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Warum sich der Alstom-Chef als Gewinner der Krise sieht

Der Alstom-Chef erläutert, weshalb er mit einer dynamischen Entwicklung des Marktes für Bahnen rechnet. Das eigene Geschäft sieht er optimistisch.

Fluggesellschaften und Autohersteller sehen sich durch die Hölle gehen und bitten um Staatshilfen. Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge dagegen sieht Bahnen, Metros und Trams als Gewinner der Krise. „Es gibt ein sehr positives Momentum für uns“, sagte Poupart-Lafarge am Dienstag im Interview mit dem Handelsblatt. Die Krise beschleunige den Trend zu nachhaltigen Verkehrsträgern, der schon vorher begonnen habe.

„Der Flugverkehr schien immun zu sein gegen die Bewegung hin zu nachhaltigem Transport, nun wird er hart getroffen“, sagte der Alstom-Chef. Maßnahmen zur Begrenzung dieser Art des Reisens würden auf viel Verständnis stoßen. Man sehe bereits an den Entscheidungen der Regierungen, wie kompliziert es für die Airlines werde. So hat der französische Staat seine Hilfe für Air France an die Bedingung geknüpft, dass viele Inlandsflüge aufgegeben werden.

Poupart-Lafarge ist deshalb sehr optimistisch, was das eigene Geschäft angeht. Trotz der schwierigen Lage vieler Eisenbahnunternehmen aufgrund des Lockdowns werde es keine Stornierung von Ausschreibungen oder Aufträgen geben. Das eine oder andere Unternehmen werde lediglich verzögerte Auslieferungen von rollendem Material geben. Ausreichende finanzielle Mittel seien aber vorhanden, weil die Gesellschaften von ihren Staaten unterstützt würden.

Bei Alstom-Spezialitäten wie den Hochgeschwindigkeitszügen (TGV) sieht der CEO große Dynamik. Ein zweistelliges jährliches Wachstum der Nachfrage sei möglich. Der begrenzende Faktor sei hier die Infrastruktur, deshalb richte sich die Nachfrage verstärkt auf Doppelstock-TGV und moderne Signaltechnik, die eine bessere Nutzung vorhandener Strecken ermögliche.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr, das im März endete, hat Alstom neue Aufträge im Umfang von knapp zehn Milliarden Euro hereingeholt, was den Orderbestand auf 40 Milliarden Euro steigert. Der Umsatz erreichte 8,2 Milliarden Euro, die Rendite (Ebit zu Umsatz) 7,7 Prozent. Alstom bleibt bei seinem Ziel, die Marge bis 2022/23 auf neun Prozent zu steigern.

Der Umsatz wird in diesem Jahr aber beeinträchtigt durch die Produktionsstopps infolge der Lockdowns. Poupart-Lafarge schätzt, dass im April die Werke nur mit halber Kraft arbeiteten, der Mai sei bereits besser, Ende Juni wolle Alstom zurück auf dem Normalniveau sein. Das Unternehmen werde seine Kosten senken, indem es auf bestimmte Investitionen verzichte. Boni würden nicht gezahlt, Alstom wird in diesem Jahr auch keine Dividende ausschütten, „obwohl wir die Mittel dafür hätten“, wie Poupart-Lafarge unterstrich. Mitarbeiter würden nicht entlassen, es werde auch nicht an Forschung und Entwicklung gespart.

Festhalten an Bombardier-Übernahme

Festhalten will Alstom auch an der Übernahme von Bombardier Transportation für rund sechs Milliarden Euro. „Wir stehen nach wie vor vollkommen hinter dieser Transaktion“, sagte der CEO. Das fusionierte Unternehmen würde mit gut 15 Milliarden Euro Umsatz die Nummer zwei hinter der chinesischen CRRC. Das sei ein langfristiger, strategischer Schritt, ordnet Poupart-Lafarge die Fusion ein, die in einem Jahr abgeschlossen sein soll: Wie der Wettbewerber Siemens sei er sehr zuversichtlich mit Blick auf die Marktentwicklung.

Bei der Fusionskontrolle durch die Brüsseler Wettbewerbsaufsicht will Alstom einen neuen Weg einschlagen. Nach Möglichkeit sollen die Anmeldung der Fusion und die Berücksichtigung der Auflagen, die Brüssel formuliert, auf einen Rutsch erfolgen. „Wir wollen das in einem Schritt erledigen“, erläutert Poupart-Lafarge.

Normalerweise folgt auf die Anmeldung ein langwieriges Verfahren, in dem Brüssel seine Bedingungen formuliert, meist den Verkauf bestimmter Aktivitäten verlangt. Dann reagiert das Unternehmen und bietet Abhilfemaßnahmen („remedies“) an. Die gingen bei der gescheiterten Fusion Alstom/Siemens der Kommission nicht weit genug. Poupart-Lafarge will nun Zeit gewinnen und stellt fest: „Bislang führen wir Gespräche mit der Kommission, bei denen wir gut vorankommen.“ Bislang gebe es noch nichts Substanzielles.

Mehr: Wie Alstom-Chef Poupart-Lafarge zum König der Züge werden will