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Gefährliche Mischung am Aktienmarkt – Anleger zocken auf kurzfristige Gewinne

Die Lage am deutschen Aktienmarkt wird zusehends brisanter: Bereits eine negative Meldung könnte für deutlich tiefere Kurse sorgen.

Händler sitzen im Saal der Börse an ihren Monitoren. Laut Anlegerstimmung dürften die Kurse am deutschen Aktienmarkt bald wieder fallen. Foto: dpa

Die Anlegerstimmung ist gespalten: Zum einen wollen Privatanleger in den kommenden Tagen niedrigere Kurse zum Einstieg nutzen, um an einer Jahresschlussrally zu partizipieren. Auf der anderen Seite schwindet die Zuversicht auf höhere Notierungen in drei Monaten. „Das nennt man ,Zocken auf kurzfristige Gewinne‘ und ist selten die Ausgangsbasis für nachhaltig steigende Kurse“, meint Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx, nach Auswertung der Handelsblattumfrage Dax-Sentiment.

Denn was dürfte passieren, wenn die Kurse in den kommenden Tagen steigen? Viele Anleger laufen den Kursen hinterher, weil sie die Jahresendrally nicht verpassen wollen. Damit würden sie diese Rally kurzfristig weiter befeuern. Doch ohne Zukunftsoptimismus wären das keine Überzeugungskäufe, keine langfristigen Positionen. „Dann droht ein böses Erwachen am Markt, wenn keine positiven Ereignisse die gestiegenen Kurse bestätigen“, erläutert der Sentimentexperte.

Das andere Szenario: Die Kurse sacken ab, und Anleger nutzen die günstigen Kurse für Käufe. Das wäre tatsächlich die Basis für eine länger anhaltende Rally, eine „gesunde Verschnaufpause“.

Doch die Realität sieht so häufig anders aus. Rückläufige Kurse sind meist die Folge negativer Meldungen oder Daten – sei es ein Tweet von US-Präsident Donald Trump oder ein enttäuschender Auftakt des Weihnachtsgeschäfts.


Die Kaufabsichten sind in solchen Fällen schnell verpufft, die Kurse fallen oftmals deutlich tiefer. Diese Gefahr ist in den vergangenen Handelstagen deutlich größer geworden: Denn die institutionellen Anleger spekulieren bereits nach den Daten der Terminbörse Eurex deutlich auf steigende Kurse und fallen in solch einem Szenario als Käufer aus. Auch die Privatanleger haben ihre vorsichtige Einstellung aufgegeben, wie das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart zeigt.

Für Heibel bilden rückläufige Zukunftserwartungen und gleichzeitig stark bullishe Positionierungen stets eine gefährliche Mischung. „Wir haben ein zunehmend gefährliches Sentiment, ein negatives Ereignis kann zu einem noch deutlicheren Rücksetzer an den Aktienmärkten führen“, meint er.

Bereits in der vergangenen Woche ist der Dax um 0,6 Prozent gefallen. Für Leser des Dax-Sentiments war das keine Überraschung. „Viele Warnsignale an den Aktienmärkten – Anleger sollten mit Käufen abwarten“, lautete die Überschrift der Sentimentanalyse am vergangenen Montag.

Bei den Privatanlegern schwand bereits Mitte November die Skepsis gegenüber steigenden Notierungen – ein erstes Warnsignal. Entsprechend gab es angesichts der widersprüchlichen Signale zum Handelsstreit den einen oder anderen Grund für Gewinnmitnahmen, denen kein direktes Kaufinteresse gegenüberstand. Nach einem Dax-Plus von mehr als zehn Prozent innerhalb von sechs Wochen eine „gesunde Verschnaufpause“.


Aus Stimmungsumfragen wie dem wöchentlichen Handelsblatt Dax-Sentiment unter mehr als 3500 Anlegern lässt sich – vereinfacht gesagt – Folgendes ableiten: Bei Euphorie sind die meisten Anleger investiert, und es fehlt weitere Nachfrage, sollten die Kurse fallen. Falls extremer Pessimismus herrscht, haben die meisten Investoren bereits verkauft, und es reichen wenige Käufer, um die Kurse steigen zu lassen.

