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Christian Drosten bringt Licht in das Dunkel der Pandemie

Meckel, Miriam
·Lesedauer: 9 Min.

Der Mann ist kein Prophet. Er ist ein Wissenschaftler mit Überzeugung und einer, der sehr gut kommunizieren kann – mit Hingabe, Kompetenz und einer Portion Lässigkeit.

Der Berliner Virologe leistete einen bemerkenswerten Beitrag zum Verständnis der Pandemie weit über Deutschland hinaus. Foto: Dpa, Getty Images, Imago Images (Montage: Handelsblatt)
Der Berliner Virologe leistete einen bemerkenswerten Beitrag zum Verständnis der Pandemie weit über Deutschland hinaus. Foto: Dpa, Getty Images, Imago Images (Montage: Handelsblatt)

Es war der 24. April dieses zu Ende gehenden Wahnsinnsjahres. Da erklärte der Virologe Christian Drosten in der Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ des ORF die virologische Dramaturgie der Jahreszeiten. „Vielleicht kommen wir (…) glimpflich über den Sommer, haben aber immer noch wenig Bevölkerungsimmunität und laufen dann mit einer immunologisch naiven Bevölkerung in eine Winterwelle rein.“

Das Video kursierte dieser Tage wieder auf Twitter. Man muss mit weitreichender Ignoranz geschlagen sein, um nicht zu denken: Drosten sah im Frühjahr kommen, was nun geschieht.

Die „Heute-Show“ im ZDF widmete ihm deshalb nun einen eigenen Beitrag. „Ganz gute Trefferquote“, sagte Moderator Oliver Welke zum Schluss, verlieh dem Virologen kurzerhand den Titel „Drostradamus“ und empfahl: „Gebt dem Drosten eine Sendung bei Astro-TV.“

Was hat Christian Drosten, der 48-jährige Professor und Chef der Virologie an der Berliner Charité, nicht schon für Bezeichnungen und Beschreibungen über sich lesen und hören müssen: Als „Hoffnungsträger“ bezeichnete ihn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, als „die schlaue Eminenz“ der Schweizer „Tages-Anzeiger“ und als „Corona-Papst“ gar die „Augsburger Allgemeine“.

Der Mann ist kein Prophet. Er ist Wissenschaftler mit Überzeugung. Einer, der sich seit vielen Jahren der langfristigen und aufwendigen Forschung zu Coronaviren widmet und dabei bemerkenswerte Erfolge erzielt hat. Er hat das Sars-Virus mitentdeckt und ist mit seinem Team auch für die Entwicklung des weltweit ersten Diagnostiktests für das neue Coronavirus verantwortlich.

Solch ein Erfolg reicht in Deutschland schon aus, um für einige neidzerfressene Zeitgenossen, Querdenkerinnen oder auch ganz simpel Journalistinnen und Journalisten verdächtig zu werden. Drosten aber hat sich ins Fegefeuer der Eitelkeiten begeben. Er hat sich irgendwann entschieden, dass es in dieser Zeit nicht nur auf neue Ergebnisse in der Forschung ankommt, sondern auch darauf, sie der Öffentlichkeit zu vermitteln. Das macht er ausgezeichnet.

Seit Beginn der Pandemie sendet Drosten wöchentlich das „Coronavirus-Update“, einen Podcast beim NDR (inzwischen im Wechsel mit Sandra Ciesek, Professorin und Leiterin der Virologie am Uniklinikum Frankfurt), mit dem er Millionen von Menschen erreicht und der sehr anschaulich erklärt, was jeweils aktuell wissenswert ist. Gleich zwei Grimme-Preise hat das Audioformat bekommen.

Der Wissenschaftler selbst hat für „außerordentliche Leistungen für Wissenschaft und Gesellschaft angesichts einer dramatischen Pandemieentwicklung“ im April den mit 50.000 Euro dotierten „Communicator-Preis“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten. Gefragt, was er mit dem Geld mache, antwortete Drosten, er werde keinen Euro davon behalten, sondern das Geld denen geben, die ihm seine Arbeit ermöglichen.

Mit alledem hat er einen bemerkenswerten Beitrag zum Verständnis der Pandemie weit über Deutschland hinaus geleistet. Bei seinem Einsatz hat sich Drosten selbst im Laufe das Jahres 2020 sicherlich ein wenig verändert.

Die Rolle einer Wissenschaftlerin oder eines Wissenschaftlers in der Öffentlichkeit ist eigentlich immer schwierig. Zum einen liegt das daran, dass die Wissenschaft anderen Regeln unterliegt als der Journalismus. Wissenschaftler suchen nach empirischer Wahrheit, Journalisten nach Nachrichten und guten Geschichten. Die beiden Zielsetzungen passen weder von ihrem Erkenntnisinteresse noch von ihrer Taktung her zusammen.

