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EZB warnt vor faulen Krediten in Billionenhöhe

·Lesedauer: 12 Min.

Der oberste Bankenaufseher der Euro-Zone Enria fürchtet durch die zweite Coronawelle Gefahren für die Bankbilanzen – und fordert mehr grenzüberschreitende Fusionen.

Die Diagnose des EZB-Bankenaufsehers Andrea Enria fällt ernüchternd aus: Zu unprofitabel, zu teuer und manchmal ohne tragfähiges Geschäftsmodell seien die europäischen Institute. Nun kommen die Belastungen aus der Coronakrise noch hinzu. In einem Extremszenario könnte der Bestand an faulen Krediten das Niveau der letzten Krise noch übertreffen, mahnte er im Interview mit dem Handelsblatt. „Es ist noch zu früh, um dieses Extremszenario auszuschließen.“

Aus Sicht des obersten Bankenaufsehers der Euro-Zone ist es daher höchste Zeit für die Branche zu handeln. „Die Banken sollten einen ehrlichen Blick in ihre Kreditbücher werfen und prüfen, welche ihrer Kunden die Krise wirklich überstehen werden“, sagte er.

„Die Institute müssen jetzt damit beginnen, damit die Welle an faulen Krediten gar nicht erst zu groß wird.“ Einige wenige hätten bereits damit begonnen. Es gebe aber auch „die Optimisten“, die es vorzögen, nichts zu tun, solange es keinen konkreten Hinweis darauf gebe, dass ein Kunde pleitegehen werde.

Die Corona-Pandemie könnte laut Enria auch die Konsolidierung unter Europas Banken beschleunigen. Aus seiner Sicht wäre das wünschenswert, EU-Staaten sollten sich grenzüberschreitenden Fusionen daher nicht in den Weg stellen und bestehende Hürden abbauen. Ähnlich sehen das große Institute wie Deutsche Bank oder Credit Suisse.

National zersplitterte Bankenmärkte hält Enria für ineffizient. „Wenn man stärkere Banken will, die den europäischen Privathaushalten und Unternehmen besser dienen“, sagt Enria, „muss man größer denken.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Enria, wir haben uns spontan für ein persönliches Treffen zum Interview entschieden. Das ist heutzutage immer noch selten. Sind Sie generell schon wieder zurück aus dem Homeoffice?
Nein. Bis Anfang nächsten Jahres arbeiten wir bei der EZB-Bankenaufsicht noch prinzipiell von zu Hause. Mitarbeiter, die das wollen, können aber unter Wahrung der Abstandsregeln mittlerweile auch wieder im Büro arbeiten. Ich gehe drei bis vier Tage die Woche ins Büro, vergangene Woche sogar jeden Tag. Es ist schön, mal wieder Kollegen persönlich zu treffen.

Wie haben Sie Ihre Homeoffice-Phase erlebt?
Also den Shutdown fand ich schon hart, zumal meine Frau in der Zeit in Italien und ich allein zu Hause war. Aber die Arbeit lief überraschend effizient und effektiv, diese Erfahrungen haben ja viele gemacht, auch bei den Banken.

Bekommt man als Bankenaufseher nicht mehr mit, gerade informelle Dinge, wenn man die Institute vor Ort prüft?
Es ist schon etwas anderes, wenn man direkt mit den Menschen spricht. Für unsere Aufsichtsphilosophie sind intensive Vor-Ort-Prüfungen sehr wichtig. Insofern hat uns die Pandemie hart getroffen. Aber viele der Informationen, die wir sonst vor Ort abfragen, konnten uns die Banken auch digital liefern. Zum Teil stellten sie uns sogar Laptops mit direktem Zugriff auf ihre Daten zur Verfügung.

Wäre das nicht etwas, was man auch nach der Coronakrise beibehalten könnte?
Vielleicht bauen wir diese Erfahrungen künftig auch in unseren Aufsichtsansatz ein. Vor Corona dauerte so eine Vor-Ort-Prüfung zwölf Wochen. Wenn wir uns künftig stärker mit digitalen Methoden vorbereiten, können wir diese Zeit vielleicht verkürzen. Das ist gut für unser Budget und für die Umwelt.

„Die Banken sollten einen ehrlichen Blick in ihre Kreditbücher werfen“

Andererseits müssen Sie sich doch recht hilflos gefühlt haben, als Sie im Frühjahr im Homeoffice saßen und all die Prognosen zu den faulen Krediten verfolgten, die auf Europas Banken zukommen könnten?
Wenn eine riesige Welle notleidender Kredite in Ihre Richtung rollt, ist es egal, ob Sie im Büro sind, im Homeoffice oder am Strand. Das fühlt sich nie gut an. Unsere oberste Priorität im Frühjahr war allerdings, zunächst zu verhindern, dass die Banken ihre Kreditvergabe-Standards übertrieben stark verschärfen. Eine übertriebene Vorsicht hätte zu einer massiven Kreditklemme geführt, die auch viele eigentlich überlebensfähige Unternehmen nicht überstanden hätten.

