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Von Lego bis Metro: In der Krise werden viele Firmen zu Klimaschützern

·Lesedauer: 5 Min.

Nachhaltigkeit steht bei Firmen ganz oben auf der Agenda. Das Beispiel Lego zeigt aber: Nicht immer lassen sich die guten Absichten auch umsetzen.

Lego forciert den Umweltschutz: Der Spielzeugkonzern will die Verpackungen aus Plastik in den nächsten Jahren durch wiederverwertbares Papier ersetzen. Foto: dpa
Lego forciert den Umweltschutz: Der Spielzeugkonzern will die Verpackungen aus Plastik in den nächsten Jahren durch wiederverwertbares Papier ersetzen. Foto: dpa

Moritz Lehmkuhl hat immer daran geglaubt, dass Klimaschutz einmal ganz oben auf der Agenda von Unternehmen stehen wird. Dass es aber ausgerechnet in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit so weit sein würde? Das konnte sich der Gründer der Beratungsgesellschaft Climate Partner selbst im Frühjahr noch nicht vorstellen. Seit ein paar Monaten aber geht das Geschäft des Münchener Mittelständlers regelrecht durch die Decke.

„Große, relevante Branchen nehmen das Thema auf“, beobachtet Lehmkuhl. Der 47-Jährige hat Climate Partner vor 14 Jahren gegründet. Der Betriebswirt erstellt Klimabilanzen für Unternehmen und zeigt ihnen Wege auf, wie sie die Umwelt weniger belasten. Darüber hinaus bietet er ihnen Projekte zum Klimaschutz an, die den negativen Einfluss der Betriebe auf die Natur ausgleichen sollen.

Seit 2006 sei das Geschäftsmodell unverändert, sagt Lehmkuhl. Es ging auch stets aufwärts. So stark wie 2020 aber ist das Unternehmen noch nie gewachsen. Der Umsatz von Climate Partner werde sich dieses Jahr auf rund 20 Millionen Euro verdoppeln, behauptet er; und die Zahl der Mitarbeiter ebenso, auf bis zu 130.

Die Folgen der Coronakrise machen Firmen weltweit schwer zu schaffen. Ein Sparprogramm folgt auf das nächste. Trotzdem engagieren sie sich für die Umwelt wie nie zuvor. Das ist kein Zufall. Die Konsumenten wollen es so: „Uns erreichen jedes Jahr Hunderte, ja Tausende Zuschriften von Kindern“, sagt Tim Brooks, der Nachhaltigkeitschef von Lego. „Sie drängen uns zu handeln.“

Und so hat sich der weltgrößte Spielwarenhersteller gerade entschlossen, in den nächsten drei Jahren zusätzlich 400 Millionen Dollar in die Hand zu nehmen, um umweltfreundlicher zu werden. Das werden die Kinder demnächst sehen, wenn sie eine neue Packung öffnen: So sollen die durchsichtigen Plastiksäckchen verschwinden, in denen die Dänen seit Jahren ihre Bauelemente einpacken. Sie werden ersetzt durch Papiertüten, die sich wiederverwerten lassen.

Allerdings werde es Jahre dauern, bis die letzte Plastiktüte aussortiert ist. Das liege einerseits daran, dass Lego Hunderte Verpackungsmaschinen weltweit umstellen müsse. „Zudem müssen wir noch viel testen“, meint Brooks.

Berater Lehmkuhl überrascht es nicht, dass sich ein bekannter Konzern wie Lego bewegt. Gerade die Konsumgüterhersteller und die Einzelhändler würden momentan vorpreschen beim Umweltschutz. Denn sie stünden unmittelbar unter dem Einfluss der Kunden und von Bewegungen wie „Fridays for Future“.

Die Konzerne werden kreativ

Dabei sind die Konzerne durchaus kreativ. Beispiel Metro: Für viele Wirte dürften Heizstrahler diesen Herbst und Winter die letzte Rettung sein. Denn mit ihnen können sie Gäste draußen bewirten – und damit bei geringerem Risiko, sich mit dem Virus anzustecken. Allerdings sind die Glühpilze verpönt bei Umweltschützern.

