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Aktionäre wollen mit Rocket Internet abrechnen

·Lesedauer: 11 Min.

Anlegerschützer fordern den Rücktritt des gesamten Aufsichtsrats. Die wesentlichen Fragen und Antworten zur außerordentlichen Hauptversammlung von Rocket Internet.

Der Chef von Rocket Internet steht nach dem Börsenrückzug in der Kritik. Foto: dpa
Der Chef von Rocket Internet steht nach dem Börsenrückzug in der Kritik. Foto: dpa

Es ist eine kritische Befragung, die Oliver Samwer wohl gern schnell hinter sich bringen will: Die außerordentliche Hauptversammlung seines Konzerns Rocket Internet soll am Donnerstag ab zehn Uhr den Rückzug des Konzerns von der Börse besiegeln. Den Beschluss dafür hat der Vorstand bereits getroffen, das Aktionärstreffen soll nur noch nötige Detailregeln absegnen. Für die Vertreter der Kleinaktionäre ist es die letzte Gelegenheit für eine Generalabrechnung – wenngleich wegen Corona nur in virtueller Form.

„Ich werden den Aufsichtsrat zum Rücktritt auffordern“, kündigt Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) an. Christian Röhl von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) will Samwer zum möglichen Schaden für die deutsche Aktienkultur befragen. Die Aktionärsschützer werden zudem genau hinhören, um möglicherweise Klagen vorbereiten zu können.

Der Vorstand von Rocket Internet, also Großaktionär und Gründer Oliver Samwer und Finanzchef Soheil Mirpour, hat den Rückzug von der Börse beschlossen und dafür Rückendeckung vom Aufsichtsrat. Das reicht aus, um die Aktie von der Börse zu nehmen. Allerdings ist ein Rückkaufangebot an die Aktionäre nötig.

Die Vorschriften sehen vor, dass dabei mindestens der Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate gezahlt werden muss. Die Hauptversammlung soll nun nicht über das Delisting an sich befinden, das ja bereits beschlossene Sache ist. Das Aktionärstreffen muss vielmehr Details dazu regeln – etwa, dass das Unternehmen selbst das Pflichtangebot über 18,57 Euro je Aktie abgibt und die zurückgekauften Aktien einzieht.

Laut einer Unternehmenssprecherin ist das Delisting für Anfang November angepeilt.

Wie begründet Rocket Internet den Rückzug von der Börse?

Das Geschäftsmodell von Rocket Internet ist für ein börsennotiertes Unternehmen ungewöhnlich: Der Berliner Konzern gründet Start-ups, um sie später gewinnbringend zu verkaufen. So kamen etwa Hellofresh und Home24 an die Börse.

Firmenchef und Großaktionär Samwer hat seine neuen Ziele öffentlich nur knapp in einer Pflichtmitteilung geäußert. Anders als beim Börsengang sei Wachstumskapital inzwischen auch außerhalb der Börse genügend verfügbar. Daher brauche Rocket Internet das Instrument nicht mehr. „Außerhalb des Aktienmarktes kann Rocket Internet bei langfristigen strategischen Entscheidungen unabhängig von Stimmungen am Kapitalmarkt einen längerfristigen Ansatz verfolgen. Außerdem reduziert sich durch das Delisting die Komplexität der Geschäftstätigkeit und der anwendbaren Rechtsvorschriften, wodurch Verwaltungskapazitäten freigesetzt und Kosten verringert werden können“, heißt es in der Mitteilung unter anderem. Zudem habe Rocket Internet inzwischen die Tochterunternehmen mit hohem Kapitalbedarf an die Börse gebracht und benötige daher weniger Finanzspielraum.

Wieso regt der Rückzug die Aktionärsschützer so sehr auf?

Der Hauptgrund ist offensichtlich: Rocket Internet ist im Oktober 2014 mit einem Ausgabepreis von 42,50 Euro an die Börse gegangen. Das Rückkaufangebot für die Aktien, die der Konzern den Aktionären macht, liegt allerdings nur bei 18,57 Euro. Dividenden sind zwischenzeitlich nicht geflossen, es gab stattdessen sogar noch eine Kapitalerhöhung. Die Kleinaktionäre haben also nichts von den Börsengängen von Home24, Hellofresh, Jumia und der Global Fashion Group.

