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„Natürlich spekulieren wir auf die nächste Impfung“: Dieser Arzt schmiss seinen Job im Krankenhaus und betreibt nun erfolgreich eigene Impfambulanzen

Impf-Unternehmer Christian Schweninger: „Natürlich spekulieren wir auf die nächste Impfung“
Impf-Unternehmer Christian Schweninger: „Natürlich spekulieren wir auf die nächste Impfung“

Als Christian Schweningers zweites Kind auf die Welt kam, fasste er einen Entschluss: „Für mich war klar, dass ich aus dem Krankenhaus raus möchte.“ Knapp zehn Jahre hatte er da als Unfallchirurg und später als Notarzt gearbeitet und suchte nach einer Beschäftigung, die keine Nachtdienste mehr verlangte. Also fasste er den Entschluss, eine eigene Praxis in Stuttgart aufzumachen. Seinen Job im Krankenhaus kündigte er.

Das war Anfang vergangenen Jahres, als die Corona-Impfkampagne in Deutschland so langsam Fahrt aufnahm. Der 37-Jährige impfte in mehreren Impfzentren mit, als „Zwischenbeschäftigung vor der Praxiseröffnung“, erklärt er heute. Seine Frau Katharina Pfeiffer-Schweninger, ebenfalls Ärztin, impfte auch. So bauten sie sich ein Netzwerk auf und sammelten Wissen. „Wir haben viel gearbeitet und gesehen, was gut und was ineffizient war. So haben wir eine Vorstellung davon entwickelt, was wir anders machen würden“, sagt Pfeiffer-Schweninger.

Es ist ein Freitagabend Ende Januar, Schweninger sitzt mit seiner Frau zuhause auf dem Sofa. Per Video-Anruf spricht er mit uns darüber, wie er vom festangestellten Arzt zum Impf-Unternehmer wurde. Er trägt ein weißes Polo-Shirt, im Hintergrund sind Familienfotos an der Wand zu sehen.

„Als im Spätsommer vergangenen Jahres das Impfen im großen Stil vorbei war, habe ich meine Privatpraxis eröffnet“, erzählt Schweninger. Als neuer Arzt sei die Sprechstunde noch nicht voll gewesen, also habe er „eine kleine Impfambulanz“ angeboten.

Es war ein Samstag im Oktober, er habe mit 20 bis 30 Impfwilligen gerechnet. Stattdessen seien etwa 100 gekommen. Am Samstag danach seien es noch mehr gewesen, nicht gerade zur Freude des Vermieters, den die lange Schlange vor dem Haus gestört haben soll. Ein neuer Raum musste her.

"Richtig viel geimpft"

Über einen Bekannten kam Schweninger an ein ehemaliges Reisebüro, zentral gelegen, am Anfang der Stuttgarter Königstraße, gegenüber vom Hauptbahnhof. Sie seien zu Ikea gefahren und hätten über Nacht aus Duschvorhängen und Artikeln aus dem Baumarkt Impfkabinen gebaut. „Und dann haben wir da richtig viel geimpft“, sagt Schweninger.

Das Personal hätten sie über ihr Netzwerk aus den Impfzentren organisiert. „Anfangs lief das ganz unkompliziert über Whatsapp-Gruppen, wir haben einfach gefragt, wer arbeiten kann.“ Doch mit einem Mal war der Arzt, der bislang in den festen Strukturen des Krankenhauses gearbeitet hatte, plötzlich mit den Herausforderungen eines Unternehmers konfrontiert: „Wir standen jeden Tag vor neuen Herausforderungen: Anstellungsverhältnisse, Steuern, Mietverträge, Strom anmelden, die Planung von Haltbarkeiten.“

Ausgelegt sei die Impfambulanz für 400 bis 500 Menschen am Tag gewesen. Doch die Nachfrage sei gewaltig gewesen, in Spitzenzeiten hätten sie etwa 2000 Menschen am Tag geimpft. „Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wir waren vorbereitet und auf maximale Effizienz ausgelegt“, sagt Schweninger. Es war die Zeit, als die Ständige Impfkommission die Booster-Impfung für Erwachsene empfohlen hatte.

