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Disney streicht Dividende nach katastrophalem Quartal

Die Coronakrise lässt den Disney-Gewinn um über 90 Prozent einbrechen. Vergnügungsparks sind geschlossen, der Streamingdienst-Boom ist nur ein Trostpflaster.

Die Disney-Aktie brach nachbörslich ein. Foto: dpa

„The happiest place on earth“ – der glücklichste Ort der Erde. So beschreibt Walt Disney selbst seine Vergnügungsparks, wo alle Besucher immer glücklich, sicher und umsorgt sind – jedenfalls theoretisch. Das Coronavirus hat die Welt des weltgrößten Unterhaltungs- und Vergnügungskonzerns jedoch aus den Angeln gehoben. Die Vergnügungsparks sind geschlossen, weil bei dem Massenandrang die Sicherheit der Besucher nicht mehr garantiert werden kann. Die Kreuzfahrtschiffe liegen vor Anker, die Andenkenläden sind verrammelt und die riesigen Hotelburgen von Florida über Kalifornien und Tokio bis nach Paris ebenso.

In den Disney-Filmstudios ruht die Arbeit, dem Sportsender ESPN geht der Sport aus. Milliardenschwere Sportereignisse wie Profi-Football (NFL), Bundesliga, Autorennen oder Basketball – alles ist in Schockstarre. Gesendet werden Konserven. Sponsoren und Unternehmen schalten keine Werbung in den TV-Sendern mehr.

Nur einen Lichtblick zeigen die Zahlen zum ersten Quartal des Kalenderjahres, für Disney das zweite Quartal des Geschäftsjahres. Der Video-Streamingsender Disney+ hat 2019 noch rechtzeitig die Bühne betreten, um vom Boom der Videodienste für die Zuhause-Gebliebenen weltweit zu profitieren.

Doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Nettogewinn im Konzern kollabierte im Dreimonatszeitraum zu Ende März 2020 um 91 Prozent auf nur noch 475 Millionen Dollar. Und das obwohl der Umsatz sogar noch um 21 Prozent auf 18 Milliarden Dollar anzog.

Und ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. Niemand weiß, ob im laufenden Quartal, das im Juni endet, die Situation besser oder sogar noch schlechter werden könnte. Disney wird zum Opfer seines eigenen Geschäftsmodells.

Von Star Wars bis Micky Maus sind alle Marken miteinander verwoben und helfen sich gegenseitig auf jeder Stufe der Vermarktungskette, von der Kinopremiere über thematische Achterbahnen im Park bis zum Vertrieb von Fanartikeln und zugehörigen TV-Serien. Doch diese Kette der Verwertung ist gebrochen – und es ist fraglich, wie schnell sie repariert werden kann.

Erster Vergnügungspark könnte im Mai wieder öffnen

Geld sparen ist daher das Gebot der Stunde: In einer Sofortaktion „überspringt“ Disney erst einmal die nächste, im Juli fällige, halbjährige Dividendenzahlung. Damit sollen auf einen Schlag 1,6 Milliarden Dollar eingespart werden. Zuvor waren bereits zehntausende Mitarbeiter, die meisten davon aus den Parks, entlassen oder in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt worden.

Sie werden allerdings alle, wie Disney ausdrücklich betont, ihren Krankenversicherungsschutz behalten. In den USA ist das eine Ausnahme. Doch für Disney ist es ein Muss. Viele der Beurlaubten sind Parkmitarbeiter, die dringend wieder gebraucht werden, wenn die Geschäfte zur Normalität zurückkehren. Disneys gigantischen Anlagen mit künstlichen Flüssen, Burgen, Restaurantbereichen und Vergnügungsattraktionen wie Paraden, Shows oder Fahrgeschäften sind Maschinen, bei denen ein Rädchen in das andere greift.

