Deutsche Märkte öffnen in 7 Stunden 41 Minuten

Falk-Ehefrau sagt als Zeugin aus: „Damit nahm die ganze Misere ihren Lauf“

Nadia Falk schildert, wie ihr Mann in falsche Kreise geriet. Doch den Mordauftrag gegen einen Anwalt habe er nicht erteilt – davon ist sie überzeugt.

Seit mehr als einem Jahr sitzt der Unternehmer (M.) in Untersuchungshaft. Foto: dpa

Was in Nadia Falk in den ersten Minuten dieses Termins vorgeht, ist deutlich zu hören. Ihre Stimme wird dünn und ein- bis zweimal bricht sie ihr auch weg. „Wissen Sie“, sagt sie zu Richter Jörn Immerschmitt, „ich habe mich entschieden, heute auszusagen. Aber es fällt mir schwer, in der Öffentlichkeit diese persönlichen Dinge zu sagen und meinen Mann hier so sitzen zu sehen. Ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, dass er diesen Auftrag nicht gegeben hat“, sagt sie.

Und als sie anschließend betont, wie sehr sie und ihre fünf gemeinsamen Kinder ihn vermissen, kämpft die elegant gekleidete 49-Jährige mit den Tränen. Ihr Mann, das ist Alexander Falk, der Erbe des berühmten Hamburger Kartografieverlags mit den ausklappbaren Stadtplänen, der es als Internetunternehmer Anfang der 2000er-Jahre gar bis unter die 100 reichsten Deutschen schaffte.

Ein so jäher Sturz wie seiner ist selten. Seit mehr als einem Jahr sitzt Falk wegen eines ungeheuerlichen Verdachts in Untersuchungshaft. Er soll vor knapp zehn Jahren einen Mordanschlag auf den Anwalt Wolfgang J. in Auftrag gegeben haben. J. arbeitete seinerzeit an einer Schadensersatzklage gegen Falk, bedrohte damit in Augen der Staatsanwälte die finanzielle Zukunft der Familie so sehr, dass Falk ihn loswerden wollte.

Im Februar 2010 wurde J. durch einen Schuss in den Oberschenkel schwer verletzt. Falk geriet schnell in Verdacht, doch belastbare Hinweise fehlten. Das änderte sich, als ein Zeuge im vergangenen Jahr schilderte, er sei dabei gewesen, als Falk im Herbst 2009 in einem Steakhouse den Auftrag zu dem Anschlag gab.

Der Mann, der der organisierten Kriminalität zuzurechnen ist, legte dazu auch ein Tonband vor, auf dem zu hören ist, wie Falk sich über den Schuss freute. Im September 2018 griffen die Ermittler zu, nahmen Falk, der die Vorwürfe scharf zurückweist, fest.

Nadia Falk, die nicht nur Alexanders Ehefrau ist, sondern auch Rechtsanwältin und Teil seines Verteidigerteams, ist an diesem Dienstag ins Landgericht nach Frankfurt gekommen, um zu schildern, weshalb sie ihrem Mann glaubt und von seiner Unschuld überzeugt ist.

Die brüchige Stimme in den Anfangsminuten ihrer Aussage – es ist das letzte Mal, dass die sportliche Frau, die die dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, in ihrer mehrstündigen Befragung die Fassung verliert.

„Er hat sich eher über ihn lustig gemacht“

Unaufgeregt und mit leichtem hanseatischen Einschlag in der Stimme skizziert sie ihr Leben mit Falk. Dass sie ihn schon seit mehr als 30 Jahren kennt, mit ihm gemeinsam zur Schule gegangen ist. Hochzeit 2001, fünf gemeinsame Kinder im Alter von vier bis 17 Jahren.

Dann, 2003, der erste großen Einschnitt. Gegen Falk wurde ermittelt. Der Vorwurf: Er habe den Umsatz und den Aktienkurs seines Internetunternehmens Ision, das er schließlich für 812 Millionen Euro an die britische Energis verkaufte, in die Höhe getrieben.

Falk wurde verhaftet. „Damit nahm die ganze Misere ihren Lauf“, sagt Nadia Falk heute. Nach 22 Monaten kam Falk zwar aus der Untersuchungshaft frei, wurde später aber wegen gemeinschaftlichen versuchten Betrugs und Bilanzfälschung zu vier Jahren Haft verurteilt.

Auch die finanziellen Folgen waren gravierend. Die Staatsanwaltschaft hatte Falks Vermögen eingefroren. „Von einer auf die andere Sekunde war alles abgestellt. Wir waren handlungsunfähig. Mein Vater hat dann alles aufgefangen. Er ist eingesprungen und hat uns unterhalten“, so Nadia Falk. Ihr Vater, der schwerreiche Unternehmer Axel Schroeder, der als Chef des Finanzdienstleisters MPC bundesweit bekannt wurde, brachte sie finanziell durch die folgenden Jahre.

