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Acht große Fehler der USA, die den Iran gestärkt haben

Der Iran hat es geschafft, vom Jemen über Syrien und Libanon bis zum Gazastreifen Einfluss zu gewinnen – auch wegen Fehlern, die die USA gemacht haben.

Auslöser der neuen Eskalation war ein tödlicher US-Drohnenangriff auf den iranischen General Ghassem Soleimani. Zahlreiche Menschen gingen daraufhin im Iran auf die Straßen. Foto: dpa

Mit der gezielten Drohnen-Attacke auf den iranischen Generalmajor Ghassem Soleimani haben die USA einen weiteren Fehler begangen – auf ihrer langen Liste von Fehlkalkulationen, großmachttypischen Überheblichkeiten und Weltmachtansprüchen in der islamischen Welt.

Der getötete Soleimani war einer der mächtigsten Männer der Islamischen Republik. Als Kommandeur der Al Kuds, Auslandsspezialkräfte der iranischen Revolutionsgarden, war er der wichtigste Stratege von Teherans Politik in der arabischen Welt vom Jemen, über Syrien, Libanon, den palästinensischen Gazastreifen und vor allem im Irak, wo er seinen Tod fand. Soleimani hatte in den arabischen Staaten die Fehler Amerikas für seinen Plan genutzt, einen pan-schiitischen Raum vom Jemen am Golf von Aden über den Iran, Irak, bis tief an die Levante zu ziehen.

Das sind die größten Fehler der USA, die dem Iran zur Macht in der arabischen Welt verhalfen:

1. George W. Bushs Irak-Invasion

2003 marschierten die USA in den Irak ein unter dem (heute als falsch geltenden) Vorwand, der Irak würde Massenvernichtungswaffen entwickeln. Der irakische Diktator Saddam Hussein wurde gestürzt, alle angeblich mit dem Despoten verbandelten Militärs, Beamten und Politiker wurden entmachtet.

Das hat nach dem Tod Saddams den einzigen nicht-monarchistischen weltlichen Golfstaat zerrissen: Mit Saddams Ermordung wurden faktisch alle Sunniten entmachtet, viele gingen in den Untergrund, entmachtete Funktionäre von Saddams Baath-Partei und die sunnitischen Militärführer verübten Anschläge sowohl gegen die US-Besatzer wie auch gegen Schiiten.

Die vom Diktator unterdrückte schiitische Bevölkerungsmehrheit konnte erst nach der US-Invasion – zusammen mit den Kurden im Norden – die Regierungsposten an sich reißen. Schiitische Führer waren zu Saddams Zeiten zumeist im Exil im Nachbarstaat Iran. Teheran, und vor allem Al-Kuds-Kommandeur Soleimani, hatten freien Zugang zu Bagdads Führungsebene. Der Iran als Schutzmacht der Schiiten stellte auch für Iraks schiitische Religionsführer die wichtigsten Ausbildungsstätten.

George W. Bush hatte mit seiner Irak-Invasion das Land zutiefst gespalten, es durchlebte einen jahrelangen blutigen Bürgerkrieg. Und am Ende hatte Bush den Rivalen Iran zu ungeahntem Einfluss verholfen. Schiitische, vom Iran unterstützte Milizen, schafften Ordnung im von Washington angerichteten Chaos.

Die Revolutionsgarden in Teherans Führungsebene wurden durch Soleimanis erfolgreiches Orchestrieren immer mächtiger, drängten moderate politische Kräfte aus dem persischen Machtgefüge. Nicht zuletzt, da es den Al-Kuds-Offizieren im Irak sogar gelungen war, arabische – und damit traditionell persisch-feindliche – Verbündete gegen die US-Invasoren zu finden und sich im Nachbarland festzusetzen.

2. Die Terrormiliz IS, der „Islamische Staat“

Viel zu lange haben die USA zugeschaut, wie Bürger befreundeter arabischer Staaten mit ihren gewaltigen Spenden Islam-Fanatiker finanziert haben. Die Kämpfer des selbsternannten „Islamischen Staates“ konnten sich mit ihren damit gekauften Waffen zuerst faktisch führerlose Gebiete vor allem im Irak erobern und später gewaltsam ganze Landstriche untertan machen.

Zwar formte Washington eine Anti-Terror-Allianz mit seinen Verbündeten in den arabischen Golfstaaten. Doch zum Schulterschluss mit Teheran im gemeinsamen Kampf gegen die Terroristen kam es nie. Die vom „Islamischen Staat“ unterdrückte Bevölkerung im Irak, in den Kurdengebieten und im Norden Syriens, erlebte schiitische Milizen und deren iranische Helfer oder Anführer als die erfolgreichsten Kämpfer gegen den Terror.