Wenn nicht bei einer Aufhebung der Ausgangsperren sofort ausgebildete Mitarbeiter wieder an Deck sind, ruckelt und hakt es selbst in den „glücklichsten Orten der Welt“. Als erster Park war das Disney-Resort in Shanghai geschlossen worden. Es könnte, so hofft das Management, im Mai wieder öffnen. Das wäre wie ein gigantisches Versuchslabor, um herauszufinden, wie die Disney-Welt wieder zum Leben erweckt werden kann. In der Sparte Vergnügungsparks alleine ist das Betriebsergebnis um eine Milliarde Dollar eingebrochen – in einem Quartal.

Shanghai ist die Blaupause, wie es wieder vorwärts gehen könnte. Die chinesische Regierung habe einer Limitierung des Parks auf 30 Prozent der Kapazität zugestimmt, sagt der neue Vorstandschef Bob Chapek, der die Sparte bis Februar geleitet hatte. Den Neustart in China darf er nicht vermasseln. Das weiß er. Wird der Disneypark von den Behörden wieder geschlossen, weil er sich zu einem Corona-Hotspot entwickelt, werden andere Länder und wohl auch die USA keine Erlaubnisse erteilen.

Für das Management und die restlichen Angestellten werden derweil die Gehälter gekürzt. Investitionen werden gestreckt oder aufgegeben, so Finanzchefin Christine McCarthy. Disney läuft im Leerlauf.

Streamingdienst-Boom ist einziger Lichtblick

Der Lichtblick in der Quartalsabrechnung, soweit man davon überhaupt reden kann, waren die Studioaktivitäten, obwohl Filme teilweise nicht gestartet werden konnten oder die Produktionen angehalten wurden. Trotzdem kam ein Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar zusammen und der Betriebsgewinn schrumpfte nur um acht Prozent auf 466 Millionen Dollar.

Die Verfilmung des Animationsklassikers „Mulan“ etwa steht seit März in den Startlöchern und wird wohl erst im Juli Uraufführung haben – falls dann schon wieder weltweit genügend Kinos geöffnet sind. Nichts wäre schlimmer, als diesen potenziellen „Blockbuster“ vor leeren Rängen ins Nichts zu spielen.

Kräftig aufwärts ging es mit der Sparte „Direct to Consumer & International“, in der auch Streamingdienste wie Disney+ und Hulu beheimatet sind. Sie setzte 4,1 Milliarden Dollar (plus 260 Prozent) um, Disney+ soll noch in diesem Sommer in weiteren Teilen der Welt ausgerollt werden und den Kampf mit Netflix aufnehmen. Für Disney+, Hulu und den Sportsender ESPN im Paket wirbt Disney mit aggressiven Preisen im Bündelangebot und nicht ohne Erfolg. Alleine Disney+ legte bei den Abonnenten zwischen Ende März und Anfang Mai von 35 auf 54,5 Millionen zu, hieß es am Dienstag.

Analysten haben in den jüngsten Tagen zum Ausstieg bei Disney geraten. Die Aktie fiel nachbörslich am Dienstag bis auf rund 98 Dollar. Im Dezember waren es noch bis zu 150 Dollar. MoffettNathanson sieht „signifikante Risiken für die Gewinne in der absehbaren Zukunft“ und hat jetzt ein Kursziel von 112 Dollar. Morgan Stanley erwartet den Kurs auf Sicht von 12 Monaten bei 125 Dollar. Light Shed Partners setzt Disney auf die Verkaufsliste nach „Neutral“ und peilt als Kursziel 85 Dollar an.

„Disney ist auf gemeinsamen Gruppenerlebnissen aufgebaut“, fasst Analyst Richard Greenfield zusammen. „Und bis die Menschen weltweit wieder Vertrauen zu solchen Aktivitäten gefasst haben, sind die Gewinnaussichten fundamental aus dem Gleichgewicht.“ Denn wenn die Parks wieder geöffnet sind, heißt das noch lange nicht, dass auch Besucher kommen. Neben der Unsicherheit könnten in wirtschaftliche harten Zeiten auch hohe Eintrittskosten und Hotelpreise abschrecken. Vor 2022 werde es Disney kaum gelingen wieder so etwas wie Normalität herzustellen, fürchtet er.