert sein. Niemand nutzt ein Zahlungsmittel, das sonst kaum jemand akzeptiert. Als soziales Konstrukt muss Geld, und so auch BTC, in der Lage sein, möglichst großflächig zu skalieren. Doch genau diese Skalierbarkeit zweifelt die Altcoin-Fraktion an: Bitcoin sei mit einem Block-Limit von einem Megabyte, zehnminütigen Block-Intervallen und einem immer größeren Bedarf an Computer-Ressourcen nicht in der Lage, auf ein globales Level zu skalieren.

Zuerst die Sicherheit und dann alles andere

Doch dieser vermeintlich logische Kritikpunkt entspringt einem ganz entscheidenden Denkfehler. Bitcoins Skalierbarkeit misst sich nicht anhand der Transaktionen, die sich auf First-Layer-Niveau durchführen lassen, sondern anhand seiner sozialen Skalierbarkeit. Also der Fähigkeit, einen breiten sozialen Konsens über das zu generieren, was Bitcoin ausmacht: Zensurresistenz, Wertspeicher, Dezentralität – die Liste ließe sich fortführen.

In anderen Worten: Bitcoin muss derart robust gestaltet sein, dass eine wachsende Anzahl von Menschen guten Grund hat, dem Protokoll zu vertrauen, dass es seine Funktionen zuverlässig erfüllen kann. Bei einem so grundlegenden Gut wie Geld ist Vertrauen in die Kernkapazitäten des Netzwerks die entscheidende Messgröße, nicht die Anzahl der zu verarbeitenden Transaktionen. Zurecht bezeichnet Nick Szabo, eine der renommiertesten Figuren im Bitcoin Space sowie Erfinder des Bitcoin-Vorgängers Bit Gold, die Kryptowährung Nr. 1 als das „zuverlässigste und sicherste Zahlungsnetzwerk der Welt“.

Dezentrale Systeme skalieren langsamer

Richtig ist: Bitcoin verarbeitet Transaktionen im Vergleich zu Zahlungsnetzwerken wie Visa vermeintlich ineffizient. Was sind schon sieben Transaktionen pro Sekunde gegenüber zehntausenden? Doch damit BTC hinreichend dezentral ist – und nur so kann das Protokoll genannte Kernfunktionen erfüllen – müssen Abstriche in Sachen Effizienz gemacht werden. Dass zentralisierte Systeme wie Visa schneller skalieren, liegt in der Natur der Sache.

Während Visa, PayPal und das Interbankensystem SWIFT aber auf zentrale Intermediäre zurückgreift, agiert Bitcoin aus sich selbst heraus und schafft so einen sozialen Konsens über den Status quo des Netzwerks, der über alle Zweifel erhaben ist.

Daher ist Bitcoin ein Kompromiss. Ein Kompromiss zwischen Effizienz und sozialer Skalierbarkeit. Das repetitive Wiederholen der immer gleichen Rechenschritte im Mining mag aufwendig klingen. Es steht aber im Verhältnis zu den Ansprüchen des am schnellsten wachsenden dezentralen Zahlungssystems der Menschheitsgeschichte.

Und genau hier liegt des Pudels Kern. Denn mit wachsender Teilnehmerzahl am Netzwerk wächst auch der Anspruch an Bitcoins Sicherheit. Schließlich speichern Nutzer einen immer erheblicheren Teil ihres Vermögens im digitalen Gold abzulesen an der stetig wachsenden Marktkapitalisierung. Sozial skalieren kann nur, was einen breiten Konsens über das Regelwerk hat. Genau wie Gesetze ergeben dezentrale Systeme nur so viel Sinn, wie es Menschen gibt, die ihren Regel folgen.

Ohne Trust keine soziale Skalierbarkeit

Vertrauen in die Integrität des Netzwerks ist für Bitcoin daher entscheidend. Gemeint ist das Vertrauen darin, dass Bitcoin seine fundamentalen Wertversprechen einhält und gegen Angriffe von außen geschützt ist. Nick Szabo spricht von einer „Minimierung des Vertrauens, welche das Potenzial von schädlichem Verhalten von außerhalb“ herabsetzt.

Bitcoin ist zwar nicht trustless ein Mindestmaß an Vertrauen in die Codebasis sowie in die statistische Unwahrscheinlichkeit von Key-Kollisionen müssen Netzwerkteilnehmer haben  immerhin aber Trust minimized. Die Teilnahme erfordert sicher weniger Vertrauen in Dritte als die Teilnahme am traditionellen Finanzsystem.

Das Grundproblem der konventionellen Währung ist das Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktioniert. Man muss der Zentralbank vertrauen, dass sie die Währung nicht entwertet, aber die Geschichte der Fiatwährungen ist voller Brüche dieses Vertrauens. Man muss den Banken vertrauen, dass sie unser Geld aufbewahren und elektronisch überweisen, aber sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen mit kaum einem Bruchteil an Reserven.

Satoshi Nakamoto

Hard Forks gefährden sozialen Konsens

Hard Forks gefährden den mühsam erreichten sozialen Konsens, welches der vielen Protokolle „Bitcoin“ heißen darf. Unter Bitcoinern gelten sie daher als Ultima Ratio; sie kommen in der Regel nur zustande, wenn es Unstimmigkeiten über das Schicksal einer Kryptowährung gibt. Man spricht daher auch von sogenannten Contentious Hard Forks, also umstrittenen Hard Forks.

Der Streit über die BTC-Blockgröße führte zu einer solchen Contentious Fork. Das Problem an derlei Unstimmigkeiten ist die soziale Spaltung, die aus ihnen resultiert. Zwar müssen Bitcoiner den Drops lutschen, der mit der Dezentralität des Netzwerks und damit verbundenem Meinungspluralismus einhergeht. Förderlich für die Schaffung eines sozialen Konsens sind Forks aber dennoch nicht.

Das dürfte sodann auch der Grund sein, weshalb die Bitcoin Community Abwehrmechanismen gegen sogenannte soziale Attacken der Altcoin-Fraktion etabliert hat. Man mag die Reaktionen auf Ver, Wright, Lee & Co. geschmacklos finden. Der sozialen Skalierbarkeit von Bitcoin dürften sie dennoch einen Dienst erweisen.

 

Source: BTC-ECHO

Der Beitrag Bitcoin als soziales Konstrukt erschien zuerst auf BTC-ECHO.