Und sowohl die Führung des Gesamtstaats Irak (der noch bis 1988 Krieg gegen den Iran geführt hatte) wie auch die der Kurdengebiete im irakischen Norden registrierten, dass auf Teheran Verlass ist: Durch massiven Einsatz iranischer Spezialkräfte, das Entsenden von Militärberatern in die irakische Regierung, die Luftunterstützung und Waffenlieferungen an die Kurden sowie ein Rückrufen schiitischer Milizen aus Syrien zum Anti-IS-Kampf im Irak gelang es Soleimani „einen Kollaps des irakischen Staates und die Bildung des selbst ausgerufenen Islamischen Staates an der Grenze zum Iran zu verhindern“.

Zu diesem Schluss kommt ein auf 217 Seiten zusammengestellter und kurz vor der Ermordung Soleimanis veröffentlichter Bericht des angesehenen Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS) über das Wirken des Generals. Immer wenn Irans Einfluss im Irak auf dem Spiel stand, war Soleimani persönlich vor Ort. Das wurde ihm bei der Attacke mit Geschossen aus einer amerikanischen MQ-9 Reaper-Drohne unweit des Flughafens in Iraks Hauptstadt Bagdad zum Verhängnis.

3. Die fatale Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001

Gleich nach den mörderischen Flugzeugattacken islamischer Terroristen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington ordnete George W. Bush Angriffe und schließlich sogar eine jahrelange Invasion in Afghanistan an. Dort hatten die radikalislamischen Taliban das Volk unterjocht und den von den USA als Drahtzieher der 9/11-Anschläge ausgemachten Al-Qaida-Anführer Osama bin Laden versteckt.

Weder der Sowjetunion noch zuvor den Briten war trotz militärischen Großaufgebots ein Erfolg am Hindukusch vergönnt. Auch die USA verhandeln längst mit den Taliban über einen Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan. Bei einem Abzug käme die Islamistenmiliz zurück an die Macht, die Supermacht USA wäre durch unermüdliche Steinzeitkrieger bezwungen.

Eine weitere strategische Niederlage im Fernduell mit dem Rivalen Iran: Teheran hat unterdessen längst eine Übereinstimmung mit den Taliban gefunden, mit der Taliban-Schutzmacht Pakistan und vor allem mit den schiitischen oder persisch-stämmigen afghanischen Stämmen in Afghanistan.

4. Syrien und der Diktatoren-Schutz

Nachdem er 2013 bereits vor einer sicheren Niederlage gestanden hatte, erfreut sich der syrische Diktator Baschar al-Assad heute wieder weitreichender Machtfülle. Es war Soleimanis Meisterstück, noch größer als das Drehen der Stimmung im Irak.

Als Assads Kollaps unmittelbar bevorstand und die Rebellen Anfang 2013 weitreichende Teile Syriens unter ihre Kontrolle gebracht hatten, änderte der Iran seine Taktik: Statt Verbündete zu suchen, um die von den USA nach ihrer Invasion im Irak inthronisierten Machthaber aus ihren Amtsstuben zu fegen, mussten Soleimanis Al-Kuds-Brigaden einen bedrängten Herrscher retten. Assad war als Mitglied der religiösen Gruppe der Alawiten dem schiitischen Iran nahe und Syrien für Irans Pläne zu wichtig, um es fallen zu lassen.

So setzten sich Irans Al-Kuds-Brigaden an die Spitze derer, die schiitische und alawitische Schreine vor sunnitischen Eiferern schützen, und am Ende für das ganze Regime verantwortlich waren: Soleimani brachte Assad davon ab, ziellos alle aus seiner Kontrolle verlorenen Gebiete zurückerobern zu wollen, sondern gezielt zuerst strategisch entscheidende Provinzen und Städte.

Dazu schickte er tausende iranische Brigadiers, verbündete Kämpfer der libanesischen Hisbollah-Miliz, schiitische Milizen wie den Badr-Anhängern, der Asaib al-Haq und der Kataib Hizbollah aus dem Irak in blutige Stellungs- und Vernichtungsschlachten. Die von ihm aus diversen Gruppen geformte Haidariyoun-Einheitsfront und ihre schwer erkämpften militärischen Erfolge richteten Assads desaströse dastehende Armee wieder auf. Am Ende sei, bilanziert die IISS-Studie, „Soleimani in Syrien mächtiger als Assad“ gewesen.

