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Was Europas größtes Start-up für autonomes Fahren mit Tesla verbindet

Aimotive aus Ungarn erhält von Investoren wie Bosch 20 Millionen Dollar – und will damit näher an die deutsche Autoindustrie ran.

Die Begeisterung der deutschen Autoindustrie für autonome Autos ist in den vergangenen Monaten sehr abgeflaut. Audi hat seinen Plan, einen bereits entwickelten, teilautonomen A8 auf die Straße zu bringen, aufgegeben – die Regulierung sei zu uneinheitlich. Vergangene Woche erklärten dann Mercedes und BMW, ihre Kooperation bei der Entwicklung selbstfahrender Autos ruhen zu lassen – zu teuer. Für László Kishonti sind das gar keine schlechten Nachrichten.

Der ungarische Unternehmer will die Autonomisierung der Autos günstiger machen und schneller in die Masse bringen. Spardruck ist da ein besserer Verbündeter als luftige Visionen und gewaltige Entwicklungsbudgets.

Sein Unternehmen Aimotive entwickelt dafür die Software und weitere Komponenten für autonome Autos. Mitten in der Corona-Krise erhält sein Unternehmen Aimotive 20 Millionen Euro. Die Finanzierungsrunde wird von Lead Ventures angeführt, einem vor allem vom ungarischen Energiekonzern MOL finanzierten Risikokapitalgeber.

Auch Samsung Catalyst und Robert Bosch Venture Capital sind bereits Teilhaber an Aimotive. Mit insgesamt 70 Millionen Dollar Investment ist Kishontis Unternehmen das größte Startup Europas in dem zukunftsträchtigen, aber von Amerikanern dominierten Bereich.

Aimotive entwickelt und testet seine Technologie vor allem auf ungarischen, skandinavischen und – dank einer Kooperation mit Peugeot-Mutter PSA – französischen Straßen. Aber auch in Kalifornien sind Autos mit Aimotive-Software 2019 immerhin gut 6000 Meilen gefahren.

Kishonti gibt sich als Partner der Autoindustrie: „Wir lassen unsere Kunden aussuchen, welche unserer Komponenten sie beziehen“, sagt er. Sie können beispielsweise Aimotives Algorithmen nutzen, aber die Simulationen der Konkurrenz und hätten so größere Preisflexibilität als bei Konkurrenten wie die Intel-Tochter Mobileye.

Günstiger ist Aimotives Lösung auch, weil das Unternehmen in einer wichtigen Frage eine andere Fahrtrichtung als der Großteil der Industrie einschlägt: Kishonti verzichtet auf Lidars, die relativ teuren, laser-basierten Sensoren.

Die bilden mit Radar und Kamera bei Konkurrenten von Googles Waymo bis zum VW-Partner Argo die Trias der Autonomie-Sensoren. „Unser gesamter Verkehr basiert auf optischen Signalen: Ampeln, Straßenschilder oder Zebrastreifen“, sagt Kishonti. Daher seien Kameras, Radars und Künstliche Intelligenz ausreichend.

Der Verzicht auf Lidars verbindet ihn mit einem anderen Automobil-Unternehmer, dem in den vergangenen Monaten viel gelang: Elon Musk.

Aimotive will auch in Deutschland testen

Mit dessen Autobauer Tesla arbeitete Kishonti schon zusammen, bevor er 2015 Aimotive gegründet hat. Er erstellte Demos, um die Chips des Halbleiterherstellers Nvidia in Teslas zu testen.

Software und Künstliche Intelligenz seien die entscheidenden Komponenten im Rennen um das autonome Auto, ist Kishonti überzeugt.

Auf diesen Feldern ist Tesla den deutschen Autoherstellern enteilt – doch Kishonti glaubt an die deutschen Hersteller. Neben einer Kooperation setzt er auf BMW und Co. als künftige Kunden. Mit dem Investment im Rücken eröffnet Aimotive ein Büro in München und will auch auf deutschen Straßen testen – bislang war Deutschland nur ein paar Mal Transitland für Aimotives Testfahrten.

Auch personell wird Deutschland wichtiger für Aimotive: Bernhard Bihr, Ex-Chef von Bosch Engineering, zieht in Aimotives Beirat ein. „Aimotive ist in einer einzigartigen Position, seine Partner in der Industrie in allen Bereichen des autonomen Fahrens zu unterstützen“, sagt Bihr. „Sie stehen an der Spitze der technologischen Revolutionen, die durch die Industrie fegen und Software zum Kern der Wertschöpfung im Auto machen.“