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Impfstoff-Hilfe für Entwicklungsländer – Biden und Merkel kämpfen gegen Pandemieflecken auf der Weltkarte

Sigmund, Thomas
·Lesedauer: 4 Min.
Die Bundeskanzlerin will eine weltweite Impfabdeckung vorantreiben. Foto: dpa

Der neue US-Präsident gibt zusammen mit der Bundeskanzlerin milliardenschwere Zusagen für den weltweiten Kampf gegen die Pandemie. Doch das bedeutet kein Ende des Impfnationalismus.

Erstmals trat der neue US-Präsident auf der Weltbühne auf. Joe Biden sagte auf der virtuellen Konferenz der sieben wichtigen Wirtschaftsmächte (G7) bis zu vier Milliarden Dollar für die globale Impfkampagne zu. „Covid hat uns gezeigt, dass keine Nation im Angesicht einer Pandemie alleine handeln kann“, teilte das Weiße Haus am Freitag mit. Der US-Präsident setze sich für weltweiten Gesundheitsschutz ein. „Alle Länder sollten in der Lage sein, Ausbrüche zu verhindern, zu erkennen und darauf zu reagieren.“

Der Kampf gegen die Pandemie und die Verteilung von Impfstoffen waren das Hauptthema des Online-Gipfels. Die Überlegung dahinter ist einfach: Große weiße Flecken auf der Impfweltkarte sind auch für die Industriestaaten brandgefährlich. Da mag im Laufe des Jahres etwa in Deutschland und den anderen großen Industriestaaten geimpft werden, was das Zeug hält.

Wenn sich weltweit das Tempo bei den Impfungen nicht angleicht, drohen neue Mutationen. Vakzine könnten weniger wirksam sein. Zu den G7-Staaten gehören neben dem Vereinigten Königreich, den USA, Italien und Deutschland noch Frankreich, Kanada und Japan.

Die USA und Großbritannien traten bei dem Treffen als Musterländer auf. Sie hatten sich früh viel Impfstoff besorgt. Abgesehen vom Impfchampion Israel liegen Washington und London bei den Impfquoten ganz vorn. Der britische G7-Gastgeber Boris Johnson forderte eine Beschleunigung der Produktion von Vakzinen.

Es sei eine beispiellose globale Leistung gewesen, innerhalb von rund 300 Tagen einen Corona-Impfstoff zu entwickeln. Ziel sei es, künftig nur noch 100 Tage zu benötigen. „Die Entwicklung brauchbarer Coronavirus-Impfstoffe bietet die verlockende Aussicht auf eine Rückkehr zur Normalität, aber wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen“, sagte Johnson, der auch erstmals den neuen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi in der Runde begrüßen konnte.

Die Bundesregierung stellt 1,5 Milliarden Euro bereit; der Betrag ist bereits vom Haushaltsausschuss des Bundestags freigegeben worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte nach dem Treffen, dass die Pandemie erst besiegt sei, wenn alle Menschen auf der Welt geimpft seien. Der Multilateralismus sei wieder im Aufwind, wie das Treffen der G7-Staaten gezeigt habe. Das freue sie ganz besonders. Die Pandemie zeige, dass man nur gemeinsam erfolgreich sein könne, sagte Merkel.

Hinter den Kulissen gibt man sich aber in der Bundesregierung verschnupft darüber, dass vor allem die USA einen globalen Ansatz predigten, aber bei der Beschaffung von Impfstoffen dann einen protektionistischen Ansatz verfolgen würden.

Kritik an Protektionismus bei Impfstoff-Lieferungen

Ähnlich wird auch an Frankreich Kritik geäußert. Deutschland kann unter den G7-Staaten damit punkten, zwei Vakzine entwickelt zu haben. In weniger entwickelten Ländern wird es zwar schwierig sein, die Impfstoffe kühl zu lagern und zu verteilen. Trotzdem kann sich wenigstens der Beitrag Deutschlands zu einem globalen Ansatz sehen lassen. Weitere 500 Millionen Euro für die Verteilung von Impfstoffen kommen von der Europäischen Union.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sprach von einer gewaltigen Summe, mit der unter anderem die internationale Covax-Initiative unterstützt werden solle.

Die USA waren erst beigetreten, nachdem Biden im Januar Donald Trump als Präsident abgelöst hatte. Das Covax-Programm braucht in diesem Jahr 6,8 Milliarden Dollar, um sein Ziel zu erreichen, mit 1,3 Milliarden Dosen rund 20 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern zu impfen.

Nach Angaben von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fehlen aber insgesamt 27 Milliarden Dollar für die allgemeine medizinische Antwort auf die Corona-Pandemie. Dabei sind neben Impfstoffen auch Forschung, Tests und Diagnostik mitgerechnet.

Frankreich plädiert für Impfstoff-Spenden

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setzte sich dafür ein, dass reiche Länder vier bis fünf Prozent ihrer Impfdosen möglichst schnell an ärmere Länder abgeben. Er habe dies mit Merkel besprochen, und sie unterstütze dies, sagte Macron der „Financial Times“. Eine solche Spende würde die Impfpläne der reicheren Länder nicht stören. Die WHO in Genf lobte den Vorstoß: „Sehr willkommen, eine fantastische Entwicklung.“

Entwicklungsorganisationen begrüßten die Finanzzusagen. „Es weht ein neuer Wind aus Washington“, sagte Stephan Exo-Kreischer von der Organisation One. Er forderte aber eine „Abkehr vom Impfnationalismus“. Auch die USA hätten sich mehr Dosen gesichert, als sie benötigten. „Hier gilt leider auch für Biden nach wie vor America first – und das ist gefährlich.“ Das Vorgehen führe zu Knappheit und erschwere es armen Ländern, an Impfstoffe zu kommen. „Das ist leider das beste Rezept, um die Pandemie zu verlängern.“

Doch so einig sich die G7-Staaten am Freitag waren, der Wettlauf der Großmächte um den Einfluss in der Welt findet derzeit auch über Vakzine statt. Sollte Joe Biden tatsächlich so erfolgreich sein, dass im Sommer genügend Amerikaner geimpft sind, um die Pandemie einzugrenzen, wird er das Impfen natürlich als geopolitisches Instrument einsetzen.

Das südamerikanische Impfvorbild Chile verimpft den chinesischen Impfstoff. Russland bietet sein Vakzin Sputnik V überall in der Welt an. Diese Umstände werden natürlich künftig nicht ohne Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen bleiben.

Mehr: Wie eine faire Impfstrategie weltweit aussehen sollte