Auch zwei andere Stimmungsumfragen signalisieren eher rückläufige Kurse: Für die Experten der Investmentberatungsfirma Sentix ist die Aktienkonsolidierung „noch nicht beendet“. Joachim Goldberg, der eine ähnliche Erhebung für die Börse Frankfurt auswertet, nimmt an, dass etliche der professionellen Anleger den Dax ab einem Kursniveau von 12.800/12.850  Punkten stützen könnten. „Gefahr droht aber bei ungünstigen Entwicklungen im Handelskonflikt, die ausländische Investoren ,aus Gründen der Risikoaversion‘ aus den EU-Aktienmärkten vertreiben sollten“, meint der Verhaltensökonom.


Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage zeigen: Das Dax-Wochenminus von 0,6 Prozent hat die Stimmung unter den Anlegern zurück in den neutralen Bereich geholt. Viele Umfrageteilnehmer haben ihre gute Laune abgegeben und sehen den Dax nicht mehr in einer Aufwärtsbewegung. Sie sind nun neutral gestimmt (Seitwärtsbewegung).

Weitere Anleger erlebten ein böses Erwachen und sehen zusätzlich den deutschen Leitindex in einem Abwärtsimpuls. Entsprechend geben auch sechs Prozentpunkte der Anleger an, von der Verschnaufpause überrascht worden zu sein.´ Doch die meisten Anleger (59 Prozent) fühlen sich durch die Verschnaufpause in ihrer Erwartung bestätigt, offenbar war das „überfällig“.

Interessant ist die Abstimmung zur Zukunftserwartung. Meist werden rückläufige Kurse als Gelegenheit betrachtet, beliebte Aktien günstiger einzukaufen, sofern sich die Rahmenbedingungen nicht geändert haben. Diese Woche jedoch haben die rückläufigen Kurse dazu geführt, dass Anleger vermehrt von Zukunftspessimismus heimgesucht werden: Mit einem Stimmungswert von minus 0,7 dominiert trotz der fallenden Notierungen nun leichter Pessimismus unter Anlegern.


Dennoch ist die Investitionsbereitschaft groß. Weiterhin wollen 21 Prozent der befragten Anleger in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen. Nur 17 Prozent wollen ihre Positionen verkleinern.

Privatanleger haben in der abgelaufenen Woche ihre Absicherungspositionen weiter aufgelöst. Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart ist auf minus fünf angestiegen. „Dieser Anstieg lässt darauf schließen, dass Privatanleger schon die leichte Verschnaufpause nutzen, um sich stärker bullish für die nächste Börsenphase zu positionieren“, schlussfolgert Heibel.

Die Profis haben diese Entwicklung hinter sich. Sie waren in den vergangenen Wochen bereits stark bullish positioniert und halten an ihrem Optimismus fest.


In den USA bleibt die Absicherungsquote der Anleger hoch, man traut dort den Kursgewinnen nicht. Trotzdem haben Fondsmanager ihre Investitionsquote um sechs Prozentpunkte auf 78 Prozent erhöht.

Sie positionieren sich also für eine eventuelle Jahresschlussrally, sichern sich aber gleichzeitig gegen Verluste ab. „Wasch mich, aber mach mich nicht nass, lautet offenbar die Devise“, meint Heibel. Eine Entscheidung steht also am US-Markt noch aus.

Eine Börsenhändlerin schaut am Montag (07.05.2012) in der Börse in Frankfurt am Main auf ihre Monitore. Die Unsicherheit nach der Wahl in Griechenland hatte den Dax zunächst auf ein Dreimonatstief gedrückt, der Leitindex erholte sich dann allerdings etwas von seinen Verlusten im frühen Handel. Foto: Frank Rumpenhorst dpa/lhe +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa