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Was für eine Zinserhöhung in Großbritannien spricht – und was dagegen

Es galt als sicher, dass die Bank of England am Donnerstag die Leitzinsen erhöht. Doch nun hat sie es sich offenbar anders überlegt – aus gutem Grund.


Falls Mark Carney testen wollte, ob sein Wort noch Gewicht hat, kann er beruhigt sein. Denn mit nur einer Bemerkung vor drei Wochen hat der Gouverneur der Bank of England die Erwartungen an den Finanzmärkten komplett gedreht.

Damals, Mitte April, hatten die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent eingepreist, dass die britische Zentralbank in ihrer heutigen Sitzung den Leitzins von 0,5 auf 0,75 Prozent anheben wird.

Carneys Äußerung zerschlug diese Erwartungen: Er erinnerte daran, dass eine Zinserhöhung im Mai nicht garantiert sei, sondern dass der geldpolitische Ausschuss noch mehrere Male in diesem Jahr tage. Die Anleger interpretierten dies als Absage an einen baldigen Zinsschritt, die Wahrscheinlichkeit ist mittlerweile auf zehn Prozent gefallen.

Um 13 Uhr MEZ will die Zentralbank nun ihre Entscheidung bekannt geben. Welche Faktoren beeinflussen den Zinsentscheid – und was folgt daraus?


Was für eine Zinserhöhung spricht

Bis zu Carneys Warnung am 19. April galt die Zinserhöhung in der Mai-Sitzung als sicher, das Pfund Sterling kletterte auf bis zu 1,44 Dollar. Warum also sollte die Bank nun plötzlich anders entscheiden?

Befürworter einer Zinserhöhung argumentieren, dass sich die Lage nicht fundamental geändert hat. Es herrscht Vollbeschäftigung, die Löhne beginnen zu steigen. Die Inflation liegt immer noch über ihrem Zielwert von zwei Prozent, eine Zinserhöhung wäre also zu rechtfertigen.


Die Bank könnte mit einem zweiten Zinsschritt zudem signalisieren, dass die Erhöhung im November kein Ausrutscher war, sondern vielmehr Teil einer längerfristigen Normalisierung des Zinsniveaus. Die Währungshüter hatten im November erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen wieder erhöht. Sie befänden sich obendrein in guter Gesellschaft: Die Federal Reserve in den USA erhöht schon seit geraumer Zeit die Zinsen. Für dieses Jahr werden drei weitere Schritte erwartet.


Was gegen eine Zinserhöhung spricht

Carneys Mahnung kam nicht ohne Grund. Die britische Konjunktur ist wackeliger als zuletzt angenommen. Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich im ersten Quartal auf magere 0,1 Prozent. Ökonomen hatten mit 0,3 Prozent gerechnet.

Auch die beiden Einkaufsmanagerindizes für die Industrie und für Dienstleistungen lagen deutlich unter den Erwartungen. Die schwachen Konjunkturdaten erhöhen nun den Druck auf die Notenbanker, die Zinsen so lange wie möglich niedrig zu halten, um das Wachstum anzukurbeln.

Hinzu kommt, dass die Inflation schneller fällt als erwartet. Die Teuerungsrate war im vergangenen Jahr auf über drei Prozent gestiegen. Die Pfundabwertung nach dem Brexit-Referendum hatte Importe verteuert und damit die Preise vieler Güter hochgetrieben.

Dieser Effekt lässt seit Jahresbeginn jedoch nach, die Inflation fiel im März auf 2,5 Prozent. Ein Eingriff der Bank of England scheint nicht unbedingt nötig. In einer Bloomberg-Umfrage rechnen daher nur noch drei von 54 Analysten mit einer Zinserhöhung. An den Märkten wird der nächste Zinsschritt nun erst für November erwartet.


Was passiert, wenn die Bank of England die Zinsen nicht erhöht?

Das Pfund dürfte weiter fallen. In den vergangenen drei Wochen ist es von seinem zwischenzeitlichen Hoch bei 1,44 Dollar auf 1,35 Dollar gefallen. Auch gegenüber dem Euro hat die britische Währung wieder nachgegeben.

Analysten rechnen mit einem weiteren Fall. Die Anleger werden auch genau darauf achten, was Carney zum möglichen Timing eines weiteren Zinsschritts sagt und wie pessimistisch er die britischen Konjunkturaussichten sieht.