Sie haben den Banken erlaubt, ihre Eigenkapitalpuffer während der Pandemie deutlich abzusenken.
Ja. Seit Juli drängen wir die Banken nun aber dazu, genauer zu analysieren, welche Auswirkungen die durch die Pandemie ausgelöste außerordentliche Rezession auf ihre Vermögenswerte hat. Die Banken sollten einen ehrlichen Blick in ihre Kreditbücher werfen und prüfen, welche ihrer Kunden die Krise wirklich überstehen werden. Die Institute müssen jetzt damit beginnen, damit die Welle an faulen Krediten gar nicht erst zu groß wird.

Geschieht das schon?
Ich würde sagen, es gibt drei Gruppen: Einige wenige Banken haben schon damit begonnen, das Pleiterisiko ihrer Kunden neu einzustufen. Andere Banken stufen zwar nicht jeden einzelnen Kredit neu ein, bilden aber vorsorglich eine pauschale Risikovorsorge für ihren Kreditbestand. Auch das nenne ich ein vorsichtiges Vorgehen. Und dann gibt es noch die Optimisten, die ziehen es vor, nichts zu tun, solange sie kein konkretes Indiz dafür haben, dass ein Kunde von ihnen pleitegeht.

Wie viele Optimisten gibt es unter den Instituten?
Das kann ich nicht sagen, aber unsere Aufsichtsteams analysieren diese Institute sehr gründlich und diskutieren intensiv mit ihnen. Es ist unklug für eine Bank, mit so einem Schritt bis zum letzten Moment zu zögern und das Ende von Moratorien abzuwarten. Wenn dann viele Kunden nicht zahlen, kommt alles auf einen Schlag. Uns ist es wichtig, dass Banken jetzt anfangen, auch intern die organisatorischen Kapazitäten für die Bearbeitung fauler Kredite aufzubauen. Das gilt auch für Banken, die bislang wenig Probleme mit faulen Krediten hatten.

„Diese Krise wird zu strukturellen Änderungen führen“

Wie deutlich könnte das Volumen fauler Kredite durch eine Insolvenzwelle in der Wirtschaft ausfallen?
Wenn sich die Wirtschaft gemäß unserem Basisszenario entwickelt, dürften die Banken mit dem dann zu erwartenden Anstieg an notleidenden Krediten zurechtkommen. Aber es besteht große Unsicherheit darüber, was als Nächstes passieren könnte.

In einem Extremszenario mit einer zweiten Welle von Infektionen und Eindämmungsmaßnahmen könnte es laut unseren Berechnungen faule Krediten im Umfang von 1,4 Billionen Euro geben. Das ist mehr als nach der letzten Finanzkrise. Und es ist noch zu früh, um dieses Extremszenario auszuschließen. Das hätte wesentliche Folgen für die Kapitalpositionen der Banken.

Dann ist es wohl keine Option, die Regeln für faule Kredite zu lockern, damit Banken mehr Darlehen vergeben können, oder?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es für die Banken und ihre Kunden besser ist, wenn in den Bankbilanzen möglichst schnell aufgeräumt wird. Wenn das nicht geschieht, ist die Bank dysfunktional. Statt sich um neue Kunden zu kümmern, verwendet sie viel Kapital und Personal für Kunden, die ihren Kredit vermutlich nie mehr zurückzahlen können. Ich bin wirklich froh, dass wir nach der letzten Krise Regeln und Aufsichtspraktiken eingeführt haben, die Banken dazu zwingen, faule Kredite schneller zu erfassen und abzuarbeiten. Das ist in dieser Krise wichtiger denn je.

Wie meinen Sie das?
Ich glaube, diese Krise ist keine typische Rezession, in der die wirtschaftliche Aktivität erst nachlässt und dann wieder zurückkommt. Mein Eindruck ist: Diese Krise wird zu strukturellen Änderungen führen und unsere Volkswirtschaften transformieren. In bestimmten Branchen wird die Wirtschaftsleistung nicht mehr das Niveau erreichen, das sie vor dem Abschwung hatte.

