Deutsche Märkte geschlossen

„Können die nicht nach Feierabend streiken?“

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„Können die nicht nach Feierabend streiken?“

Die zähen Tarifgespräche zwischen Verdi und der Postbank treffen die Kunden: Bundesweit stehen sie am Mittwoch vor verschlossenen Filialtüren. Wie die Betroffenen in Frankfurt mit dieser Situation umgehen.


Eine ältere Dame hat ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ihren Regenschirm hält sie fest in der Hand. Sie kämpft sich durch das nasskalte Wetter in der Frankfurter Innenstadt am Main. Dann erreicht sie ihr Ziel: eine Postbank-Filiale an der Konstablerwache. Doch statt freundlicher Bankmitarbeiter an den Schaltern, trifft sie nur auf einen mürrisch dreinschauenden Sicherheitsmitarbeiter. „Diese Filiale bleibt heute den ganzen Tag geschlossen“, erklärt er der verwunderten Kundin. So ist es an diesem Mittwoch vielen Kunden der Deutschen-Bank-Tochter ergangen.  

Den ganzen Tag über finden bundesweit Betriebsversammlungen der Postbank statt. Laut einem Sprecher der Postbank waren etwa 800 der 1000 Filialen ganz oder teilweise geschlossen. Überweisungen, Beratungsgespräche oder das Abheben des Sparguthabens sind nicht möglich. Nur die Geldautomaten tun heute ihren Dienst. Die Bargeldversorgung laufe am Mittwoch über die Automaten – soweit zugänglich – weiter, sagte ein Unternehmenssprecher. Außerdem könnten Postbank-Kunden kostenlos Geld an mehr als 9000 Geldautomaten der Cash-Group beziehen, zu der auch Commerzbank, Deutsche Bank und Hypovereinsbank zählen. Regulär geöffnet seien auch die Post-Partnerfilialen im Einzelhandel, teilte die Bank mit.


Die eintreffenden Kunden sind dennoch verärgert – und der heutige Herbsteinbruch macht es nicht besser. „Ich mache mich bei Wind und Wetter auf dem Weg zur Postbank und dann das“, schimpft eine Kundin. Ein junger Mann schreit seinen Frust in den Regen hinaus. „Ich habe einen Scheck und kann den jetzt nicht einlösen, oder was? Können die nicht nach Feierabend streiken!“ Rentner Helmut Gimbel hatte zwar davon gehört, dass die Filialen geschlossen sein könnten. „Aber jetzt ist es doch eine große Überraschung“, sagt der 79-Jährige. Gimbel wollte seiner Tochter über eine gebührenfreie Sparbucheinzahlung Geld überweisen. Nun müsse er morgen noch einmal in eine Filiale der Postbank.


Gewerkschaft verlangt eine Verlängerung des Kündigungsschutzes

Der freiberufliche Fotograf Walter Vorjohann ist ebenfalls verärgert, zeigt allerdings Verständnis für den Arbeitskampf der Gewerkschaft. „Dass die Filialen heute zu haben, ist schon nervig. Aber dass die Mitarbeiter für ihre Interessen kämpfen, verstehe ich natürlich.“ Der Groll gegen die außerplanmäßige Schließung der Filialen richtet sich vor allem gegen die Postbank und die Deutsche Bank.

Kunde Boris Reimer schüttelt zunächst den Kopf, als der Sicherheitsmitarbeiter ihm mitteilt, dass bei der Postbank an der Konstablerwache heute keine Briefmarken bekäme. Allerdings findet er es gut, dass die Mitarbeiter auf diese Weise ihren Protest äußern. „Die sollen für ihre Rechte kämpfen“, sagt Reimer. „Dafür nehme ich auch die Extrameter zur nächsten Post-Filiale in Kauf.“

Hintergrund für die Betriebsversammlungen sind die zähen Tarifgespräche zwischen Postbank und den Gewerkschaften, in denen es nicht nur um Gehälter, sondern vor allem auch um den Kündigungsschutz geht. Seit klar ist, dass die Postbank vollständig in die Deutsche Bank integriert werden soll, hat gerade der Kündigungsschutz für die Arbeitnehmervertreter an Brisanz gewonnen. Die Gewerkschaft fordert bei der Integration von der Postbank den Kündigungsschutz bis 2022 zu verlängern. Ein Angebot hat die Postbank hierzu allerdings nicht vorgelegt. „Die Deutsche Bank hat die Postbank vor Jahren gekauft, jetzt sollen sie für die Postbank und die Mitarbeiter auch geradestehen“, findet Kunde Reimer.


Auf den Betriebsversammlungen wird es Arbeitnehmerkreisen zufolge um den Stand der Tarifgespräche gehen. Dass diese Betriebsversammlungen nun alle bundesweit am gleichen Tag stattfinden, kann man wohl als eine Art „Aufwärmübung“ für die geplanten Warnstreiks werten. Vergangene Woche hatte die Gewerkschaft Verdi daher bundesweite Warnstreiks angekündigt, die in der kommenden Woche beginnen dürften.

Die Postbank-Kunden müssen daher damit rechnen, dass sie in nächster Zeit wieder vor verschlossenen Filialtüren stehen werden. Für Renate Hirschfeld, die am Mittwoch ebenfalls vergeblich auf ein Beratungsgespräch in der Frankfurter Postbank-Filiale gehofft hatte, wäre das nichts Neues. „So etwas habe ich schon oft erlebt“, erklärt die Rentnerin. „Der Service ist ohnehin schon eine Katastrophe – die Schlangen in den Filialen sind oft riesig.“ Frau Hirschfelds Frust über die Postbank dürfte mit den kommenden Warnstreiks noch größer werden.