Vor allem seit es dem Al-Kuds-Kommandeur 2015 bei einem Besuch bei Kremlchef Wladimir Putin gelang, Russland in den Syrien-Krieg zu ziehen. Russland und der Iran hatten historisch lange ein schwieriges Verhältnis. Aber Soleimani gelang es, Putin das russische Eigeninteresse an einem Engagement in Syrien zu verdeutlichen: Ein potenzieller Gewinn des Arabischen Frühlings in Syrien und der Sturz Assads, wäre Futter für Umsturzfantasien von Millionen von Muslimen in Russland. Zudem war Russland ein historischer Verbündeter Syriens. Und Putin hatte mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama noch politische Rechnungen offen.

Obama ließ der Forderung nach dem Sturz Assads keine Taten folgen. Auch Vereinbarungen mit europäischen und Nato-Verbündeten über Flugverbotszonen über Syrien zugunsten der vor Assad geflohenen Rebellen zu schaffen blieben aus. Das brachte am Ende den Sieg der Allianz Assad-Iran-Russland.

Den USA ist es trotz ihres erheblichen Einflusses auch nie gelungen, die rivalisierenden Golf-Bündnispartner zu einen. Ob Katar, Saudi-Arabien oder die Emirate – jeder unterstützte andere Rebellengruppen, die mehr sich selbst bekämpften anstatt Assads Armee. Iran siegte, Obamas Nachfolger Donald Trump zog die US-Truppen im Oktober 2019 sogar aus Syrien ab, und verriet damit Amerikas kurdische Anti-IS-Verbündete.


Vier weitere Fehler der USA

5. Schiiten, Saudi-Arabien, Bahrain, Jemen – Amerikas menschenrechtliches Trauerspiel

Amerikas Rolle am Golf ist ebenso moralisch zweifelhaft. Ob bei den Verbündeten Saudi-Arabien und Bahrain: Washington hat trotz seines gewaltigen Einflusses in den arabischen Golfstaaten nie dafür gesorgt, dass die dortigen Schiiten pfleglich von den sunnitischen Herrschern behandelt werden.

In Saudi-Arabien, der Vormacht der Sunniten und gesegnet mit den islamischen Heiligtümern Mekka und Medina, werden Schiiten unterdrückt, ebenso in Bahrain, wo sie sogar die Bevölkerungsmehrheit unter einem sunnitischen Königshaus stellen. In Bahrain ist die wichtige 5. Flotte der USA stationiert, der Wachposten über die für die globale Ölversorgung lebensnotwendige Straße von Hormus, die als Meerenge auch durch iranische Hoheitsgewässer führt.

Im Jemen-Krieg versorgte Washington seinen Verbündeten Saudi-Arabien mit Waffen, Munition und Ergebnissen ihrer und israelischer Satellitenaufklärung. Riad leitet seit Jahren eine Militärallianz, die einen zermürbenden Luftkrieg gegen die Huthi-Rebellen führt. Die von Al-Kuds-Beratern unterstützten Huthis haben indes Territorialgewinne verzeichnet, der jemenitischen Regierung massiv zugesetzt und immer wieder den großen Nachbarstaat getroffen. Zuletzt zerstörten Drohnenangriffe im September, die die Huthis für sich reklamierten, wichtige saudische Ölanlagen. Wochenlang standen große Teile der saudischen Ölproduktion still.

Die USA haben weder eine Lösung für den Jemen noch Hilfen für schiitische Minderheiten in mehrheitlich sunnitischen Staaten organisieren können. Diese Menschen verlassen sich auf die selbst erkorene Schutzmacht der Schiiten: den Iran.

6. Amerikas unverarbeitetes Trauma

Dass der Iran und die USA so erbitterte Rivalen sind, hat mit Öl zu tun. Als der damalige iranische Premier Mohammed Mossadegh Anfang der 1950er-Jahre die Anglo-Iranian Oil Company verstaatlichte, die sich zuvor den Löwenanteil der Ölprofite gesichert und Persien trotz des Ölreichtums darben ließ, stürzten die Geheimdienste Großbritanniens und der USA den Regierungschef. Diesen „Operation Ajax“ genannten Putsch haben die Iraner den USA bis heute ebenso wenig vergessen wie Washingtons Unterstützung für den mit erbarmungsloser Brutalität herrschenden letzten Schah von Persien, Reza Pahlevi.

Was folgte, war die Islamische Revolution 1979, angeführt vom aus dem Pariser Exil zurückgekehrten Ajatollah Chomenei, und der Sturm der US-Botschaft in Teheran. 444 Tage wurden 52 amerikanische Diplomaten bis Januar 1981 dort als Geiseln gehalten, ein dilettantischer Befreiungsversuch unter Präsident Jimmy Carter endete in einem Fiasko: Getötete US-Soldaten wurden vor Kameras aus aller Welt geschändet. Die USA verhängten bis heute immer wieder verschärfte Sanktionen gegen den Iran.