Andere Bereiche unserer Wirtschaft, die mit der Entwicklung der Digitalisierung und umweltfreundlicher sowie nachhaltiger Geschäftstätigkeit zu tun haben, werden an Bedeutung gewinnen. Wenn sich die Banken weiterhin auf nicht tragfähige Kunden in absteigenden Branchen konzentrieren, werden sie Zukunftsbranchen nicht mit voller Kraft unterstützen können.

Braucht es für schnellere Aufräumarbeiten eine Bad Bank?
Ich denke, solche Vermögensverwaltungsgesellschaften, wie ich sie lieber nennen möchte, können ein nützliches Instrument sein und in einigen Ländern haben sie auch schon nach der letzten Krise eine nützliche Funktion erfüllt. Wenn sie richtig konstruiert sind, müssen dabei auch keine Kosten für die Steuerzahler entstehen. Wir sollten so ein Instrument entwickeln.

Auf nationaler oder auf europäischer Ebene?
Es spricht meiner Einschätzung nach vieles für eine europäische Initiative. Aber auch ein Netzwerk aus nationalen Vermögensverwaltungsgesellschaften kann gut funktionieren. Wir sollten aber einen Fehler nicht wiederholen.

Nämlich?
Wir haben nach der letzten Krise sehr viel Steuergelder in den Bankensektor gepumpt, ohne aber die europäischen Bankenmärkte dabei entschlossen zu restrukturieren. Obwohl damals Hilfen in Höhe von 13 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts in die Branche geflossen sind, wies der Bankenmarkt nach der Krise erhebliche strukturelle Schwächen auf: Überkapazitäten, geringe Profitabilität, exzessive Kosten und in vielen Fällen Institute ohne tragfähiges Geschäftsmodell.

Wo lag der Fehler?
Die Restrukturierung lag unglücklicherweise allein in der Hand der Mitgliedstaaten. Wenn es in der Folge zu einer Konsolidierung kam, dann nur auf nationaler Ebene. Das war ein Fehler. Diesmal sollte eine Restrukturierung europäischen Prinzipien folgen und zu einer stärkeren Integration des europäischen Markts führen.

Wird Corona die Konsolidierung unter Europas Banken befeuern?
Konsolidierung kann Teil einer Lösung sein, etwa um Überkapazitäten zu reduzieren. Die Pandemie könnte das beschleunigen. Es überrascht mich übrigens nicht, dass wir vor allem inländische Fusionen gesehen haben. Wenn es um die Kostensenkung geht, dann findet man die größten Überlappungen bei Filialnetzen meist im Inland und damit auch Möglichkeiten zu Kosteneinsparungen.

Aber ich würde es begrüßen, wenn irgendwann auch die Diversifikation von Einnahmequellen und Risiken eine Rolle spielten. Das lässt sich dann am ehesten mit grenzüberschreitenden Fusionen erreichen. Das würde Banken stabiler machen.

Mehr zum Thema:

  • Europäische Geldhäuser stehen vor einem Umbruch. Die Finanzressort-Leiterin Kathrin Jones erklärt im Podcast Handelsblatt Today, warum Zusammenschlüsse Sinn machen.

Warum passiert das so gut wie nie?
Es gibt einige Hürden, die dazu vom Gesetzgeber beseitigt werden müssten. Sie machen es einer paneuropäischen Bank sehr schwer, Kapital und Liquidität ungehindert zu bewegen. Solange sich das nicht ändert, sind grenzüberschreitende Fusionen deutlich weniger attraktiv. Ich bin mir bewusst, dass einzelne Länder ohne ein europäisches Einlagensicherungssystem Kapital und Liquidität lieber auf nationaler Ebene belassen, um die heimischen Sparer zu schützen. Deshalb ist ein europäisches Einlagensicherungssystem so wichtig.

Fortschritte bei der Integration des europäischen Bankensektors können und sollten höchste Priorität haben. Erst letzte Woche habe ich vorgeschlagen, auf gruppeninterne Garantien zurückzugreifen, die von der europäischen Aufsicht genehmigt werden. So könnte man Bedenken der Mitgliedstaaten teilweise ausräumen und ein stärkeres Pooling von Kapital und Liquidität auf Gruppenebene ermöglichen.

„Der Brexit führt zu zusätzlichen Spannungen“

Ein fehlendes Einlagensicherungssystem wäre ein Grund mehr, bei nationalen Fusionen zu bleiben.
Wenn die europäischen Regierungen Wert darauf legen, dass der europäische Bankenmarkt national und ineffizient bleibt, dann nur zu. Wenn man stärkere Banken will, die den europäischen Privathaushalten und Unternehmen besser dienen, muss man aber größer denken.

