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Gerhard Schröder warnt davor, Aktien von Umweltsündern einfach abzustoßen

Der Altkanzler wirbt auf dem Kongress für Fondsvermittler in Mannheim für bessere Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft in Fragen der Nachhaltigkeit.

Großanleger „müssen sich engagieren, damit Unternehmen nachhaltig werden“. Foto: dpa

Gerhard Schröder nutzt die Eröffnung der jährlichen Großkonferenz für Fondsvermittler in Mannheim für eine Mahnung: „Nachhaltigkeit ist mehr als das Fixieren auf Umwelt und Klimawandel“, erklärt der Altbundeskanzler den mehr als 1000 Investmentprofis im Hauptsaal des Kongresszentrums Rosengarten. Vielmehr gehe es um ein Miteinander von Politik und Wirtschaft, Investoren und Unternehmen in ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen.

Daher greife die derzeitige Debatte, Umweltsündern Investorenkapital zu entziehen – also zu desinvestieren - zu kurz, betont der 75Jährige im dunkelblauen Feincordanzug zum hellen, feingestreiften Hemd, dunkelblauer Krawatte und großer, runder Hornbrille.

Politisch sei die Nachhaltigkeitsfrage keinesfalls neu, lässt er einfließen. Bereits 2002 sei unter ihm als Kanzler die erste nationale Nachhaltigkeitsstrategie der damaligen Bundesregierung vorgestellt und anschließend beständig weiter entwickelt worden. Ihn freue daher die Intensität der aktuellen Diskussion.

Großanleger „müssen sich engagieren, damit Unternehmen nachhaltig werden“, fordert Schröder. Als Vorbild nennt er den weltgrößten Staatsfonds aus Norwegen, der sein Vermögen von knapp einer Billion Euro auch in Förderer von Öl, Kohle und Gas investiere. Denn diese Unternehmen müssten gestärkt werden in ihrem Wandel hin zu erneuerbaren Energien. Sie durch Kapitalentzug zu schwächen, helfe nicht. Überdies muss die geplante Energiewende realistisch betrachtet werden, wie der Politiker doziert: Auch Deutschland hänge noch Jahrzehnte von fossilen Energieträgern ab.

Und der Umstieg sei unbedingt sozialverträglich zu gestalten: „Massenarbeitslosigkeit in Kohlerevieren stärkt nur die Populisten“, mahnt der Sozialdemokrat, „das starke Abschneiden der AfD in der Lausitz sollte uns nachdenklich machen“. Um die Klimakrise zu überwinden, müssten große Länder mit aufstrebenden Wirtschaften wie China und Indien, die noch stark auf Verstromung mit Kohle setzten, über internationale Abkommen eingebunden werden. Die Abkehr eines Donald Trump vom Pariser Klimaabkommen und dessen Rückkehr zu bilateralen Verträgen stimmt ihn bedenklich.

Auf dem zweitägigen Kongress herrscht unter den Ausstellern für die mehr als 6000 Besuchern pro Tag Einigkeit: Die Aufsteller an den Ständen mit Bildern von Wäldern, Seen und Windrädern mehren sich, kaum ein Vortrag kommt aus ohne das Kürzel „ESG“ für die Ausrichtung auf ökologische, soziale Ziele und gute Unternehmensführung aus. Jeder große Vermögensverwalter hat längst sein eigenes Nachhaltigkeitskonzept entwickelt und lobt sein eigenes Engagement als Großaktionär, Firmen zu mehr Sauberkeit anzuregen.

Allerdings investieren besonders private Anleger bisher wenig in ESG-Produkte. Gemessen am Fondsvermögen von rund drei Billionen Euro am deutschen Markt machen die Produkte insgesamt nur einige Prozent aus - das Kapital kommt überwiegend von Großinvestoren. Für die Fondsvermittler ist das aufwendig zu beratende ESG-Thema bisher offenbar auch nicht vordringlich: Sie beschäftigen vielmehr die geringen Renditen bei Anleihefonds und bei vielen gern verkauften Mischfonds. „Das wichtigste bleiben immer noch stabile Renditen“, meint ein Berater nach Schröders Vortrag. Denn die mageren Erträge bringen ihre Kunden immer stärker dazu, sich für die billigeren Indexfonds zu interessieren. Diese ETFs sind über die Börse zu kaufen, bringen den Vermittlern also keine Provisionen.

Schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Kongressort wurden die Fondsberater damit konfrontiert. Der aktuell am schnellsten wachsende ETF-Anbieter, das US-Haus Vanguard, hat auf den Bürgersteig in roter Farbe sprühen lassen: „Vanguard – Value to Investors“.