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In Japan wächst die Angst vor einer Stromkrise

Kölling, Martin
·Lesedauer: 4 Min.

Flüssiggas ist mittlerweile einer der wichtigsten Energieträger in Japan. Dieser wird nun knapp – und das Land von der größten Stromkrise seit dem Atom-Gau von 2011 heimgesucht.

Kurz vor dem zehnten Jahrestag der Atomkatastrophe in Fukushima wächst in Japan wieder die Angst vor flächendeckenden Stromausfällen. Dieses Mal ist aber nicht das plötzliche Aus von Atomkraftwerken schuld. Stattdessen treiben ein kalter Winter, mehr häusliches Heizen in der Coronakrise und vor allem Engpässe bei der Flüssiggasversorgung die Stromproduktion in der drittgrößten Volkswirtschaft an ihre Kapazitätsgrenzen. Das hat auch Folgen für den internationalen Gasmarkt.

Die Auslastung in neun von zehn regionalen Stromkonzernen ist seit Tagen auf mehr als 90 Prozent gestiegen. In einigen Fällen lag sie sogar bei 99 Prozent. Damit gab es keinen Puffer mehr, um Probleme oder höhere Verbrauchsspitzen aufzufangen. Der Spotpreis für Strom ist daher bereits um das 13-Fache in die Höhe geschnellt.

Die Stromkonzerne riefen daher Unternehmen und Haushalte zum Stromsparen auf. Aber Experten und einige Medien fordern, dass die Regierung hart eingreift. „Wir sollten einen Stromnotstand ausrufen“, sagt Sumiko Takeuchi, Direktorin am Institut für Internationale Umweltökonomie. Denn die Lage werde immer ernster.

Notstand bei der Stromproduktion

Die regierungsnahe Tageszeitung „Sankei“ macht ebenfalls Druck: Es sei bedenklich, dass die Regierung die Menschen nicht formell zum Stromsparen aufgerufen habe, so der Leitartikel der rechtskonservativen Zeitung. „Das wirft die Frage nach der Einstellung der Regierung zum Krisenmanagement auf.“

Das Zögern von Ministerpräsident Yoshihide Suga ist nicht mehr nur ein nationales Problem. Der Kern der Krise sei eine Verknappung von Flüssiggas (LNG), einem der wichtigsten Energieträger Japans, erklärt Umweltökonomin Takeuchi.

Japan ist der größte Abnehmer von LNG, das einer der wichtigsten Energieträger der Wirtschaft ist. LNG hat in den vergangenen Jahren global massiv an Popularität gewonnen, weil es sauberer als Kohle ist.

Eine Kältewelle hat den Durst der Japaner und anderer Asiaten nach LNG angetrieben und damit in der ersten Januarwoche auch den Spotpreis für das Flüssiggas in Asien um 80 Prozent auf 14,6 Dollar für eine Million BTU (British Thermal Unit) getrieben. Das schmerzt besonders die ärmeren Kunden.

Branchenexperten von Platts, einem Dienst der Kreditbewertungsagentur Standard & Poor’s, warnten diese Woche: „Der beispiellose Anstieg des LNG-Preises wird Indiens Importe und Verbrauch bremsen.“ Die Stromindustrie sei davon überrascht worden. Und die Reserven würden von China aufgekauft. Platts geht daher davon, dass Indien wieder stärker auf klimaschädlichere Kohlekraftwerke umschalten muss.

Nicht einmal das reiche Japan kann seine Stromnot kurzfristig mit Geld lösen. Hinter den Problemen stehen nach Meinung von Expertin Takeuchi strukturelle Gründe, die durch eine Art perfekten Sturm aufgedeckt worden sind.

Die späte Rechnung der Atomkatastrophe in Fukushima

Zum einen treiben der kalte Winter und die neue Virenwelle derzeit den Strombedarf unerwartet stark in die Höhe. Am Mittwoch hat die Regierung den Corona-Notstand von vier auf elf von 47 Präfekturen erhöht. Damit sind die Menschen in allen großen Bevölkerungs- und Wirtschaftszentren wieder aufgerufen, nach Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten. Dementsprechend wird jetzt mehr mit Klimaanlagen geheizt.

Zum anderen bremsen Schneefälle und ein bedeckter Himmel die Solarstromerzeugung. Erschwerend kommt hinzu, dass es in Asien im Gegensatz zu Europa keinen internationalen Stromaustausch gibt. Japan kann daher keine Hilfe von anderen Ländern beziehen. Zu allem Überfluss ist es nach Jahren des LNG-Booms seit dem vergangenen Jahr global zu Produktions- und Lieferstörungen gekommen.

Japans Krux: Die Gasvorräte reichen nur für zwei Wochen. Anders als in Europa wird Flüssigerdgas nicht in Pipelines geliefert, das in großen Mengen unterirdisch gespeichert werden kann. Die Inselnation importiert stattdessen in Tankern LNG, das bei minus 163 Grad Celsius in Tanks gelagert werden muss.

Atomunfall in Japan hinterlässt eine Energielücke

Stromkonzerne haben daher immer wieder auf die Risiken von Japans derzeitiger Energiewende hingewiesen, die vorerst die Abhängigkeit von LNG erhöht. Bis zur Atomkatastrophe setzte Japan voll auf Atomkraft. Nach der dreifachen Kernschmelze im AKW Fukushima 1 schaltete Japan abrupt seine 54 Atommeiler ab und seither nur neun wieder ein. Die Atomstromlücke wurde mit Kohle- und vor allem mit Gaskraftwerken gefüllt.

Ende Dezember kündigte Japans Regierung sogar an, bis 2050 den Anteil von erneuerbaren Energien auf über 50 Prozent zu erhöhen. Damit will sie bis zur Jahrhundertmitte ihr Versprechen erfüllen, das Land unter dem Strich klimaneutral zu machen.

Faktisch bedeutet das auch, aus der Kohle auszusteigen. Doch die akuten Probleme bringen nun wieder ein Risiko dieser Energiewende in die politische Diskussion in Japan zurück: die Wette auf wetterabhängige Stromquellen.

Die Zeitung „Sankei“ fordert bereits, wieder mehr AKWs ans Netz zu bringen. Der stille, aber zähe Widerstand einer Mehrheit der Japaner macht dies zwar unwahrscheinlich. Die Reformer in der Regierung setzen dagegen auf Windkraft als zuverlässigere Quelle. Mit der Stromkrise steht Japan zehn Jahre nach der Atomkatastrophe eine große energiepolitische Diskussion bevor.

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