Das Gesundheitsamt Stuttgart habe ihm daraufhin größere Räume angeboten, ein ehemaliges Kleidungsgeschäft im Einkaufszentrum „Das Gerber“, rund 250 Quadratmeter groß. Dort betrieben sie also im Auftrag des Gesundheitsamts eine Impfambulanz, so Schweninger. „Wir sind aber für alles verantwortlich: Für Mitarbeiter, Impfstoffbestellungen, Abrechnungen, Hygiene.“ Mittlerweile betreibt er laut eigener Aussage Impf-Ambulanzen an neun verschiedenen Standorten.

„Es bleibt etwas in einem gesunden Verhältnis hängen“

Aktuell sei die Nachfrage deutlich zurückgegangen, Schweninger habe das Personal reduziert. Wie viel er mit seinen Impfambulanzen verdient, möchte er nicht sagen. „Es bleibt etwas in einem gesunden Verhältnis hängen“, sagt er. Und erklärt: „In meinen Augen wirtschaftet ein Unternehmen gut, wenn mindestens ein Drittel vor Steuern übrigbleibt.“ Insgesamt hätten er und sein Team etwa 70.000 Impfungen durchgeführt. Vergütet wird die Impfung in Baden-Württemberg mit 28 Euro, zuletzt, wegen der Feiertage, mit 36 Euro. Macht, bei einer Vergütung von 28 Euro, einen Umsatz von rund zwei Millionen Euro.

Gerade zu Beginn habe eine große Unsicherheit bestanden, er und seine Frau seien „ganz schön in Vorkasse gegangen“. Sie hätten die Mitarbeiter bezahlen müssen, das Material, die Miete, Kosten für den Umbau. Seine Frau habe Existenzängste gehabt. „Wir hatten durch das freiberufliche Impfen zwar ein kleines Polster angelegt, aber das ist ziemlich schnell weniger geworden“, sagt Pfeiffer-Schweninger. Das Problem sei gewesen, dass man vom Bund erst drei Monate nach der Impfung das Geld für die Impfstoffe zurückbekommen habe. „Wir waren keine Unternehmer, wir haben unseren Ärzten immer direkt die Rechnungen bezahlt.“

Doch dann holten sie sich Hilfe, ließen sich unternehmerisch beraten und kamen so etwa auf die Idee, mit den Ärzten auszuhandeln, sie später bezahlen zu dürfen. „Am Anfang waren wir nur damit beschäftigt, Feuer zu löschen, weil es überall gebrannt hat“, sagt Schweninger. „Uns hat einfach die Zeit gefehlt, um klare Strukturen zu schaffen.“

Als Unternehmer habe er in den vergangenen Monaten viel gelernt: „Wir kommunizieren nicht mehr per Whatsapp, sondern haben jetzt Telefonkonferenzen und ein Organigramm, worin festgelegt ist, wer für welchen Bereich zuständig ist.“ Er halte mehr schriftlich fest, verlasse sich nicht nur auf mündliche Aussagen und kontrolliere zumindest stichprobenartig, wie etwas umgesetzt worden sei.

„Natürlich spekulieren wir auf die nächste Impfung“

Er würde sich wünschen, sich mit seiner „Permanenten Impfambulanz“ (PIA) zu etablieren. Weitere Standorte sollen folgen, eine Art Franchise-System unter dem Namen PIA etabliert werden. „Wir würden hier in Stuttgart nicht eine so große Impfambulanz offen lassen, wenn wir nicht denken würden, dass es zu einer vierten großen Impfrunde kommt“, sagt Schweninger. „Natürlich spekulieren wir auf die nächste Impfung.“

Schweninger betont aber auch: „Was wir am allermeisten wollen, ist, dass das Leben wieder normal wird.“ Er wolle wieder reisen oder seine Kinder ohne Angst in den Kindergarten schicken. Nur: „Solange diese Pandemie da ist, macht es Sinn, sie mit unserem Know-how und Beruf zu bekämpfen.“ Er höre aber sehr gerne wieder damit auf und freue sich, wenn die Pandemie zu Ende ist. Als Arzt wieder im Krankenhaus anzufangen sei dann aber keine Option, sagt Schweninger. „Ich brauche immer was Neues, ich liebe neue Projekte und ich liebe es, Erfolg zu haben.“ Was er in Zukunft auch mache: „Ich werde Unternehmer bleiben.“