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Mit Geld schneller zum Impftermin: Das Riesengeschäft mit privaten Impfungen in Schwellenländern

Busch, Alexander Peer, Mathias
·Lesedauer: 4 Min.

In Brasilien, Indien oder Thailand wollen private Unternehmen Corona-Impfstoffe kaufen. Die Regierungen haben nichts dagegen, dass Privilegierte so früher geimpft werden.

Ob Schönheits-OPs oder Augenlasern: Thailands noble Privatkrankenhäuser gelten als eine der ersten Anlaufstellen, wenn es um kostengünstige, hochwertige Behandlungen geht. In der Coronakrise wittern die Kliniken ein neues Geschäftsmodell: Wer genug Geld mitbringt, soll sich in der Impfschlange einen der vorderen Plätze erkaufen können.

Der börsennotierte Bangkoker Gesundheitsanbieter Vibhavadi machte seinen Kunden bereits Ende Dezember ein exklusives Angebot: Bis zu 1000 Personen sollten sich für umgerechnet rund 110 Euro eine frühestmögliche Impfung gegen das Coronavirus reservieren können. Für das Vakzin des US-Herstellers Moderna würden dann zusätzlich knapp 170 Euro fällig, teilte das Unternehmen mit. Die Gesamtkosten entsprechen in etwa dem Monatslohn eines lokalen Fabrikarbeiters.

Die Zulassung des Impfstoffs muss Vibhavadi noch abwarten. Gegen die Vorzugsbehandlung von zahlungskräftigen Patienten haben Thailands Behörden aber nichts einzuwenden – das Land ist eine Zweiklassenmedizin zwischen den spärlich ausgerüsteten Staatskrankenhäusern und modernen Privatkliniken gewohnt.

Bestellungen bei Moderna und Bharat Biotech

Thailand ist kein Einzelfall. Auch in Brasilien und Mexiko, Kolumbien und Guatemala, Malaysia, Indonesien und Pakistan haben Regierungen dem Privatsektor erlaubt, Impfstoffe zu kaufen. Die Länder weisen große Einkommensgegensätze auf, die Regierungen sind in ihren Möglichkeiten, die Impfstoffe ausreichend zur Verfügung zu stellen, eingeschränkt – und häufig ist Korruption Teil des Alltags. Die Gefahr droht, dass sich Privilegierte in der Impfschlange vordrängeln. Der Zeitpunkt der Impfung wird zur gesellschaftlichen Machtfrage.

In Brasilien haben private Impfkliniken fünf Millionen Dosen beim indischen Covaxin-Hersteller Bharat Biotech bestellt, heißt es beim Verband der privaten Impfkliniken (ABCVA), in dem 200 private Firmen registriert sind. Obwohl die brasilianische Gesundheitsbehörde den Impfstoff noch nicht genehmigt hat, hofft der Verband, ab April über das Vakzin aus Indien zu verfügen.

Für mediales Aufsehen sorgte vergangene Woche die Ankündigung eines Konsortiums unter Führung des brasilianischen Industrieverbands CNI, mehrere Spitzenverbände der Wirtschaft und einige Dutzend der größten privaten Konzerne wollten gemeinsam von Astra-Zeneca 33 Millionen Impfdosen kaufen. Mit der Hälfte sollten die eigenen Belegschaften geimpft werden.

Die andere Hälfte, so das Konsortium, würde dem staatlichen Gesundheitssystem gespendet. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro gab den Unternehmen grünes Licht für die Verhandlungen. „Ein super Vorschlag“, freute sich Wirtschaftsminister Paulo Guedes. Es gehe darum, schnell die Menschen wieder an ihre Arbeitsplätze zu bringen. „Das ist kein Vordrängeln in der Impfwarteschlage“, sagt Guedes.

Astra-Zeneca erteilte dem Ansinnen eine Abfuhr: „Alle Impfstoffdosen sind derzeit durch Vereinbarungen mit Regierungen und multilateralen Organisationen auf der ganzen Welt verfügbar“, teilte der Hersteller mit. „Die Impfstoffe können nicht dem privaten Markt zur Verfügung gestellt werden.“ Doch einige Wirtschaftsverbände begrüßen weiter den privaten Ankauf. „Unsere Mitarbeiter sind Teil der Ökonomie. Wir haben das Recht, weiterarbeiten zu können“, sagt etwa Basilio Jafet, der Präsident des Verbands der Immobilienmakler Secovi-SP. Der private Ankauf diene auch der Unterstützung der Regierung beim Impfen der Bevölkerung.

Übernehmen Firmen und Verbände Regierungsaufgaben?

Bolsonaro weigert sich, eine landesweite Planung der Impfungen zu organisieren – obwohl Brasilien inzwischen mit mehr als 220.000 Corona-Toten eines der weltweit am schwersten betroffenen Länder ist. Angesichts der Passivität der Regierung sei es gerechtfertigt, wenn der Privatsektor Millionen Menschen impfe, sagt der einflussreiche Investmentbanker Fabio Alperowitch von Fama Investimentos. „Wir sollten die Unternehmen nicht verurteilen, die die Aufgaben der ineffizienten Regierung übernehmen wollen.“

So versucht jede Gruppe, sich ihren Impfstoffanteil zu sichern. Bundesrichter im Süden Brasiliens verhandeln mit Bharat Biotech über die Lieferung von fünf Millionen Impfdosen für die Richter und ihre Angehörigen. Für die Richter sei die Wartezeit unzumutbar, erklärte der Präsident des Gremiums. Auch in Indien nimmt die Diskussion um private Impfstoffverkäufe an Fahrt auf. Das Serum Institute of India (SII) – der größte Impfstoffhersteller der Welt, der als Lizenznehmer derzeit das Astra-Zeneca-Vakzin produziert – hat angekündigt, die Impfdosen auch am freien Markt verfügbar zu machen.

Bisher hat die Regierung von Premierminister Narendra Modi dafür noch keine Genehmigung erteilt. Sie will erst Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Menschen über 50 impfen lassen. Doch der Druck auf die Regierung, den privaten Verkauf des Impfstoffs zuzulassen, wächst. Denn momentan wird in Indien deutlich mehr Impfstoff produziert, als im Rahmen des staatlichen Impfprogramms verabreicht werden kann. Weil die Impfstoffe nur ein halbes Jahr haltbar sind, besteht ein gewisser Zeitdruck.