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Eine Büropionierin kämpft um Zukunft des Coworking

Die Probleme bei WeWork und die Coronakrise setzen der neuen Arbeitswelt zu. Satellite-Office-Chefin Anita Gödiker glaubt trotzdem an das Konzept.

Wenn Anita Gödiker zurzeit durch die Büroräume in ihren Standorten in Berlin, Frankfurt oder Düsseldorf geht, könnte sie die Verzweiflung packen. Wo sonst geschäftiges Treiben herrscht, stehen jetzt viele Schreitbische leer. Die Coronakrise hat auch in den Mietbüros von Satellite Office ihre Spuren hinterlassen.

Doch die Unternehmerin ist eine Kämpferin – und sie hat auch Grund zu vorsichtigem Optimismus. „Natürlich sind auch bei uns die Center zurzeit dünn besetzt“, berichtet sie. „Aber die Kündigungswelle ist ausgeblieben.“ In der Regel liefen die Mietverträge bei Satellite Office über zwölf Monate. „Wir führen einen engen Dialog mit unseren Kunden, wir pflegen eine solidarische Bürogemeinschaft“, beschreibt es Gödiker. Einige Kunden haben ihre Büros bei Satellite Office schon seit 20 Jahren.

Die meisten Anbieter von sogenannten Coworking-Spaces sehen die aktuelle Situation dagegen weniger gelassen. „Im Moment ist es eine schwierige Zeit für den ganzen Markt“, bestätigt Stephan Leimbach, Experte für Coworking beim Immobilienunternehmen Jones Lang Lasalle. „Coworking ist das Gegenteil von Social Distancing.“ Viele Häuser seien zurzeit praktisch leer und liefen nur mit Notbesetzung.

Auch Anita Gödiker spürt natürlich die Auswirkungen der Krise, Konferenzräume beispielsweise lassen sich momentan schwer vermieten. Doch sie hat in den 23 Jahren seit der Gründung ihres Unternehmens schon andere schwierige Zeiten bewältigt. Darunter fallen das Ende des Neuen Marktes und die Finanzkrise, als viele ihrer Kunden in Schwierigkeiten gerieten, sie aber unbeirrt weiter expandierte.

Als sie startete, gab es den Modebegriff Coworking noch nicht. Ihr Unternehmen gründete sie einfach aus der Not heraus, da sie ein Büro in Berlin brauchte, es aber kaum bezahlbaren Büroraum in attraktiver Lage gab. Ihre Lösung: Sie mietete 850 Quadratmeter am Checkpoint Charlie und machte daraus ein Bürocenter.

Heute verfügt Satellite Office über zehn Center in Deutschland und eines in Zürich mit einer Gesamtfläche von insgesamt 17.300 Quadratmetern. Das Unternehmen beschäftigt 56 feste Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 13,8 Millionen Euro. Rund 6500 Unternehmen haben bei Anita Gödiker bereits Büros gemietet – manche nur für einen Tag, andere haben dort ihren permanenten Firmensitz.

Jedes neue Center richtet die 62-jährige Unternehmerin selbst ein, wählt Wandfarben aus und Möbel. Dabei kommt sie ursprünglich aus einer ganz anderen Branche: Sie machte eine Ausbildung zur Radiologieassistentin und arbeitete jahrelang bei Siemens, bevor sie sich selbständig machte.

Es ist gerade diese Individualität der Bürocenter von Satellite Office, die viele Kunden schätzen. „Mich begeistert die persönliche Atmosphäre hier, das findet man bei anderen Anbietern selten“, beschreibt es Wolf Reiner Kriegler, Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Deba. Er ist seit 13 Jahren im Satellite-Office-Center Haus Cumberland am Kurfürstendamm in Berlin eingemietet.