In der Wissenschaft gilt, vereinfacht gesagt, das Prinzip „Rigor“, das die strenge, detailgenaue und rein auf wissenschaftliche Erkenntnis gerichtete Bemühung um neue Einsichten beschreibt. In den Medien geht es mehr um Relevanz im alltäglichen Strom der Neuigkeiten, um die praktische Bedeutung des Neuen, das unsere Welt sich immer weiterdrehen lässt und verändert.

Christian Drosten spielt auf beiden Feldern, sozusagen mit einem Bein in der Wissenschaft, mit dem anderen in der öffentlichen Kommunikation über die Medien. Er hat diese Spreizung nie zum Spagat werden lassen. Sein Standbein ist in der Wissenschaft, sein Spielbein (man möge den Begriff angesichts der pandemischen Grundsituation verzeihen) bewegt sich in den Medien.

Wenn das gelingt, zeigt das eine ausgezeichnete Begabung, ein Verständnis für Zusammenhänge über die Grenzen des Feldes der eigenen Expertise hinaus, auch eine Hinwendung zu und Geduld mit den Menschen, die eben nicht alle immer sofort verstehen, was exponentielles Wachstum bedeutet und warum Masken so wichtig sind. Drosten macht damit auch dem noch immer bewunderten Humboldt’schen Wissenschafts- und Bildungsverständnis alle Ehre.

Was ist Fakt, was Fiktion?

In der wissenschaftlichen Diskussion über das neue Coronavirus geht es derzeit oft um die Frage, was geschieht, wenn es mutiert. Üblicherweise werden Viren durch eine Mutation abgeschwächt. Stimmt das auch für das Sars-CoV-2-Virus? Wissen wir noch nicht sicher.

Und was ist mit Christian Drosten selbst? Wird er in seiner wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit abgeschwächt durch die Mutation zum „Corona-Erklärer der Nation“?

Im Mai konnte man ein Gefühl bekommen für die explosive Kraft, die freigesetzt wird, wenn Wissenschaft und (Boulevard-)Journalismus ungebremst aufeinandertreffen. „Schulen und Kitas wegen falscher Corona-Studie dicht“, titelte die „Bild“-Zeitung und bezog sich auf eine Drosten-Studie. Die war nicht falsch, sondern wurde schlicht ob einiger statistischer Fragen unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern diskutiert.

Vor allem aber erschien die Studie am 29. April. Die Schulen wurden in Deutschland allerdings bereits am 16. März geschlossen. Manchmal hapert es in der Übersetzung von Wissenschaft in öffentliche Kommunikation schon an sehr grundlegenden Kenntnissen, zum Beispiel dem Verständnis des Kausalprinzips.

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Das bekommt auch Drosten immer wieder zu spüren. Im Gespräch mit der Regierungsspitze hat er es in Deutschland vergleichsweise einfach. Während der US-Chefimmunologe Anthony Fauci sich noch mit Donald Trump herumschlagen muss, spricht Drosten mit Angela Merkel, einer Wissenschaftlerin, die kürzlich noch im Bundestag darauf hinwies, man könne vieles außer Kraft setzen, „aber die Schwerkraft“ nicht. Drosten sagt: „Meine Rolle und mein Beitrag bestehen darin, die Methoden meines Fachgebiets zu erklären, die Grenzen wissenschaftlicher Studien aufzuzeigen, einzuordnen, was Fakt und was Fiktion ist.“

Das ist längst nicht mehr leicht zu bewerkstelligen. Die Pandemie hat die öffentliche Stimmung unter Stress gesetzt und Antibewegungen, wie den „Querdenkern“, zu ordentlichem Schub verholfen. Drosten verkörpert für die Absolutisten eines allumfassenden Dagegenseins das Antibild des Experten, der die Öffentlichkeit in die Irre führen und die Menschen ihrer Freiheitsrechte berauben will.

Unter solchen Bedingungen ist es schwer, argumentativ für das von Drosten immer wieder ins Feld geführte „Präventionsparadoxon“ zu werben: Danach schätzen wir Maßnahmen als zu früh oder zu streng ein, weil wir sie aus dem Jetzt heraus beurteilen, nicht aber die mögliche exponentielle Verbreitung des Virus bedenken.

Womit wir wieder am Anfang wären, dem harten Lockdown, den Drosten schon im April vorhergesagt hat. Er erklärt auch jetzt wieder unermüdlich, was zu wissen und zu tun ist. Das macht er mit Kompetenz, Hingabe und einer Portion Lässigkeit, die es so angenehm macht, ihm zuzuhören.