Der börsennotierte Großhändler verspricht nun, den CO2-Ausstoß aller in seinen Märkten verkauften Freiluftheizungen auszugleichen. Dazu erwerbe das Unternehmen entsprechende Klimazertifikate und unterstütze damit sowohl in Deutschland als auch in zwei weiteren Metro-Ländern Umweltprojekte. Mittelständler Lehmkuhl berät inzwischen mehr als 3000 Firmen. Das rechne sich für sie: „Unsere Zahlen beweisen, dass sich Klimaschutz auszahlt.“

So auch beim Climate-Partner-Kunden Strobel AG, einem traditionsreichen Hersteller von Verpackungen. „Wir stellen fest, dass klimaneutrale Produkte in den letzten Jahren immer stärker von den Unternehmen nachgefragt werden“, sagt Vorstand Friedrich Bechtold. Das Engagement für Umwelt und Klimaschutz sei aber auch gut fürs Renommee in der Branche. So habe Strobel im August den Deutschen Verpackungspreis in der Kategorie Nachhaltigkeit gewonnen.

Den japanischen Druckerhersteller Canon unterstützt Climate Partner seit vielen Jahren. Zum Nutzen des Technikkonzerns, meint Maurice Pardoel, Director Product Line Management bei der Canon Europe Imaging Supplies: „Durch diese Partnerschaft können wir unseren Kunden eine zertifizierte Lösung zur Minimierung ihres CO2-Fußabdrucks anbieten und gleichzeitig wertvolle Entwicklungsprojekte unterstützen.“

Canon nutzt das Logo von Climate Partner und bringt einen sogenannten ID-Code auf der Verpackung des Druckerpapiers an. Die Käufer können damit nachvollziehen, für welche von Climate Partner angebotenen Klimaschutzprojekte sich der Konzern engagiert. „Es ist diese Transparenz, die für Canon sehr wichtig ist, da sie es uns ermöglicht, unseren Kunden unser Engagement für Nachhaltigkeit zu zeigen.“ Ganz nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.

Die Politik macht Druck

Die Firmen tun gut daran, aus eigenem Antrieb voranzugehen. Denn der politische Druck steigt. So forderte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gerade, die Treibhausgase der Europäischen Union bis 2030 um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 zu bringen. Eine drastische Verschärfung des EU-Klimaziels. Bisher lautet das offizielle Ziel minus 40 Prozent.

Es sei klar, dass dies einigen zu viel und anderen nicht genug sei, sagte von der Leyen. Die Folgenabschätzung der EU-Kommission habe aber eindeutig ergeben, dass die Wirtschaft dies bewältigen könne.

Allerdings fällt es den Firmen nicht immer leicht, den Wünschen nach mehr Umweltschutz nachzukommen. So stößt auch ein hochprofitabler Konzern wie Lego an seine Grenzen. Denn die bunten Bauklötze bestehen nun einmal aus Kunststoff. Nur zwei Prozent aller Elemente fertigen die Skandinavier momentan aus nachwachsenden Rohstoffen, insbesondere Zuckerrohr.

Es sind aber lediglich die biegbaren, geschmeidigen Teile, für die das nachhaltige Material taugt, ärgert sich der Umweltbeauftragte Brooks. Für die restlichen 98 Prozent haben die Ingenieure aus Dänemark noch keine Formel gefunden, die ihren Ansprüchen genügt: Jahrzehntelang halten soll das Spielzeug, vor allem aber sollen sich die Steine stets einwandfrei miteinander verbinden lassen.

Erst 2030 soll das gesamte Sortiment aus nachhaltigen Materialien bestehen, so das Familienunternehmen aus Billund. Eine lange Zeit – und dennoch: „Das wird eine echte Herausforderung“, so Brooks.