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„Auf solche Nachrichten haben die Aktionäre gewartet“ – Harter Sparkurs bei Daimler zahlt sich aus

Hubik, Franz
·Lesedauer: 5 Min.

Der Autobauer hat mit einem Ergebnis auf Vorjahresniveau gerechnet, übertrifft es aber um mehrere Milliarden Euro. Die Daimler-Aktie zieht an.

Dank eines strammen Sparkurses kommt Daimler gut durch die Coronakrise. Konkret hat der Autobauer nach vorläufigen Zahlen im vergangenen Jahr einen Betriebsgewinn von 6,6 Milliarden Euro eingefahren – und damit deutlich mehr als erwartet.

Zuletzt war der Konzern davon ausgegangen, in etwa ein Ergebnis auf dem Niveau des Vorjahres erzielen zu können. Das wären 4,3 Milliarden Euro gewesen. Analysten hatten zwar mit mehr gerechnet – aber nicht mit einem Zuwachs von über zwei Milliarden Euro. Die Aktie von Daimler legte folglich am Freitag um zeitweise mehr als zwei Prozent zu.

„Auf solche Nachrichten haben die Daimler-Aktionäre gewartet“, erklärt Marc Tüngler. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) spricht von einem „Tag der Befreiung“. Gleichzeitig warnt Tüngler vor zu viel Euphorie, schon zu oft habe Daimler erst positiv überrascht und dann doch wieder enttäuscht. „Die Herausforderungen sind und bleiben enorm“, sagt Tüngler. Aber erst mal zahle sich der Kurs von Konzernchef Ola Källenius aus.

Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, da galt Daimler noch als der ineffizienteste deutsche Premiumhersteller. Trotz großer Verkaufserfolge und stetig wachsender Umsätze erzielte der Stuttgarter Autobauer etwa im Vergleich zum ewigen Rivalen BMW einfach zu dünne Margen.

Die Kosten bei Daimler waren viel zu hoch. Fast alles, was an Geld reinkam, warf der Mercedes-Hersteller ganz unschwäbisch andernorts wieder raus – etwa für teure Mobilitätsexperimente. Die Folge: Investoren schrieben den Konzern beinahe ab. Die Kritik war überschäumend.

Im Mai 2019 trat dann Ola Källenius als neuer Daimler-Chef mit dem Ziel an, eine neue Kostenkultur bei dem Dax-Konzern zu etablieren. Das war mühsam. Noch vor einem Jahr musste der Schwede seine Topmanager mit einer internen Präsentation aufschrecken, die einen Gitarrenspieler entspannt auf einer Couch sitzend zeigte, während um ihn herum alles lichterloh brannte. Seine Botschaft an die Führungstruppe lautete: „Wacht endlich auf – sonst fackelt uns hier die Hütte ab.“ Heute ist klar: Die drastischen Bilder haben gewirkt.

Daimler konnte die Corona-Effekte deutlich abmildern

Der Daimler-Chef ordnet die Ergebnisse so ein: „Unsere strategischen Initiativen und unsere intensiven operativen Maßnahmen führen zusammen zu einer deutlichen Verbesserung der finanziellen Performance im gesamten Unternehmen“. Der gelernte Kaufmann Källenius hat in den vergangenen Monaten drastische Kostenkürzungen mit seinem Finanzchef Harald Wilhelm in Stuttgart durchgesetzt. Bis Mitte des Jahrzehnts sollen mehr als 20.000 der einst 300.000 Stellen gestrichen werden.

Die Smart-Fabrik im französischen Hambach hat Källenius verkauft, die Pkw-Montage in Brasilien wird dichtgemacht. Weitere Kapazitätsanpassungen sind wohl nur eine Frage der Zeit. Darüber hinaus wurden Ausgaben für Forschung und Entwicklung gedrosselt, unrentable Modelle wie der Pritschenwagen X-Klasse gestrichen und die Arbeitszeit der Mitarbeiter reduziert.

