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Forscher entdecken Überreste von Nesher Ramla – einem unbekannten menschlichen Vorfahren, der neben Urmenschen und Neandertalern lebte

·Lesedauer: 4 Min.
Der Teil des Schädels und Kieferknochen eines neu entdeckten menschlichen Vorfahren namens Nesher Ramla.
Der Teil des Schädels und Kieferknochen eines neu entdeckten menschlichen Vorfahren namens Nesher Ramla.

Vor rund 120.000 Jahren war die östliche Mittelmeerküste ein lebendiger Ort. Zu dieser Zeit waren die Urmenschen, die Vorfahren des modernen Menschen, aus Afrika emigriert und hatten sich im heutigen Israel und auf der arabischen Halbinsel niedergelassen. Etwa zur gleichen Zeit haben die Neandertaler — ebenfalls Verwandte des modernen Menschen — begonnen, Eurasien zu besiedeln.

Neue Forschungsergebnisse zeigen nun, dass eine dritte menschliche Vorfahrenart zur gleichen Zeit in der gleichen Landschaft existierte. Ersten Untersuchungen zufolge waren ihre Mitglieder ebenfalls Jäger und Sammler. Am vergangenen Donnerstag wurden in der Fachzeitschrift „Science“ zwei Studien veröffentlicht, die die bisher unbekannte Vorfahrenart namens Nesher Ramla als Untersuchungsgegenstand hatte. Den Studien zufolge teilten sich die Vorfahrenarten nicht nur Werkzeuge und ihnen bekannte Techniken mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn, sondern pflanzten sich auch miteinander fort. „Sie lebten zusammen und interagierten miteinander“, sagte die Anthropologin Rachel Sarig von der Universität von Tel Aviv. Sie ist Co-Autorin der beiden Studien, die in der Fachzeitschrift veröffentlicht wurden.

Eine virtuelle Rekonstruktion des Unterkieferknochens von Nesher Ramla.
Eine virtuelle Rekonstruktion des Unterkieferknochens von Nesher Ramla.

Sarig und ihre Kolleginnen und Kollegen entdeckten Fragmente eines teilweise erhaltenen Kieferknochens. Aus 17 Teilen setzten sie ihn wie ein Puzzle zusammen. Die einzelnen Fragmente fanden sie tief in einem Erdloch nahe einer israelischen Grabungsstätte namens Nesher Ramla — daher auch der Name der Vorfahrenart. Neben den Teilen des Kieferknochens wurde auch ein Zahn sowie Teile eines Schädels, die zu demselben Individuum gehörten, gefunden.

Auffallend war, dass dieser menschliche Vorfahre kein Kinn hatte. Das ist ein Merkmal, das für den Homo Sapiens eigentlich typisch ist. Außerdem hatte er einen flacheren und gedrungeneren Kopf. Diese Merkmale deuten darauf hin, dass der Nesher Ramla eine ältere Spezies war als andere Bewohnerinnen und Bewohner dieser Region. „Er war eine Art Vor-Neandertaler“, sagt die Archäologin. Das Team hatte erwartet, dass die Knochen zu einem anatomisch modernen Menschen, den Urmenschen, gehörten. Dies konnte aufgrund der Merkmale jedoch ausgeschlossen werden. „Homo Sapiens waren die dominierende Bevölkerungsgruppe in der Levante zwischen 100.000 und 200.000 Jahren“, so Sarig. Levante ist die historische geografische Bezeichnung für die Länder östlich des Mittelmeeres. „Wir waren sehr überrascht, als wir begannen, die Fossilien zu betrachten. Uns war sofort klar, dass Nesher Ramla nicht zu den Urmenschen gehörte.“

Ein Erdloch in den Judäischen Hügeln

Das Nesher Ramla Erdloch in Israel, westlich von Jerusalem.
Das Nesher Ramla Erdloch in Israel, westlich von Jerusalem.

Die Entdeckung der Knochen dauerte ein Jahrzehnt lang. Im Jahr 2011 waren Arbeiter gerade dabei, einen Kalksteinbruch in den Judäischen Hügeln - zwischen Israels Mittelmeerküste und Jerusalem - abzubauen, als sie ein riesiges Senkungsloch fanden. Im Sediment in etwa acht Meter Tiefe entdeckte Sarigs Team Zähne und Knochen von Tieren, Steinwerkzeuge aus Feuerstein und die Knochen von Nesher Ramla. Sie vermuten, dass die Senkgrube eine antike Wasserstelle war, an die Tiere zum Trinken kamen und unsere menschlichen Vorfahren sich versammelten, um Wild zu schlachten.

Die Forscher berechneten, dass die Tierzähne und der Feuerstein zwischen 120.000 und 140.000 Jahre alt sind, was darauf hindeutet, dass der Nesher Ramla auch damals lebte. Hila May, Mitautorin der neuen Studie, sagt, dass es sogar möglich ist, dass diese prähistorischen Menschen das Gebiet schon vor bis zu einer halben Million Jahren besetzten.

Der Ort des Sediments innerhalb des Nesher Ramla Erdlochs, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Fossilien ausgegraben haben.
Der Ort des Sediments innerhalb des Nesher Ramla Erdlochs, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Fossilien ausgegraben haben.

Normalerweise werden Menschen, die während des mittleren Pleistozäns in Israel lebten, als Teil der Art Homo heidelbergensis klassifiziert. Diese Vorfahren zeichnen sich dadurch aus, dass sie Feuer nutzten, um Werkzeuge herzustellen und um zu kochen. Die Autoren der Studie entschieden sich aberr, den Nesher Ramla nicht in diese Art einzuordnen, da seine anatomischen Merkmale nicht genau übereinstimmen.

Dennoch sagt May, dass dieser Vorfahre eine sehr ähnliche Lebensweise wie Neandertaler und Homo sapiens hatte. „Sie waren Jäger und Sammler, die in kleinen Gruppen lebten und Tiere wie Nashörner, Pferde und Hirsche jagten“, sagt sie und fügt hinzu, dass sich die Nesher Ramla "in ihren Fähigkeiten nicht sehr von anderen Gruppen unterschieden".

Die Kreuzung unter unseren menschlichen Vorfahren

Eine Nachstellung eines Neandertalers.
Eine Nachstellung eines Neandertalers.

Die Forschenden kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass die Nesher-Ramla-Gruppe einen großen Einfluss darauf hatte, wie die Neanderthaler aussahen und wie sie lebten, nachdem sie vor etwa 100.000 Jahren nach Europa eingewandert waren.

Die neue Entdeckung könnte auch ein genetisches Rätsel lösen. Frühere Forschungen haben ergeben, dass einige Neandertaler aus dem mittleren Pleistozän Gene haben, die vom Homo sapiens stammen. Aber diese modernen Menschen kamen erst vor etwa 45.000 Jahren in Europa an – also lange nach den Neandertalern.

Wenn sich Nesher Ramla also sowohl mit Neandertalern als auch mit modernen Menschen in der Levante gekreuzt hat, bevor die Neandertaler nach Westen expandierten, könnte das die Ausbreitung der Gene erklären.

"Wir brauchten eine Erklärung, wie die Homo-Gene nach Europa kamen, bevor der Homo dorthin kam", sagte May.

Und die drei Homininen haben sich nicht nur untereinander fortgepflanzt - die Beweise aus der Senke deuten auch darauf hin, dass sie die gleichen Techniken zur Herstellung von Werkzeugen nutzten und die gleichen Feuersteinwerkzeuge verwendeten.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf und Hendrikje Rudnick aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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