Diese Zeit habe ihnen schwer zugesetzt und auch für einigen Streit gesorgt – zwischen ihrem Vater und ihrem Mann, zwischen ihr und ihrem Vater und zwischen ihr und ihren Brüdern. „Es ging um zweistellige Millionenbeträge. Das war nicht lustig.“

Das Zivilverfahren, das die Kanzlei Clifford Chance und deren Anwalt J. im Jahr 2009 gegen ihren Mann anstrengten, habe die Familie dagegen nicht mehr so belastet. Und auch gegen das spätere Schussopfer J. habe ihr Mann nicht den Groll gehegt oder gar den Hass entwickelt, den die Staatsanwaltschaft ihm unterstellt.

Herr J. „war nicht sein Feindbild“, so Nadia Falk. Sascha, so Alexanders Rufname, „hat sich eher über ihn lustig gemacht, wie er da in den Verhandlungen gesessen hat, mit seinem Koffer. Er fühlt sich wichtig, obwohl er nicht wichtig ist“, habe ihr Mann gesagt.

Mit den Äußerungen stieß Nadia Falk in die gleiche Richtung, wie bereits am Vormittag zwei Anwälte, die ihren Mann einst in den Streitigkeiten mit der Kanzlei von J. vertreten hatten. Auch sie sagten aus, dass J. in dem Team von insgesamt sechs Anwälten nicht besonders hervorgestochen sei. Die Gesprächsatmosphäre im Umgang mit den Clifford-Anwälten sei sogar entspannt gewesen.

„Bitte bring das Geld noch heute zurück“

Eindrücklich erzählt Nadia Falk von ganz anderen Problemen, die zu dieser Zeit längst mehr Einfluss auf den Alltag gewannen. Probleme, die dadurch entstanden, dass sich ihr Mann mit den falschen Leuten eingelassen hatte. In der Untersuchungshaft hatte er sich mit Cihan B. angefreundet. Als er dessen ebenfalls der kriminellen Szene zuzurechnenden Bruder einmal zu ihnen nach Hause eingeladen hatte, habe sie gleich kein gutes Gefühl gehabt.

„Ich fand das Treffen unpassend, und er war mir unsympathisch. Ich habe meinem Mann gesagt: Ich möchte dich bitten, dass der nicht mehr zu uns kommt.“ Alexander Falk ließ sich nicht beirren, machte gar mehrfach Geschäfte mit den Gebrüdern B. Investitionen in ein Granulat, das Obst und Gemüse haltbarer machen sollte. Ein Hotelprojekt am Bosporus, für das er den Businessplan schrieb. Erfolgreich war keines der Geschäfte.

Stattdessen lieh sich ihr Mann von den Brüdern Geld. 250.000 Euro. In bar. Im Koffer. Sie habe ihn angefleht: „Bitte bring das Geld noch heute zurück.“ Doch Alexander hörte nicht. Als sie das Geld dann später nicht zurückzahlen konnten und auf eine erneute Hilfe ihres Vaters verzichten wollten, hätten die B.s starken Druck ausgeübt. Am Ende musste doch wieder ihr Vater einspringen.

Die Geister, die er einst rief, wurde Alexander Falk nicht mehr los. Und wenn es im September 2010 nur darum ging, dass die Kumpanen sich aufdrängten, ihm Tipps für den Antritt seiner restlichen Haftstrafe aus dem Ision-Verfahren zu geben. Schnell sei ihr Mann von dem Treffen wieder zuhause gewesen, habe noch den Sohn von der Schule abgeholt, erzählt Nadia Falk. Das Treffen sei ein völliger Flop gewesen, habe er gesagt.

Wirkliche Auswirkungen auf ihr tägliches Leben hatte aber laut Nadia Falk ein anderer Fehler ihres Mannes. Jenes Treffen in Istanbul, währenddessen Alexander Falk im Sommer 2010 seine Freude über den Schuss auf J. bekundete. Das Ganze wurde auf Tonband mitgeschnitten, die Falks mit dem kompromittierenden Jubel in der Folge aus dem Umfeld der Gebrüder B. wurden jahrelang erpresst.

„Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat“

Mal tauchten dubiose Gestalten vor ihrem Grundstück auf, hämmerten gegen die Haustür. Mal wurden sie beim gemeinsamen Joggen an der Alster abgefangen. Die Erpresserschreiben, die bei ihnen eingingen, häuften sich. Warum sie denn nicht zur Polizei gegangen seien, will der Richter wissen.

Ihr Anwalt habe ihnen gesagt, dass man ihnen zwar ein paar Wochen lang einen Streifenwagen vor die Tür stellen, sie aber nicht dauerhaft schützen könne, antwortet Nadia Falk. Außerdem hätten sie Angst gehabt, dass die Erpressung und ihre Hintergründe durch die Polizei an die Öffentlichkeit durchgestochen worden wäre.

Bis heute könne sie nicht verstehen, warum ihr Mann seine Freude über den Schuss bekundet habe. „Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat“, sagt Nadia Falk. Als sie nämlich unmittelbar nach dem Schuss auf den Anwalt im Februar 2010 davon erfahren hätten, sei ihr Mann schockiert gewesen. „Ich habe ihn noch nie so leichenblass gesehen.“

Allerdings war das wohl weniger dem Mitleid mit J. geschuldet, sondern eher der Sorge, dass der Anschlag nun auf ihn zurückfallen könnte. Zumindest damit lag Alexander Falk nicht falsch.