„Da platzt jetzt eine Blase“

Den Problemen der Branche kann sich Satellite Office trotzdem nicht ganz entziehen. Und die werden gerade noch verschärft vom Niedergang des einstigen Coworking-Stars WeWork. Das Start-up hatte vom Boom der Mietbüros wie kaum ein anderer profitiert, war aber schon vor der Coronakrise weitgehend entzaubert. Der geplante Börsengang wurde im Herbst abgesagt, die finanzielle Lage war angespannt.

Die Pandemie tat ihr Übriges: Während die Kunden von WeWork kurzfristig kündigen können, laufen die teuren Mietverträge in besten Lagen im Schnitt über 15 Jahre. Nun brechen die Einnahmen weg, während die Kosten weiterlaufen, mehr als 2000 Stellen hat WeWork bereits gestrichen.

Ist damit das Konzept Coworking grundsätzlich gescheitert? Unternehmerin Gödiker wehrt sich gegen diese Einschätzung. „Die Probleme bei WeWork sind nicht repräsentativ für die Coworking-Branche“, sagt sie. „Da wird eine ganze Branche, in der die meisten Unternehmen grundsolide arbeiten, in kollektive Mithaftung genommen.“ Es sei nicht das Geschäftsmodell gescheitert, sondern das Geschäftsgebaren einiger Unternehmen. „Das war eine Blase, die jetzt platzt“, sagt sie.

Die Einschätzung teilt auch Experte Leimbach weitgehend. „Es ist auch eine Frage des Konzepts: Anbieter, die stark auf Events und Gemeinschaftsflächen gesetzt haben, haben jetzt das größte Problem“, beobachtet er. „Wer große Unternehmen als Mieter hat, die längerfristig Büros etwa für Projektteams angemietet haben, erlebt zurzeit keine größere Kündigungswelle.“

Auch er ist überzeugt, dass sich in der Krise die Spreu vom Weizen trennen wird. „Es werden auch in Deutschland nicht alle Coworking-Anbieter überleben“, prognostiziert er. Die Unternehmen, die vorher schon schwach aufgestellt waren, würden es viel schwerer haben durch die Krise zu kommen. Von den mehr als 400 Coworking-Anbietern in Deutschland, von denen manche nur ein oder zwei Center betreiben, dürften einige auf der Strecke bleiben.

Langfristig jedoch habe das Modell der flexiblen Büros weiter gute Chancen, es sei ein Teil der neuen Arbeitswelt, ist Coworking-Spezialist Leimbach überzeugt. „Deswegen sehe ich wieder großes Wachstumspotenzial, wenn wir durch die aktuelle Krise durch sind.“ Entscheidend sei auch die Qualität des Angebots. Für attraktive Häuser in guter Lage werde man auch in Zukunft Mieter finden.

Genau darauf setzt Anita Gödiker mit Satellite Office, die nur Bestlagen im Portfolio hat, wie etwa den Opernplatz in Frankfurt, den Kurfürstendamm in Berlin oder die Königsallee in Düsseldorf. „Viele haben jetzt flexiblere Arbeitsmodelle kennen gelernt und wollen diese Möglichkeiten auch künftig weiter nutzen“, ist sie überzeugt. „Und eines ist klar: Wir werden auch in Zukunft nicht ohne persönliche Begegnungen auskommen.“

Vor einem Jahr bereits hat sie das neue Konzept „Pure Silent“ gestartet. Statt großer Coworking-Spaces, wie sie Unternehmen wie WeWork in der Regel haben, bietet es minimalistisch eingerichtete Büros für konzentriertes Arbeiten in Abgeschiedenheit.

„Die Kunden werden erwachsener und damit anspruchsvoller“, glaubt Gödiker. Es würden nicht mehr die hippen Open Spaces mit Events und gemeinschaftlichem Kühlschrank gesucht, sondern Rückzugsorte, in denen man in Ruhe arbeiten kann. Und sie hofft: „Das wird nach der Coronakrise eher noch mehr als vorher gewünscht sein.“