Anders als in den meisten anderen Fällen erfolgt der Rückkauf nicht wegen eines neuen Haupteigners oder eines harten Strategieschwenks. Zudem wählt Rocket Internet ein eigentümliches Konstrukt. Anders als bei vielen anderen Delistings kommt das Angebot an die Aktionäre nicht vom Hauptaktionär – in diesem Fall Samwer mit gut 50 Prozent –, sondern vom Unternehmen selbst. Das Geld dafür ist im Unternehmen vorhanden als Barreserve von 1,2 Milliarden Euro. Auch wegen des allgemeinen Aktieneinbruchs zu Beginn der Coronakrise liegt das Pflichtangebot so niedrig, dass es aus dieser Reserve bezahlt werden kann.

SdK-Vertreter Kunert meint daher, der Aufsichtsrat habe seine Pflichten verletzt. Er müsse die Interessen aller Aktionäre wahren, nicht nur diejenigen des Hauptaktionärs. Damit begründet er seine Rücktrittsforderung an den Aufsichtsrat.

Zudem stört die Aktionärsschützer, dass Hauptversammlungen derzeit fast nur virtuell abgehalten werden – und damit ihr großer Auftritt vor den Aktionären ausfällt.

Was unterstellen die Aktionärsschützer dem Großaktionär Samwer?

Die zugespitzte Lesart der Aktionärsschützer ist: Samwer erhält durch das Rückkaufangebot weitgehend das Unternehmen zurück, das er selbst an die Börse gebracht hat. Dabei habe er die Aktien erst teuer an die Börse gebracht, um sie später billig zurückzukaufen. Denn zum Börsenstart erzielte er wegen großer Versprechen einen sehr guten Preis, den die Aktie nicht lange halten konnte.

Die Börsengänge der Tochterunternehmen füllten die Kassen des Unternehmens, ohne dass die Aktionäre Ausschüttungen erhielten. Gerüchte über Pläne für einen Börsenrückzug hielten sich schon lange. Samwer, eigentlich für sein rhetorisches Talent bekannt, tat wenig, um neue Fantasie zu wecken. Im Gegenteil: Er sagte sogar auf Hauptversammlungen öffentlich, er habe mehr Geld als Ideen.

Zu den Gerüchten über einen Börsenrückzug äußerte er sich derweil stets ausweichend: Es sei nichts beschlossen. Er könnte also den Kurs bewusst gedämpft haben – und die hohe Liquiditätsreserve jahrelang für den Börsenrückzug trocken gehalten haben, statt sie für neue Erfolgsgründungen zu nutzen.

Da er den freien Aktionären nur den Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate bieten muss, kann er nun das Unternehmen in großen Teilen zu einem deutlich niedrigen Kurs zurückkaufen als zu dem, den er von den Anlegern beim Börsengang bekommen hat. Das Gebot liegt sogar noch zwei Prozent unter dem letzten Börsenkurs vor der Ankündigung.

Was sagen die Analysten?

Die Analysten rechnen vor, dass das Abfindungsangebot Rocket Internet gerade einmal mit dem Inhalt des Geldspeichers und der gehaltenen Aktien bewertet. Die verbliebenen Tochterfirmen finden sich darin nicht wieder. Die Deutsche Bank rechnet vor, dass ein faires Angebot etwa zwölf Euro höher liegen müsste. Von dieser Differenz profitiert Hauptaktionär Samwer, falls sein Angebot in der Breite angenommen wird.

Hätte es eine Alternative gegeben?

Zum einen könnte Rocket Internet problemlos weiter an der Börse bleiben. Zum anderen hatten einige Kleinaktionäre darauf gehofft, Hauptaktionär Samwer werde selbst ein öffentliches Angebot für die übrigen Aktien abgeben, das ihnen ein Kursplus bescheren würde. Dazu ist er jedoch nicht verpflichtet.

Was spricht für den Rückzug von der Börse?