Das Trauma hat Washington bis heute nicht bewältigt, und auch der für diverse Neustarts in internationalen Beziehungen bekannt gewordene Barack Obama hat die seither abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht wiederaufleben lassen. Beide Länder haben nicht einmal bei wirklich gemeinsamen Interessen – wie in Afghanistan oder im Anti-Terror-Kampf gegen den IS – zusammengearbeitet. Stattdessen herrscht ein Klima gegenseitiger Nadelstiche.

7. Trumps Nahostpolitik

Vor allem seit Donald Trump im Mai 2018 einseitig aus dem international und auch von der Obama-Administration ausgehandelten Iran-Atomdeal ausgestiegen ist, hat sich diese Politik der Nadelstiche immer weiter verschärft. Trump verhängte die nach eigenen Angaben „härtesten Sanktionen aller Zeiten“ gegen den Iran. Seither sind die Fronten zwischen beiden Staaten völlig verhärtet. Teheran verlangt als Vorbedingung für Verhandlungen über regionale Zusammenarbeit eine Rücknahme der Sanktionen. Im Gegenzug wurden ziemlich offensichtlich von iranischen Revolutionsgarden gesteuerte Angriffe auf Öltanker in Nachbarstaaten an der Straße von Hormus durchgeführt, Drohnenattacken auf saudische Pipelines und Ölanlagen.

Trumps überraschender Syrien-Abzug hat nicht nur US-Verbündete verärgert, sondern auch den Iran massiv gefördert. In Syrien hat Washington jetzt nichts mehr der iranisch-russischen Vorherrschaft entgegenzusetzen, vielmehr ist die Nato tief zerstritten über die Rolle ihres Verbündeten Türkei dort. Trump hat die arabischen Verbündeten auch mit der Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verärgert. Das hat selbsternannten Schutzmächten wie Saudi-Arabien ihre Machtlosigkeit vor aller Welt und vor allem vor den Palästinensern demonstriert.

Viele Palästinenser, ob im Gazastreifen oder die Geflohenen in den arabischen Nachbarstaaten, die dort oftmals einen Staat im Staate ausmachen, vertrauen nun nur noch dem Iran als möglicher Schutzmacht. Teheran hat die Herzen der so genannten arabischen Straße erobert.

8. Die Ermordung Soleimanis

Als wohl vorerst letzter schwerer Fehler in einer langen Kette desaströser Entscheidungen dürfte sich der Drohnen-Mordanschlag auf den Al-Kuds-Kommandeur Ghassem Soleimani erweisen. Vor allem aus zwei Gründen: Die von Teherans Religions- und Revolutionsführer, Ajatollah Ali Chamenei, angekündigte „schwere Rache“ kann die USA und ihre Verbündeten überall in der Region treffen.

Ob durch neuerliche Anschläge auf US-Einrichtungen im Irak, Drohnenattacken aus dem Jemen auf amerikanische Einheiten oder Ölanlagen in Saudi-Arabien, oder Hisbollah-Raketen aus dem Libanon auf Israel. Oder durch das Blockieren der Straße von Hormus – oder durch neue Anschläge auf US-Botschaften.

„Aus iranischer Sicht ist kaum ein Akt vorstellbar, der noch gezielter und provokanter sein könnte“, schätzte Robert Malley, Chef der mit Krisenregulierung weltweit betrauten „International Crisis Group“, den Soleimani-Anschlag ein. Teheran werde nun wahrscheinlich hoch-aggressiv reagieren. Und: „Egal, ob Präsident Trump dies beabsichtigte oder nicht, faktisch ist das Ganze eine Kriegserklärung“, meinte Malley.

Dabei hat Trump noch einen Fehler begangen, ausgerechnet jetzt Soleimani auszuschalten: Der General war in Bagdad, weil der Iran dort mächtig unter Druck geraten war. Der von Soleimani als Regierungschef bei allen irakischen Fraktionen durchgedrückte Adel Abdul Mahdi war unter dem Druck der Bevölkerung bereits zurückgetreten. Seit Monaten herrschen Aufstände im Irak, ebenso im Libanon, wo die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz mitregiert. Der Iran war stark unter Druck, jetzt haben sich vor allem im Irak wieder alle auf die USA eingeschossen.

„Die Politik des Ignorierens des Irans funktioniert nicht“, hatte ein iranischer Außenamtsverantwortlicher noch vor dem Soleimani-Mord gesagt. Er könnte auf dramatische Weise in den nächsten Tagen recht bekommen.