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„Hartnäckig bleiben zahlt sich aus“

·Lesedauer: 9 Min.

Seit 2018 leitet Dubravka Maljevic den Bereich Medizintechnik beim viertgrößten Klinikverbund in Deutschland. Für ihre Karriere musste sie hart kämpfen.

Nach ersten beruflichen Stationen in verschiedenen Positionen als Krankenhausingenieurin übernahm sie vor ihrer Tätigkeit bei den BG-Kliniken die stellvertretende Leitung des Bereichs Medizintechnik bei den Asklepios Kliniken und verantwortete die Asklepios Krankenhäuser in der Region Ost (neue Bundesländer). Foto: dpa
Nach ersten beruflichen Stationen in verschiedenen Positionen als Krankenhausingenieurin übernahm sie vor ihrer Tätigkeit bei den BG-Kliniken die stellvertretende Leitung des Bereichs Medizintechnik bei den Asklepios Kliniken und verantwortete die Asklepios Krankenhäuser in der Region Ost (neue Bundesländer). Foto: dpa

Dubravka Maljevic hat hart gearbeitet, um das zu erreichen, wo sie heute ist: Seit 2018 leitet die 40-Jährige den Bereich Medizintechnik für die BG Kliniken, dem viertgrößten Klinikverbund in Deutschland mit mehr als 14.000 Mitarbeitern. Eine beeindruckende Karriere, wenn man bedenkt, wo sie gestartet ist.

„Ich habe großes Glück gehabt im Leben, es hätte so viel schlimmer kommen können“, erzählt die zweifache Mutter. Geflüchtet vor dem Kroatienkrieg kommt sie als 13-Jährige mit ihrer Familie in Berlin an. Sie wollte Deutsch lernen und zur Schule gehen – durfte das aber nicht im Duldungs-Status.

Doch das junge Mädchen zeigte sich hartnäckig, kämpfte für ihre Bildung, übernahm im Flüchtlingsheim Behördengänge anderer Bewohner, machte mit den Kindern Hausaufgaben, schrieb ihr Abitur in ständiger Angst vor Abschiebung und kämpfte erfolgreich über den Petitionsausschuss dafür, studieren zu dürfen.

In ihrer Vita liest man heute, dass Dubravka Maljevic Diplom-Ingenieurin für Medizintechnik ist und über einen Master-Abschluss in Health Business Administration der Universität Erlangen-Nürnberg verfügt.

Woher sie die Kraft genommen hat, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, und wieso sie allem, was sie im Krieg und auf der Flucht erlebt hat, im Rückblick auch etwas Gutes abgewinnen kann, erzählt sie uns im Gespräch.

Frau Maljevic, Sie sind im Süden Kroatiens in Dubrovnik geboren. Heute leben und arbeiten Sie in Deutschland - was hat Sie hierher gebracht?
Ich bin als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen und konnte mir das damals nicht aussuchen. Ich war froh, mit meiner Familie in Sicherheit zu sein.

Wie alt waren Sie und was haben Sie mitbekommen vom Krieg?
Ich war elf Jahre alt und ich habe ausreichend gesehen. So bin ich sehr schnell erwachsen geworden. Das ist zum Glück Vergangenheit. Es hat mich aber geprägt, und ich konnte dadurch Fähigkeiten entwickeln, die mich stärker gemacht haben. Vielleicht hat sich ein Gott, das Schicksal oder was auch immer etwas dabei gedacht. Vielleicht brauchen wir die Finsternis, um das Licht der Sterne und damit unseren Weg sehen zu können.

Wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
Das ist eine gute Frage. Ich kann sie nicht wirklich beantworten. Als Kind zeigte ich sehr früh Begeisterung für alles, was mit Technik zu tun hatte. Ob das der erste Commodore 64 war oder das ferngesteuerte Spielzeugauto: Es gab nichts, was ich nicht zerlegt und erfolgreich wieder zusammengesetzt hätte.

Mit 13 dann in Deutschland angekommen. Fremde Sprache, fremde Kinder: Wie waren die ersten Erfahrungen in der Schule?
Wenn ich denn in die Schule gedurft hätte!

Wieso das denn nicht?
Wir hatten nur eine Duldung, also eine Aussetzung der Abschiebung, für sechs Monate, die immer wieder verlängert werden musste. Für mich gab es keine Schulpflicht. Und ich sprach auch fast gar kein Wort Deutsch. Nur zwei Sätze hatte ich aus einem uralten Buch auswendig gelernt. „Keine Bewegung“ und „Mit Vergnügen, danke sehr“.