Die Start-up-Welt hat sich seit den geschäftlichen Anfängen der drei Samwer-Brüder geändert. Ihren legendären Start legten sie 1999 hin, als sie den Ebay-Klon Alando nach nur 100 Tagen für damals kaum vorstellbare 50 Millionen Dollar an Ebay verkauften. Dieser Anfang machte sie schlagartig bekannt, brachte ihnen aber auch den Ruf ein, vor allem Geschäftsmodelle aus den USA zu kopieren. Auch Rocket Internet hatte seine größten Erfolge mit erprobten Geschäftsmodellen für Endkunden – wie den Modeshop Zalando, dessen Vorbild Zappos in den USA war.
Die Logik hinter solchen Konsumentenmodellen, die vor allem in den Nullerjahren entstanden sind: Der relativ simple technische Kern – ein Onlineshop – wird mit viel Geld für Marketing so groß gemacht, dass er seinen Markt beherrscht. Dann geht er an die Börse – oder wird von der Konkurrenz teuer aufgekauft.

Doch inzwischen sind die großen Konsumentenmärkte etwa im E-Commerce weitgehend verteilt – auch an ehemalige Rocket-Beteiligungen wie Delivery Hero und Hello Fresh.

Aktuell gelten besonders Geschäftsmodelle für Firmenkunden (B2B) und solche mit hoher technischer Innovation (Deep Tech) als aussichtsreich. In diesen Bereichen sind höhere und langwierigere Anfangsinvestitionen nötig, während der Vertrieb vergleichsweise günstiger ist. Zudem müssen die Gründer oft technisch versierter sein. Um sie zu halten, eignet sich das ursprüngliche Rocket-Modell mit quasi angeheuerten Gründern aus Unternehmerhochschulen wie der WHU weniger. Auch erobern große Start-ups neue Märkte inzwischen öfter durch organisches Wachstum und verzichten darauf, Klone zu kaufen.

Viele Beobachter sind skeptisch, dass das Modell des börsennotierten Company-Builders zu diesen neuen Herausforderungen passt. Das spricht für einen radikalen Bruch bei Rocket Internet. Ein Baustein davon kann der Rückzug von der Börse sein. Dazu kommt ein weiterer, ein etwa eine Milliarde Euro großer Fonds, den Rocket kürzlich geschlossen hat. Rocket Internet könnte damit künftig stärker wie ein üblicher Risikokapitalgeber agieren – aber auch weiter an Bedeutung für das deutsche Start-up-Ökosystem verlieren.

Können sich die Kleinanleger gegen diese Wende wehren?

Die Anleger müssen das Angebot nicht annehmen. Dann allerdings halten sie eine Aktie im Portfolio, die ohne Börsennotierung kaum noch handelbar ist. Die Interessenvereinigungen der Kleinaktionäre wollen Klagen prüfen. Deren Erfolgsaussichten sind allerdings zweifelhaft. Sie hängen davon ab, ob die spezielle Art des Rückzugs als Sonderfall gelten kann oder ob Rocket Internet dabei Formfehler unterlaufen. Bei weiteren Börsengängen von Rocket-Firmen in fernerer Zukunft könnten sie aus dem Fall lernen und sich zurückhalten.

Wie ist die bisherige Bilanz von Rocket Internet?

Die Bilanz des Internetkonzerns seit dem Börsengang fällt zwiespältig aus. Die großen Hoffnungen aus dem Börsengang auf einen Berliner Internetkonzern mit herausragender Strahlkraft haben sich nicht erfüllt. An die frühen Samwer-Jahre, in denen Oliver Samwer und seine beiden Brüder mit Gründungen wie Jamba und Zalando das Bild der deutschen Internetszene prägten, konnte der Company-Builder an der Börse nicht anschließen.

Samwers erfolgreichstes Geschöpf Zalando ist bereits einen Tag vor Rocket Internet an die Börse gegangen. Der Kochboxversender Hellofresh entwickelt sich spätestens seit der Coronakrise gut und erfreut seine Aktionäre. Rocket Internet ist allerdings bereits vor dem deutlichen Kursplus ausgestiegen.

Samwers ausdrückliche Idee, mit Rocket Internet Onlinekonzerne für die Schwellenländer in Südamerika, Afrika und Asien zu bauen, stößt an Grenzen. Das afrikanische Versandhaus Jumia schreibt hohe Verluste, Rocket ist bereits ausgestiegen. Im ersten Halbjahr 2020 schrumpfte der Umsatz um 8,6 Prozent auf 64,2 Millionen Euro. Der operative Verlust lag bei 81,3 Millionen Euro. Dabei wird aus dem Händler immer mehr eine Marktplatz-Plattform, das Geschäft auf eigene Rechnung schrumpft.

