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Corona-Ausbruch bei Tönnies: 7000 Menschen in Quarantäne – Familienstreit entfacht

Im Werk in Rheda-Wiedenbrück sind 657 Mitarbeiter positiv getestet worden. Der Kreis Gütersloh schließt alle Schulen und Kitas. Auch für Verbraucher hat der Fall Folgen.

Bei einem großangelegten Corona-Reihentest durch die Gesundheitsbehörden im Mai waren bei Tönnies zunächst nur wenige Fälle festgestellt worden. Foto: dpa

Nach dem Corona-Ausbruch beim Schlachtereibetrieb Tönnies stellt der Kreis Gütersloh rund 7000 Menschen unter Quarantäne. Betroffen seien alle Personen, die auf dem Werksgelände gearbeitet hätten, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) am Mittwoch.

Sie würden nun nach und nach auf eine Infektion mit dem Coronavirus getestet, teilte der Kreis mit. Einen allgemeinen Lockdown für den Kreis werde es nicht geben, obwohl die wichtige Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen deutlich überschritten sei.

Nachdem mindestens 657 Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet wurden, hat das Unternehmen vorübergehend den Standort Rheda-Wiedenbrück geschlossen. „Die Gesundheit und der Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht an erster Stelle“, sagte Clemens Tönnies.

Insgesamt lagen am Mittwochabend 983 Testergebnisse vor, davon 326 negativ, wie ein Sprecher des Kreises Gütersloh mitteilte. Dies sei nur ein Zwischenstand. Nach Angaben des Landrats Sven-Georg Adenauer (CDU) hatte der Kreis insgesamt 1050 Coronavirus-Tests für Beschäftigte der Firma Tönnies veranlasst.

Der Kreis Gütersloh hat zusätzlich alle Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen. Dadurch solle eine Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung vermieden werden, sagte eine Sprecherin des Kreises.

Durch die Schließung des Schlachtbetriebs fehlen nach Angaben des Gütersloher Landrats Fleischprodukte auf dem deutschen Markt. Das sei kein Grund für Hamsterkäufe, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) am Mittwoch. „Aber das ist schon eine deutliche, hohe Zahl.“

In der Politik werden Forderungen nach einer Generalunternehmerhaftung laut: Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat rasche Änderungen im deutschen Arbeitsrecht gefordert. „Wir müssen auch eine Generalunternehmerhaftung haben für die Lebensverhältnisse dieser Menschen, wenn sie zum Beispiel in Sammelunterkünften leben“, sagte Laumann am Donnerstagmorgen bei WDR2 mit Blick auf ausländische Arbeitnehmer, die bei Subfirmen beschäftigt sind.

Die Schlachtindustrie habe sich eine Systematik über die Werkverträge angewöhnt, wo man einfach sagen müsse, „dass sich die Besitzer von Schlachthöfen nicht mehr verantwortlich fühlen für große Teile der Belegschaft“, verdeutlichte Laumann.

„Ich finde, wir brauchen jetzt wirklich eine klare restriktive Gesetzesüberarbeitung. Und es muss im Grunde dazu kommen, dass der, der einen Schlachthof besitzt, auch eine Haftung hat für die Werkvertragsarbeitnehmer, für die ausländischen Arbeitnehmer, die wir ja dringend auch in dieser Branche - das muss man ja ganz klar sagen - brauchen“, betonte Laumann. NRW werde das mit Nachdruck verfolgen.

Der CDU-Politiker kritisierte, dass nach den zurückliegenden Corona-Ausbrüchen in Coesfeld und anderen Betrieben der Fleischindustrie zwar in Berlin Änderungen im Arbeitsrecht in den Fokus genommen worden seien, aber bislang Ergebnisse wohl nicht vor der parlamentarischen Sommerpause zu erwarten seien.

Robert Tönnies sieht die Schuld beim Unternehmen selbst

Auch die Schweinezüchter seien durch den Stopp des Schlachtbetriebs vor Probleme gestellt, weil ihre Schweine so gezüchtet werden, dass sie zu einem bestimmten Termin schlachtreif seien. Die Tönnies-Gruppe bemüht sich nach eigenen Angaben, an anderen Standorten die Produktion zu steigern, um die Ausfälle zu kompensieren.

Zudem facht der Vorfall den Familienstreit im Unternehmen erneut an: Robert Tönnies, Miteigentümer und Neffe des Tönnies-Chefs Clemens Tönnies, macht dem Management des Unternehmens harte Vorwürfe. „Ich bin schockiert über die hohe Zahl von Corona-Neuinfektionen in unserem Unternehmen“, sagte er.

Robert Tönnies sieht die Schuld für den neuerlichen Ausbruch beim Unternehmen selbst. „Dass gerade in Schlachtbetrieben die Infektionszahlen weit überdurchschnittlich hoch sind, ist ganz sicher auch dem System der Werkverträge geschuldet“, schimpfte er. Es zwinge viele Arbeiterinnen und Arbeiter in unzumutbare Wohnverhältnisse, die mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden seien und nur wenig Schutzmöglichkeiten böten, wenn einmal eine Infektion auftritt.

Er betonte, dass er schon lange die Abschaffung dieser Werkverträge fordere. Dies sei Bestandteil der 2017 verabschiedeten neuen Unternehmensleitlinien der Tönnies-Gruppe, die aber wegen des Familienstreits bisher nicht umgesetzt wurden. „Ich bedaure das außerordentlich, denn das hätte den Menschen Leid erspart und unserem Unternehmen unnötigen Aufwand und Reputationsschaden“, sagt Robert Tönnies.

Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert ein umgehendes Verbot von Werkverträgen. Er erwarte von der Politik, „dass diesem kranken System nun endlich ein Ende gemacht wird und der Beschluss der Bundesregierung mit dem Verbot von Werkverträgen ohne Abstriche im Gesetzgebungsverfahren umgesetzt wird“, sagte der stellvertretende NGG-Bundesvorsitzende, Freddy Adjan, der Funke Mediengruppe.

Die Präsidentin des Bundesverbandes der Fleischwarenindustrie, Sarah Dhem, sagte dagegen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstag), sie habe „starke Zweifel, dass sich das Verbot bezogen auf nur eine einzige Branche so durchsetzen lässt“. Werde der Werkvertrag verboten, stünden einige Unternehmen vermutlich kurzfristig vor erheblichen Personalproblemen.

Der Corona-Ausbruch bei Tönnies nimmt damit immer größere Ausmaße an. Am Dienstagnachmittag hatte das Unternehmen noch von 128 positiv auf das Virus getesteten Mitarbeitern gesprochen und Maßnahmen zugesagt, um die Ausbreitung einzudämmen.

Bei einem großangelegten Corona-Reihentest durch die Gesundheitsbehörden nach einem Ausbruch in einer Fleischfabrik im Kreis Coesfeld im Mai waren bei Tönnies zunächst nur wenige Fälle festgestellt worden. Nach Unternehmensangaben war allerdings bei späteren Tests ein Infektionsherd festgestellt worden. Obwohl alle Kontaktpersonen vorsorglich in Quarantäne geschickt worden seien, habe es weitere Infektionen im Schweinefleisch-Zerlegebetrieb gegeben.