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Diese Unternehmerin will mit Naturkosmetik aus dem Schwarzwald punkten

Alicia Lindner führt mit ihrem Bruder die Marke Annemarie Börlind in dritter Generation. In der Coronakrise wird Regionales und Natürliches noch mehr geschätzt.

Der Weg zum Firmensitz der Naturkosmetikmarke Annemarie Börlind führt von Calw im Schwarzwald erst mal steil hinauf: In Serpentinen haben die Menschen die Berge hier erobert, bewirtschaft- und bewohnbar gemacht. Obenauf, in einer Dorfstraße am Ortsrand, stehen das lichte Gebäude und die Fabrikhalle des Familienunternehmens, das mit dem Slogan wirbt: „Made in the Black Forest“.

Der Verweis auf den Schwarzwald, „dort, wo die Kuckucksuhren herkommen“, begeistere besonders Kundinnen in Asien und in den USA, erklärt die Chefin Alicia Lindner: „Da denken alle direkt an Natur, Wälder, Bäche“, sagt die 30-Jährige und lacht. Ihr Büro wie auch die Unternehmensführung teilt sie sich mit ihrem fünf Jahre älteren Bruder Nicolas, also empfängt sie Gäste im lichten Besprechungsraum. Dort füllt sie erst mal Wasser in die Gläser – aus einer Flasche mit dem Aufdruck „Annemarie Börlind“.

Das Wasser stammt aus einer Tiefenquelle unter dem Firmengrund und ist klares Bekenntnis zu Natur, Region und Qualität. Es fließt ein in die Herstellung der Haut- und Haarpflegeprodukte und Kosmetika von Börlind – wie überhaupt vor allem natürliche, regional und oft biologisch erzeugte Inhaltsstoffe sowie nachhaltige Verfahren zum Einsatz kommen.

Darauf setzte die Firma schon, als Naturkosmetik noch längst kein Label war, das dem Zeitgeist entsprach. Gegründet haben die GmbH 1959 Alicia Lindners Großeltern Annemarie und Walter, die zuvor in der DDR enteignet worden und geflohen waren, und deren Geschäftspartner Hermann Börner, der bereits Erfahrung hatte im Handel mit naturidentischen Arzneimitteln. Aus ihren Namen entstand der Markenname.

Seit 2003 ist das Unternehmen im alleinigen Besitz der Familie Lindner, die nun die Übergabe an die dritte Generation vollzieht: Gründer-Sohn Michael, der unter anderem das Portfolio um die dermatologische Markenserie Dado Sens erweiterte, hat das operative Geschäft Anfang 2020 an zwei seiner vier Kinder übergeben – und das zu einem offenbar idealen Zeitpunkt.

„Wir sind vom Zeitgeist geküsst“, sagt Alicia Lindner, die nach Studium und ersten Karriereschritten bei Beratungen 2014 aktiv ins Unternehmen eingestiegen war. Denn während sie sukzessive die Verantwortung unter anderem für Vertrieb, die Marke Dado Sens, die Finanzbuchhaltung und das Controlling übernahm, wurde der Klimawandel das globale Megathema: Kunden fragen nach plastikfreien Verpackungen, fordern vegane Inhaltsstoffe, die ganze Beauty-Industrie tüftelt an nachhaltigen Produkten und Prozessen.

Hochwertige Rohstoffe aus der Region

Doch während Giganten wie Beiersdorf oder L'Oréal sich gewaltig mühen, umzusteuern und Naturkosmetik-Start-ups zukaufen, bauen die Enkel der Börlind-Gründerin deren ideelles und unternehmerisches Erbe aus. Christian Lorenz, Chef der Parfümerie-Kooperation Beauty Alliance, attestiert: „Die Marke Annemarie Börlind hat sich in dem hart umkämpften selektiven Kosmetikmarkt außerordentlich gut positioniert.“ Während der Markt stagniere, punkte Börlind im wachsenden Segment der Naturkosmetik.

Behutsam erweitern die Geschwister die Produktpalette, reagieren mit Innovationen auf Trends und haben zum Beispiel ein preisgekröntes Gesichtsöl auf den Markt gebracht, das gegen die Hautalterung durch Strahlung von Computer-Bildschirmen wirken soll. Auch lässt sich das Familienunternehmen seit 2012 mit dem strengen internationalen Nachhaltigkeitslabel CSE zertifizieren. „Dafür lassen wir uns von A bis Z durchleuchten. Klimaziele erreicht man nicht mit Feigenblattaktionen – sondern nur, wenn alle ihren Beitrag leisten“, sagt Alicia Lindner.