Die Restrukturierungsmaßnahmen belasten einerseits das Betriebsergebnis mit fast 1,9 Milliarden Euro. Andererseits konnte Daimler die Nettoliquidität im Industriegeschäft binnen eines Jahres von elf auf fast 18 Milliarden Euro steigern.

„Daimler hat hier einen guten Job gemacht“, konstatiert Bernstein-Analyst Arndt Ellinghorst. „Das Unternehmen muss sich jetzt aber auch ein Polster anfressen, um bei Themen wie Elektromobilität und Software gegen Tesla oder Nio bestehen zu können“, gibt der Branchenkenner zu bedenken. „Daimler muss die aufgesetzten Effizienzprogramme weiter konsequent durchziehen“, fordert Ellinghorst.

Im Moment profitiert Daimler aber nicht nur von einer geringen Kostenbasis und bilanzschonenden Versicherungsleistungen wie dem Kurzarbeitergeld für seine Beschäftigten, sondern auch von der massiv angezogenen Nachfrage nach seinen Produkten. „Gerade Premiumautos wurden in der Coronakrise zum Mobilitätsgewinner“, erklärt Ellinghorst.

Mehr als ein Drittel aller Neuwagen wird in China verkauft

Tatsächlich konnte Daimler dank eines starken Geschäfts im dritten und vierten Quartal die Corona-Verwerfungen, die noch im Frühjahr die Bilanz der Stuttgarter verhagelten, auf Jahressicht deutlich abmildern. Der Pkw-Absatz des Premiumherstellers ging 2020 trotz der Pandemie lediglich um ein Zehntel zurück – auf 2,2 Millionen Fahrzeuge.

Insbesondere die große Nachfrage in China half Daimler aus dem Corona-Tal. Fast 775.000 Mercedes-Autos wurden im vergangenen Jahr in der Volksrepublik verkauft. Das entspricht einem Plus von rund zwölf Prozent. Damit verkauft Mercedes bereits mehr als 35 Prozent aller seiner Neuwagen in der Volksrepublik.

Aktuell ist diese Abhängigkeit von China ein Segen für die Stuttgarter, denn in Europa und den USA schwächelt das Geschäft. Zulegen konnte Daimler dagegen beim Verkauf elektrischer und teilelektrischer Modelle. Der Absatz von reinen Stromern und Plug-in-Hybriden mit Sternenlogo hat sich 2020 mehr als verdoppelt – auf 160.000 Einheiten.

In seiner alles überragenden Autosparte konnte Daimler eine bereinigte Umsatzrendite von 6,9 Prozent erzielen. Das Geschäft mit Lastwagen und Bussen wurde von der Coronakrise zwar härter getroffen – hier kommt Daimler nur auf eine um Sondereffekte bereinigte Marge von 2,2 Prozent. Allerdings zeichnet sich hier gerade eine deutliche Erholung des US-Marktes ab, wo Daimler mit seinen schweren Sattelschleppern unter den Marken Freightliner und Western Star klarer Marktführer ist.

Dieser Impuls ist für Konzernchef Källenius immens wichtig. Der Skandinavier will die Trucksparte am liebsten bis Ende des Jahres von den restlichen Daimler-Divisionen abspalten und teilweise an die Börse bringen. So will Källenius die Marktkapitalisierung von Daimler insgesamt deutlich erhöhen und die Unabhängigkeit des Dax-Konzerns absichern. Voraussetzung dafür ist, dass das zyklische Truckgeschäft alsbald merklich anzieht und Mercedes-Benz Lkw in Europa die Wende gelingt.

„Wir wollen die Kosteneffizienz im Jahr 2021 weiter verbessern und die Umsetzung unserer strategischen Initiativen weiter vorantreiben“, gibt sich Källenius optimistisch. Das erste Quartal werde allerdings voraussichtlich von den aktuellen Halbleiter-Engpässen und Beeinträchtigungen durch die Corona-Pandemie beeinflusst, hieß es. Sämtliche Aussagen stünden zudem unter der Annahme, dass keine weiteren Lockdown-Auswirkungen einträten. Vollständige Zahlen legt Daimler am 18. Februar vor.