Dass Banken zu groß und möglicherweise zu gefährlich („Too big to fail“) werden, fürchten Sie das nicht?
Zu groß für wen? Eine große Bank kann zu groß für einen bestimmten Mitgliedstaat sein, aber wenn man von einem europäischen Markt ausgeht, sind die Institute gemessen am europäischen Bruttoinlandsprodukt gar nicht so groß, jedenfalls nicht größer als ihre amerikanischen Wettbewerber. Und bestimmte Geschäftszweige wie etwa das Kapitalmarktgeschäft lohnen sich nun einmal nur, wenn Banken Skaleneffekte realisieren können. Im Kapitalmarktgeschäft verlieren europäische Häuser deshalb seit Jahren Marktanteile.

Zum Jahresende endet auch die Übergangsphase des Brexits, ein Handelsabkommen ist bislang nicht in Sicht. Wie gefährlich ist das für die Banken?
Natürlich führt der Brexit zu zusätzlichen Spannungen in einer ohnehin angespannten Lage. Allerdings hatten die Banken reichlich Zeit, sich darauf vorzubereiten. Wir haben die Institute von Beginn an dazu aufgefordert, sich auch auf einen harten Brexit einzustellen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?
Es hat viele Fortschritte gegeben, auch wenn es noch immer einige Banken gibt, die noch mehr tun müssen. Der Druck unserer Bankenaufsicht auf diese Institute ist natürlich sehr hoch. Wofür wir Verständnis haben: Durch die Pandemie ist es nicht so einfach, Mitarbeiter zu verlagern. Da sind wir auch ein bisschen flexibel. Aber im Wesentlichen geht es natürlich darum, dass die Institute in der Europäischen Union über ausreichend Kapazitäten vor Ort verfügen, um eine klare Strategie und ein adäquates Risikomanagement sicherstellen zu können. Darauf liegt unser Fokus.

Die Banken klagen, das De-facto-Dividendenverbot würde sie für Investoren unattraktiv machen. Können Sie das verstehen?
Also um die Attraktivität der europäischen Bankenbranche war es schon vor unserer Dividendenempfehlung nicht sehr gut bestellt. Das lag aber an der geringen Profitabilität, den hohen Kosten, dem fehlenden tragfähigen Geschäftsmodell einiger Institute sowie den zu geringen Investitionen in neue Technologien.

Ich gebe allerdings zu, dass der Dividenden-Bann auch nicht geholfen hat. Er war aber notwendig, um in der schwersten jemals verzeichneten Rezession Kapitalabflüsse aus dem Sektor zu vermeiden.

„Der Dividendenstopp ist eine außerordentliche Maßnahme“

Fällt er zum Jahresende weg?
Ich bin der Erste, der sich freut, wenn wir wieder zu unserem Standardverfahren zurückkehren können und nur bei schwächeren Banken eingreifen und Dividendenausschüttungen begrenzen. Aber bevor wir unsere Dividendenempfehlung aufheben, müssen wir erst klarer sehen, wie sich die Konjunktur entwickelt. Außerdem müssen wir abschätzen können, wie zuverlässig und belastbar die Kapitalplanungen der Banken dann schon wieder sind.

Das ist jetzt aber ein langer Zeithorizont für eine Maßnahme, die als Ausnahme gedacht war.
Der Dividendenstopp ist eine außerordentliche Maßnahme. Wir haben nicht vor, daraus ein reguläres Aufsichtsinstrument zu machen. Er wurde eingeführt, als Regierungen, EZB und EZB-Bankenaufsicht ein umfangreiches Hilfspaket schnürten, um die Folgen der Pandemie zu bewältigen. Die EZB hat ausgerechnet, dass die vollständige Inanspruchnahme staatlicher Garantieprogramme die Kreditausfälle der Banken im Euro-Raum um 15 bis 20 Prozent reduzieren könnte.

Das Paket war dazu gedacht, den Banken die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen zu ermöglichen. Es war nicht dazu gedacht, Aktionäre zu vergüten. Wir haben wegen der Pandemie Fabriken und Schulen geschlossen und waren zum Teil monatelang eingesperrt. Warum sollten ausgerechnet Dividenden das Einzige in unseren Gesellschaften sein, das unantastbar ist?

Apropos Lockdown: Wie viel Normalität erlauben Sie sich inzwischen? Gehen Sie nur ins Büro oder auch schon wieder in Restaurants?
Meine Frau hat den Lockdown ja in Italien erlebt, und das hat sie sehr geprägt. Wir gehen sehr viel seltener im Restaurant essen, vor allem im Moment, weil man wegen des Wetters nicht mehr so gut draußen sitzen kann.

Herr Enria, vielen Dank für das Interview.