Und hochwertige Rohstoffe finden sich zuweilen um die Ecke: Die positiven Eigenschaften der Stammzellen der Schwarzwaldrose für die Haut entdeckten die firmeneigenen Forscher, als um die Ecke die Bundesgartenschau stattfand. Und für weit entfernt angebaute Zutaten wie Jojoba-Öl oder Shea-Butter treibt das Unternehmen sozialverantwortliche Anbauprojekte wie in Namibia oder Nepal voran. Die wirken dort auch als Empowerment für die Frauen, die dadurch eigenes Einkommen sichern – eine Herzensangelegenheit der Chefin, von der sie begeistert erzählt.

Auch Duschgeltuben aus recyceltem Plastik sind bei Börlind keine Kampagne nur für die Image-Broschüre: Schon bei Konzeption einer Serie und beim Design gehen sie bewusst darauf ein, dass sogenanntes Rezyklat-Plastik milchig-matt wirkt und eben nicht weiß strahlen oder gar glitzern kann – das ist ein gern verwendetes Argument großer Hersteller, warum sie nur einen Bruchteil ihrer Ware in Rezyklat verpacken. „Solche nachhaltigen Verpackungen sind etwa 20 Prozent teurer als herkömmliche. Dafür muss man sich als Unternehmen schon sehr bewusst entscheiden“, sagt Alicia Lindner.

Dass sich dieses Engagement rechnet, belegt die Baustelle hinter dem 1983 bezogenen, baubiologisch gestalteten Firmensitz. Der platzt mit insgesamt 220 Mitarbeitern quasi aus den Nähten. Börlind, heute in 30 Ländern mit Produkten vertreten, baut an. Und der Umsatz, der in den vergangenen Jahren im hohen einstelligen Bereich auf zuletzt etwa 70 Millionen Euro gewachsen ist, soll weiter steigen.

Gelebtes Familienunternehmertum

Auch die Corona-Pandemie habe dem Unternehmen bislang nicht geschadet, sagt die Chefin. „In Zeiten von Corona verbringen die Menschen mehr Zeit mit sich selbst und fragen, wie gesund und nachhaltig das ist, was ihr Körper berührt und aufnimmt – schließlich ist die Haut unser größtes Organ. Das spüren wir deutlich an der Nachfrage.“

Da ein großer Teil der Ware in Reformhäusern, Apotheken, online oder in der eher hochwertig ausgelegten Naturshop-Sparte des Drogeriemarkts Müller abgesetzt wird, erlitt das Unternehmen auch im Corona-bedingten Shutdown vieler Geschäfte keine Absatzdelle. Die regional ausgelegten Strukturen bei Zutaten wie auch Verpackung oder Logistik halfen zudem, dass alles nahezu unverändert weiterlief.

Die Chefin selbst ist zwar sonst viel unterwegs, doch jetzt ist sie vor allem im Homeoffice anzutreffen. Diese Vorsicht ist aber auch damit begründet, dass sie gerade ihr drittes Kind erwartet. Um die beiden Töchter kümmert sich übrigens ihr Mann, der dafür seinen Vorstandsposten aufgab.

Über dieses gelebte Familienunternehmertum der langjährigen Geschäftspartner sagt Elke Menold, internationale Einkaufschefin bei der Drogeriekette Müller: „Wir begrüßen es sehr, dass das Familienunternehmen nun in dritter Generation weitergeführt wird – wir sind ja auch ein Familienunternehmen.“ Börlind-Produkte sind fester Bestandteil des vor gut zehn Jahren eröffneten Naturshops bei dem Drogeristen, dessen Sortiment hochwertigere Marken versammelt als etwa das der Konkurrenten dm oder Rossmann.

Menold lobt auch die vorausschauende Zusammenarbeit mit den Lindners: „Die Marke Börlind war von Beginn an in unserem Naturshop sehr erfolgreich vertreten, und das Unternehmen hat uns seit Einführung des Konzepts sehr unterstützt. In allen Ländern, wo wir vertreten sind, ist die Zusammenarbeit von großer Kooperation geprägt.“