Wer noch auffiel: Worte mit Gewicht

Lothar Wieler

Die Leiter von obersten Bundesbehörden stehen meist abseits der öffentlichen Wahrnehmung, das gilt in normalen Zeiten auch für das Robert Koch-Institut (RKI). Für Lothar Wieler ist das anders in der Pandemie.

Als Chef der zentralen Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention musste er regelmäßig vor den Kameras die Entwicklungen in der Coronakrise erläutern.

Der Veterinärmediziner und Mikrobiologe steht seit 2015 an der Spitze des RKI. An die neue Rolle musste er sich erst gewöhnen. Wieler ist Wissenschaftler, doch seine Worte hatten in diesem Jahr auch politisches Gewicht.

Oft trat er an der Seite von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf. Die Kommunikationsaufgabe glückte ihm nicht immer. Für die Bürger war es jedenfalls schwer, den Überblick im Wirrwarr von Reproduktionszahl, Sieben-Tages-Inzidenz und anderen Indikatoren des Infektionsgeschehens zu behalten. Gregor Waschinski

Hendrik Streeck

Als Ende Februar aus dem nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg der erste große Corona-Ausbruch in Deutschland gemeldet wurde, wartete Hendrik Streeck nicht lange. Der Direktor des Instituts für Virologie der Uni Bonn erhob mit seinem Team Daten, forschte als erster Wissenschaftler in einem deutschen Hotspot. Im November erschien die Studie in der angesehenen Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Dennoch ist bis heute von der „umstrittenen Heinsberg-Studie“ die Rede, weil Streeck die Öffentlichkeitsarbeit im Frühjahr von einer PR-Agentur machen ließ. Auch wurde ihm vorgeworfen, mit der Veröffentlichung erster Ergebnisse im April politische Argumente für den Lockerungskurs von Ministerpräsident Armin Laschet zu liefern.

Streeck, der nach einem Harvard-Studium lange in den USA forschte, warb in Talkshows für einen differenzierteren Blick auf das Virus und mehr Abwägung bei den Corona-Maßnahmen. Damit vertrat er eine Außenseiterposition unter den Pandemie-Erklärern. Gregor Waschinski

Mai Thi Nguyen-Kim

Ihr Youtube-Kanal „maiLab“ hat inzwischen eine Million Abonnenten. Mit ihrem Beitrag zu Corona schaffte sie es in die „Tagesthemen“ und in die Talkshow von Markus Lanz. Beim Wissensmagazin „Quarks“ ist sie Moderatorin, und mit ihrem Buch „Komisch, alles chemisch“ gelang ihr ein „Spiegel“-Bestseller. Die promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim arbeitet als Wissenschaftsjournalistin im Content-Netzwerk von ARD und ZDF Funk – und das mit Leidenschaft.

Die 33-Jährige sagt: „Naturwissenschaften sind doch kein Freakwissen, mit dem sich weltfremde Genies im Labor oder zwischen Bücherregalen beschäftigen, sondern Lebenswissen.“ Dafür hat sie sogar einen lukrativen Job als Laborleiterin beim Chemiekonzern BASF ausgeschlagen.

Seit Kurzem ist sie Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft. „Ich habe jetzt schon mehr erreicht, als ich mir je vorgenommen hatte“, sagt sie. „Ich bin einfach nur unendlich dankbar, dass ich eine Stimme für die Wissenschaft sein kann und dass sie inzwischen auch so viel gehört wird.“ Carina Kontio

Herfried Münkler

Obwohl der Berliner Politikwissenschaftler seit 2018 emeritiert ist, gehört Herfried Münkler, 69, zu den gefragtesten Köpfen, wenn es darum geht, zumindest im Geiste etwas Ordnung in die aus den Fugen geratene Welt zu bringen. Das mag auch daran liegen, dass der Spezialist für die Geschichte politischer Ideen ein ausgewiesener Kenner des italienischen Machtphilosophen Niccolò Machiavelli ist.

Machtpolitik ist wieder in: Dafür stehen Namen wie Wladimir Putin, Xi Jinping und vor allem Donald Trump. „Er war kein Ausreißer der Geschichte“, erklärte Münkler nach der US-Wahl im Handelsblatt. Auch die Corona-Pandemie hat er früh machtpolitisch eingeordnet: „In Staaten, in denen sehr autoritäre Regierungschefs agieren – Trump, Bolsonaro, Putin, Erdogan –, muss man damit rechnen, dass die Pandemie zum Einfallstor für weitreichende Veränderungen der politischen Ordnung wird“, sagte er bereits im März dem „Spiegel“.

Mit seinem jüngstem Buch „Abschied vom Abstieg“ hat er gemeinsam mit seiner Frau Marina einen Gegenentwurf zu den Untergangsszenarien verfasst, die gerade Hochkonjunktur haben. Torsten Riecke

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