Aber dann hat es doch geklappt?
Nach der Ankunft im Flüchtlingsheim in Berlin bin ich direkt am nächsten Tag zur Heimleitung gegangen und habe meinen Wunsch geäußert, in die Schule gehen zu dürfen. Aber sie waren überfordert und der Arzt, der mich untersuchte, reagierte nur total überrascht und fragte: „Wie, du willst zur Schule? Warum das denn?“ Da wir aber in Deutschland den Luxus haben, dass Bildung frei zugänglich und kostenlos ist, durfte ich irgendwann dann doch. Das hat mich gerettet. Hartnäckig bleiben zahlt sich aus. Oder wie Franziska Giffey sagt: „Erfolg ist eine Schnecke.“

Wie ging es dann weiter?
Mit einer tollen Deutschlehrerin habe ich dann ganz schnell Deutsch gelernt, und nach nur sechs Monaten durfte ich in die reguläre deutsche Klasse. Mein Abitur habe ich dann in ständiger Angst vor der Abschiebung geschrieben. Allerdings durfte ich mit der Duldung dann auch erstmal nicht studieren. Auch arbeiten oder eine Ausbildung anfangen war nicht erlaubt (seufzt). Was ich alles nicht durfte! Oh und nicht zu vergessen: Das Land Berlin durfte ich auch nicht verlassen, nicht mal an die Ostsee. Fast wie Corona (lacht).

Welche Hobbys hatten Sie in Ihrer Jugend? Worin waren Sie richtig gut?
Seit meinem siebten Lebensjahr besuchte ich eine Musikschule und habe leidenschaftlich Akkordeon gespielt. Mathematik war meine Welt; die Schönheit und Poesie der Zahlen begeistert mich immer noch. Da ich am Meer aufgewachsen bin, verbrachte ich sehr viel Zeit draußen – im und am Wasser. Mein Vater nahm mich regelmäßig zum Tauchen mit und manchmal auch auf eine Unterwasserjagd. Das war sehr aufregend!

Welche Hobbies haben Sie heute? Was begeistert Sie daran?
Heute habe ich meine Kinder. Ich bin gerne in der Natur, gehe Wandern und Bergsteigen. Ich liebe die Berge und das Meer. Vor allem die Berge sind unglaublich beruhigend für mich. Ich esse sehr gerne und besuche mit Familie und Freunden gute Restaurants. Es begeistert mich, immer wieder faszinierende und inspirierende Menschen zu treffen. Es gibt so viele liebe und wundervolle Menschen auf dieser Welt, und es gibt so viel zu entdecken.

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Ich versuche, mich gesund zu ernähren. Zum Glück habe ich einen guten Schlaf und kann hervorragend abschalten. Für meinen inneren Ausgleich tanze ich oder verbringe Zeit mit Seelenverwandten, die mein Herz zum Lachen bringen.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie aus Angst gemieden haben, und es nun bereuen?
Ich glaube nicht. Ich bereue nichts. Vielleicht habe ich nicht immer eine elegante und diplomatische Lösung gewählt, aber im Nachgang war alles gut so.

Wer ist Ihr persönliches Rolemodel und warum?
Das sind meine Eltern. Meine Mutter ist eine sehr starke Frau, die viel durchgemacht hat. Sie hat drei Kinder großgezogen und in Ex-Jugoslawien ein großes Wasserkraftwerk geleitet. Sie hat im Krieg stets ihre Würde und Menschlichkeit bewahrt. Mein Vater hat mich immer ermutigt, das zu machen, was ich will. Damals habe ich nicht verstanden, als er mir sagte: „Du kannst alles, wenn Du nur willst“. Das ist als Kind schwer zu verstehen, was damit gemeint ist. Meine Eltern haben trotz widrigster Umstände immer das Beste aus unserem Leben gemacht.

Haben Sie ein persönliches Motto, das Sie antreibt und motiviert?
„Niemals aufgeben.“ und „Warte nicht bis die Menschen dich anlächeln. Zeig Ihnen, wie es geht.“

Was würden Ihre alten Kollegen/Ihr alter Chef sagen auf die Frage...
... was Sie auszeichnet?
Zuverlässigkeit, Ehrgeiz, endlose Energie und Optimismus.

... was Sie besser können als alle anderen im Team?
Das Positive in allen Dingen sehen und die Hoffnung niemals aufgeben.

... was Ihnen schwer fällt?
Berichte schreiben.

