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„Der Lackmustest für die britische Insel steht noch bevor“

Die Bank of England senkt ihre Konjunkturprognose für Großbritannien. Doch Anlagestrategen erwarten eine Rally an den britischen Kapitalmärkten.

Mark Carney wollte seinem Nachfolger offenbar nicht vorgreifen. Der geldpolitische Ausschuss der Bank of England stimmte am Donnerstag mit sieben zu zwei Stimmen dafür, den Leitzins stabil bei 0,75 Prozent zu halten. Die Entscheidung war mit Spannung erwartet worden, die Hälfte der Analysten hatte auf eine Zinssenkung gewettet.

Die konjunkturellen Daten seien nicht gut, aber „gut genug“, um abzuwarten, befand Gouverneur Carney. Es war seine letzte geldpolitische Sitzung, im März übergibt er sein Amt an Andrew Bailey.

Die Notenbank reduzierte ihre Konjunkturprognose für 2020 auf 0,8 Prozent. Das steht im Kontrast zu dem Optimismus, der an den Märkten seit dem Wahlsieg Boris Johnsons vorherrscht. Zugleich betonten die Notenbanker, dass die jüngsten Konjunkturdaten wie der Einkaufsmanagerindex im Januar positiv ausgefallen seien.

Das Pfund legte um 0,6 Prozent auf 1,31 Dollar zu. Die britische Währung steht laut Marktteilnehmern vor einer Rallye. Ende des Jahres könnte es bei 1,40 Dollar liegen, sagt Währungsexperte Alexander Batten vom Vermögensverwalter Columbia Threadneedle. Ein entscheidender Faktor sei, wie groß das geplante Konjunkturprogramm der Regierung im März ausfallen werde.

Der relativ harte Brexit, den Premier Johnson anstrebt, sei bereits eingepreist. Unter Druck käme das Pfund nur, wenn doch wieder ein ungeordneter Brexit droht. Dann könnte es wieder unter 1,30 Dollar fallen. Auch am britischen Aktienmarkt ist ein Stimmungsumschwung zu spüren.

Die Unsicherheit könnte zurückkehren

Anleger seien erleichtert, dass der Brexit nun geregelt abläuft, sagt Martin Lück, Chef-Anlagestratege Deutschland und Osteuropa beim Vermögensverwalter Blackrock. Allerdings könne die Unsicherheit zurückkehren, weil die Handelsbeziehungen noch nicht geregelt seien. Die jüngste Erholung könnte trügerisch sein. „Der Markt ist etwas weit vorgeprescht. Denn der 31. Januar ist nur für die Geschichtsbücher interessant: Eigentlich passiert an dem Datum nichts.“

Es werde dieses Jahr noch viele Schwankungen an den britischen Kapitalmärkten geben, sagt auch Karen Ward, Chefanlagestrategin für Europa bei JP Morgan Asset Management. Doch seien britische Aktien inzwischen wieder einen Kauf wert. 70 Prozent der Gewinne großer Unternehmen aus dem Leitindex FTSE 100 würden im Ausland erwirtschaftet. Die weltweite Erholung des Wirtschaftswachstums unterstütze die Aktien.

Auch ihre relativ hohe Dividendenrendite von 4,1 Prozent mache sie attraktiv. Ähnlich argumentiert Fondsmanagerin Maya Bhandari von Columbia Threadneedle. Britische Aktien seien im Vergleich zu europäischen und globalen Werten unterbewertet. Analysten seien optimistisch über künftige Firmengewinne, und viele Firmen zahlten gute Dividenden. Zwar blieben Brexit-Risiken. Insgesamt böten die Papiere aber eine „attraktive Risikoprämie“.

Alle befragten Strategen halten es für unwahrscheinlich, dass die britische Regierung es schafft, das Freihandelsabkommen mit der EU bis Ende des Jahres auszuhandeln. Auch Andrew Bosomworth, Leiter Portfoliomanagement bei Pimco in Deutschland, rechnet mit einer Verlängerung. Aber es wäre wichtig, für einige wichtige Sektoren eine Übereinkunft zu finden.

Wichtig wären Bereiche wie Nahrungsmittel, Gesundheit, Dienstleistungen wie Sicherheit. Anleger könnten sich auf stärkere Kursschwankungen in diesem Jahr einstellen, insgesamt gingen die Kurse jedoch nach oben.

Gefahr des ungeregelten Brexits existiert noch

Sollte Johnson sich wieder bis zur letzten Minute weigern, eine Verlängerung der Übergangsperiode zu beantragen, wird die Gefahr eines ungeregelten Brexits in der zweiten Jahreshälfte wieder akut. „De facto gibt es dann keinen Deal“, sagt Lück. Dann kämen alle aus der Sommerpause und stellten fest, dass es kein Abkommen und keinen Antrag auf Verlängerung gibt.

Gerade bei kleinen Aktien könnte es deutliche Verkäufe geben und die Währung und auch diese Aktien könnten um zehn bis 15 Prozent nachgeben, meint er. Bei den großen Werten könnte die Währungsabschwächung etwas abfedern. Lück rät zur Vorsicht: bei Aktien und Anleihen aktuell Gewinne mitnehmen und langsam Wertpapiere abbauen und Kursgewinne sichern. „Der eigentliche Lackmustest für die Britische Insel steht noch bevor“, mahnt der Experte.