Deutsche Märkte geschlossen

Fast alle verlieren – nur einer stürzt ab

Brück, Mario
·Lesedauer: 4 Min.

2020 erlebten die deutschen Brauereien die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Während die Mehrzahl der großen Biermarken aber noch moderat verlieren, nimmt der Niedergang bei einem Unternehmen dramatische Züge an.

Durch die beiden Lockdowns erlebten die deutschen Brauereien im vergangenen Jahr die tiefste Krise seit dem 2. Weltkrieg. Foto: dpa
Durch die beiden Lockdowns erlebten die deutschen Brauereien im vergangenen Jahr die tiefste Krise seit dem 2. Weltkrieg. Foto: dpa

Die deutschen Brauereien schlagen Alarm. „Die Situation ist dramatisch und in der Nachkriegszeit ohne Beispiel“, sagt etwa Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Brauer-Bund. Durch die Pandemie habe es in der Branche eine „erdbebengleiche Erschütterung“ gegeben, kommentiert Veltins-Chef Michael Huber. Guido Mockel, Sprecher der Geschäftsführung der Radeberger Gruppe, bezeichnet 2020 als „rabenschwarzes Jahr“.

Das vergangene Jahr wird nach Mockels Einschätzung für die Branche als eines der schmerzhaftesten in die Geschichte eingehen: Seit langer Zeit verliere der deutsche Biermarkt aufgrund des demografischen Wandels und sich ändernder Konsumgewohnheiten jährlich bis zu einer Million Hektoliter Absatz. „Schon dieser Absatzverlust trifft die Branche hart. Das Jahr 2020 war allerdings eine Zeitmaschine, die den bestehenden Druck noch einmal dramatisch erhöht“, sagt Mockel. „Unsere Branche musste in zwölf Monaten einen Absatzrückgang verkraften, der organisch erst über einen Zeitraum von schätzungsweise fünf Jahren eingetreten wäre. Das war – und bleibt – ein exogener Schock für die Brauwirtschaft.“ Es werde einen langen Atem, viel Geduld und ordentlich Kraft benötigen, bis sich die Branche von diesem Einschlag erholt haben werde. „Wenn dies denn überhaupt vollumfänglich gelingen kann ...“, orakelt Mockel. Von 1990 bis 2019 sank der Pro-Kopf-Bierkonsum um mehr als 40 Liter, das sind statistisch rund 1,5 Liter pro Jahr weniger.

Trotz der Horrorszenarien fielen die Verluste bei vielen Brauereien, deren Markenbiere bundesweit in den Supermärkten stehen und häufig im Fernsehen beworben werden, sogar noch vergleichsweise milde aus.

Laut Markenhitliste des Branchenblatts Inside verbuchte Marktführer Radeberger für sein Radeberger Pils ein Absatzminus von 5,5 Prozent, bei Krombacher waren es 4,8 Prozent, bei Veltins 3,5 Prozent. Bei Becks waren es sogar nur minus zwei Prozent und bei Oettinger minus 1,5 Prozent. Aus den Top Ten braute sich lediglich Augustiner mal wieder ein Plus von 2,6 Prozent zusammen. Die drastischen Rückgänge in der Gastronomie von fast 60 Prozent könnte die Münchner Brauerei durch ein plus von mehr als zehn Prozent im Lebensmittelhandel und in Getränkemärkten wettmachen. Warsteiner hingegen, seit Jahren im Niedergang, verbüßte den größten Verlust mit mehr als 16 Prozent.

Nur ein Gewinner in den Top Ten

Ähnlich wie Augustiner konnten viele große Brauereien die Verluste beim Fassbier durch den Wegfall von Veranstaltungen und die Schließungen in der Gastronomie durch gute Verkäufe im Einzelhandel ausgleichen. Während etwa der Fassbierabsatz bei Veltins um fast 60 Prozent einbrach, legte die Brauerei aus dem Sauerland im Flaschenverkauf um 8,6 Prozent zu. Dem Wettbewerber Krombacher gelang dies nicht ganz so gut. Der Marktführer verlor auch bei Flaschen und Kästen leichte Marktanteile.

Unverändert schwach, sowohl beim Fass als auch bei Flasche und Kasten, bleibt die Warsteiner-Brauerei. Das Branchenblatt Inside vergleicht Corona mit einer Abrissbirne, die bei Warsteiner eingeschlagen sei. „361.000 Hektoliter bröckelten Warsteiner aus der Fassade.“ Damit sei immerhin das Gesamtminus von 16,2 Prozent im Vergleich zum Halbjahr stabil, so der schwache Trost. Beim Fassbier verlor Warsteiner 55 Prozent.

Während andere Brauereien diese Verluste im Handel teilweise auffangen konnten, ging es dort für Warsteiner ebenfalls steil bergab: minus zehn Prozent. Zudem brach auch der Export beim einstigen Marktführer um fast zwölf Prozent ein. Damit kommt „Das einzig Wahre“, nur noch auf 1,86 Millionen Hektoliter. Damit liegt die Brauerei heute auf einem Niveau, dass noch nicht mal mehr von einer 30-Jahre-Statistik erfasst wird und irgendwo in den Achtzigerjahren liegen müsste. 1990 jedenfalls lag der Ausstoß noch bei 3,7 Millionen Hektolitern. Er steigerte sich vier Jahre später auf den Höchstwert von mehr als sechs Millionen Hektolitern und bescherte Warsteiner die Marktführerschaft. Seitdem geht es rapide bergab.

Veltins-Chef Huber hofft, das Warsteiner den Weg findet, im Markt zu bleiben. Er bemängelt jedoch grundsätzlich, dass die Hilfen des Bundes nicht ausreichen und es zwangsläufig zu Übernahmen kommen werde. „Die Folgen der Pandemie werden uns noch ein Jahrzehnt begleiten“, fürchtet der Veltins-Boss. Frühestens 2023 werde der Biermarkt wieder durchstarten können. Für Warsteiner könnte das zu spät kommen.