Beschreiben Sie eine Arbeitssituation, in der Sie komplett im Flow und erfüllt sind?
Wenn das Team kurz vor der Fertigstellung einer schwierigen Aufgabe steht und es darum geht, dass jeder vollen Einsatz zeigt und sein Bestes für das Projekt einbringt.

Was frustriert Sie und ist Ihr persönlicher Produktivitätskiller?
Sinnfreie Aufgaben.

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Für alles, was mit Menschen zu tun hat. Wahrscheinlich.

Welches Tool ist bei der Arbeit für Sie unverzichtbar und welche Apps haben Sie im täglichen Einsatz?
Mein Rechner, Outlook und mein Telefon. Excel und PowerPoint sind unverzichtbar. Aber noch unverzichtbarer sind die persönlichen Gespräche mit Kollegen.

Inspirierende Newsletter, Podcasts oder Webseiten?
Ich lese sehr viel, online und offline. Nachrichten, Fachartikel zu Medizintechnik und Medizin. Als Podcast höre ich gerne „Deutschlandfunk Hintergrund“, „NDR Info 180°“, „klinisch relevant“, „Generation Gesundheit“ und weitere.

Was macht Sie stolz?
Meine beiden Töchter machen mich sehr stolz. Sie sind phantastisch!

Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der vergangenen drei Jahre?
Die Herausforderung anzunehmen, bei den BG Kliniken einen ganz neuen Bereich aufbauen. Die Entwicklung und Umsetzung einer einheitlichen Strategie für den Bereich Medizintechnik bis hin zu einer Führerschaft im Bereich der Medizintechnik als Servicepartner der BG Kliniken.

Auf welche Fehlentscheidung hätten Sie rückblickend gerne verzichtet?
Keine.

Bitte ergänzen Sie den Satz: Ich unterstütze meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Kollegen in schwierigen Situationen, indem…
... ich ihnen zuerst zuhöre. Vielleicht hatte ich eine ähnliche Situation erlebt und kann helfen.

Angenommen, eine Kollegin oder ein Mitarbeiter denkt oft: „Ich verdiene den Erfolg gar nicht“, „Ich bin gar nicht gut genug“, „Das schaffe ich nie“, „Andere sind um Welten besser als ich…“ – Was raten Sie?
Machen Sie sich bewusst, wo Sie gestartet sind und wieviel Sie bisher geschafft haben. Machen Sie sich das Leben nicht unnötig bitter wegen dem, was jemand Ihnen gesagt oder Ihnen angetan hat. Wenn Sie sich damit anfreunden, dass Sie die Farbe jeden Gedankens kontrollieren, der in Ihren Geist eindringt, wird Ihre Kraft, Ihr Selbstwert wachsen. Probieren Sie es einfach. Es gibt immer einen Weg. Pippi sagt: „Wie soll ich das wissen, wenn ich es noch nie versucht habe?“

Sie merken, dass Sie unglücklich sind in Ihrem Job. Was tun sie?
Ich finde heraus, warum. Wenn ich es ändern kann, dann versuche ich das zu ändern. Wenn nicht, dann gehe ich.

Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde?
Das kannst Du nicht.

Anderen Chefs würde ich gerne sagen, ...?
Bitte hört Euren Mitarbeitern und Kollegen zu, nehmt Euch Zeit und zeigt ernsthaftes Interesse.

Her mit dem Geld: Ihr Ratschlag an andere Frauen für Gehaltsverhandlungen?
Trauen Sie sich! Und bereiten Sie sich gut vor. Üben, üben und nochmals üben. Vielleicht mit einem Mentor oder einer Mentorin oder mit einer guten Freundin oder einem guten Freund. Es gilt, sich an die Zahl zu gewöhnen, damit es im echten Gespräch nicht leise und zögerlich wirkt.

Verbündete und Mentoren finde ich, indem...
... ich netzwerke, offen auf die Leute zugehe und sie direkt anspreche.

Der größte Benefit, den Sie bisher aus einem Ihrer Netzwerke gezogen haben?
Ich habe so viele wundervolle Menschen kennengelernt, die mein Leben täglich bereichern.

In den kommenden drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
Oh, es gibt noch so unglaublich viel, was ich noch lernen möchte! Als erstes möchte ich Segeln lernen.

Wie schalten Sie abends ab, und wann gehen Sie ins Bett?
Zum Glück kann ich ganz gut abschalten. Ich gehe meistens gegen 23 Uhr ins Bett und lese noch ein kleines bisschen.

Frau Maljevic, vielen Dank für das Interview.