Die Global Fashion Group, ein Zalando für Schwellenländer, ist bislang ebenfalls kein durchschlagender Erfolg. Die Aktie ist sehr volatil: Der niedrigste Kurs im laufenden Jahr lag bei 98 Cent, der Höchstkurs bei 6,38 Euro. Damit ist sie eher ein Zockerpapier.

Größter Erfolg ist der Lieferdienst Delivery Hero, der in Nahost, Asien und Südamerika stark ist. Der frisch in den Leitindex Dax aufgenommene Berliner Konzern ist jedoch ein Sonderfall unter den ehemaligen Rocket-Beteiligungen: Der Samwer-Konzern hat sich erst einige Jahre nach der Gründung bei Delivery Hero eingekauft – hat also eher wie ein Finanzinvestor agiert als wie ein Gründer.

Rocket Internet hat sich in jedem Fall als Durchlauferhitzer für viele Talente erwiesen, die heute die Berliner Start-up-Szene prägen. Allerdings haben sie lang gebraucht, um den der Szene aus Samwers frühen Jahren anhängenden Ruf abzuschütteln, nur Kopien von US-Vorbildern hervorzubringen.

Welche Beteiligungen hat Rocket Internet aktuell?

Die beiden wichtigsten verbliebenen Beteiligungen sind die Global Fashion Group (GFG) und Home24. Bei GFG, an der Rocket Internet noch mit gut einem Viertel der Aktien beteiligt ist, stieg der Umsatz im ersten Halbjahr nur um 0,7 Prozent, weil die Währungen der Schwellenländer, in denen der Händler Mode verkauft, schwach waren. Währungsbereinigt stieg der Umsatz im Halbjahr auf 608 Millionen Euro. GFG schreibt Verluste. Die Verlustmarge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag bei zwei Prozent.

Home24, woran Rocket Internet noch unter acht Prozent hält, hat im ersten Halbjahr vom Homeoffice-Trend profitiert und den Umsatz um 31 Prozent auf 222 Millionen Euro ausgebaut. Die bereinigte Ebitda-Marge ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum von minus 13 Prozent auf plus drei Prozent gestiegen. Die Aktie hat sich im Jahresverlauf verfünffacht. Sie liegt aber noch immer mehr als die Hälfte unter der Erstnotiz vom Juni 2018.

Rocket Internet hat zudem noch eine Vielzahl kleinerer Töchter und Beteiligungen. 20 davon stellt der Konzern besonders heraus – darunter den Putzkraftvermittler Helpling, den Apartment-Vermittler Nestpick und die Digitalspedition Instafreight. Insgesamt meldet Rocket Internet mehr als 200 Beteiligungen auf sechs Kontinenten.

Die Aktionärsvertreter wollen auch diesmal nach Details zu möglichen Hoffnungsträgern fragen, bislang hielt sich Samwer aber meist bedeckt.

Wie geht es weiter mit Rocket Internet?

Was künftige Hoffnungsträger angeht, gab sich Samwer in den vergangenen Jahren bedeckt. Eine Veränderung im Vorstand weist darauf hin, dass der Konzern künftig weniger stark auf eigene Gründungen setzen wird als darauf, als Risikokapitalgeber für Gründer tätig zu werden: Soheil Mirpour ist seit März Finanzvorstand und gilt als Experte für Risikokapital.

Das könnte dabei helfen, den Fokus über den Bereich E-Commerce und B2C hinaus auf Geschäftskundenmodelle und Deep Tech zu erweitern. Zudem hat Rocket Internet zuletzt auch in Berliner Immobilienprojekte investiert – eigentlich ein Bereich recht fern vom Ursprung. Einige kleinere Ideen etwa im Bereich Cannabis machten Schlagzeilen, sind aber bislang nicht größer in Erscheinung getreten.

Die Aktionärsvertreter haben daher mehrere Fragen dazu eingereicht, wie die Zukunft aussehen soll. Allzu konkrete Antworten sollten sie allerdings nicht erwarten.