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Die Zweifel am chinesischen Corona-Impfstoff wachsen

Busch, Alexander Demircan, Ozan Heide, Dana Peer, Mathias
·Lesedauer: 7 Min.

Die Türkei, Brasilien und Länder in Südostasien setzen bei der Bekämpfung der Pandemie auf Vakzine aus China. Doch neue Testergebnisse werfen Fragen auf.

Die Protestaktion richtet sich gegen den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro und dessen Umgang mit der Corona-Pandemie. Die Demonstranten forderten den sofortigen Beginn der Impfungen. Foto: dpa
Die Protestaktion richtet sich gegen den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro und dessen Umgang mit der Corona-Pandemie. Die Demonstranten forderten den sofortigen Beginn der Impfungen. Foto: dpa

Neun Sekunden lang steckt die Nadel der Impfspritze im Oberarm von Indonesiens Präsident Joko Widodo. Für diesen Moment, der am Mittwoch den Start der Coronavirus-Impfkampagne in dem südostasiatischen Inselstaat einleitete, unterbrachen indonesische Fernsehsender sogar ihr laufendes Programm.

„Es tut gar nicht weh“, sagte der Präsident lächelnd. Ein Mitarbeiter hielt demonstrativ die Verpackung mit dem Logo des chinesischen Impfstoffherstellers Sinovac in die Kamera, der zu Indonesiens Hauptlieferanten zählt. Die Hauptbotschaft stand hinter Widodo auf einem Banner in Großbuchstaben: „Sicher und halal“, lautet das Versprechen.

In der Türkei bot sich am selben Tag ein ähnliches Bild. Als erster Bürger des Landes wurde der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca mit dem in China entwickelten Vakzin CoronaVac geimpft. Live übertragen im türkischen Fernsehen. Vorangegangen war ein 14-tägiger Sicherheitstest durch türkische Behörden. „Ich habe immer gesagt, es gibt ein Licht am Ende des Tunnels“, erklärte Koca nach der Impfung.

Der chinesischen Regierung und der Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KP) sind solche Szenen sehr willkommen. China versucht, mit den von chinesischen Firmen entwickelten Vakzinen international zu punkten.

Mindestens zehn Länder haben bereits 380 Millionen Dosen CoronaVac bestellt, das Mittel des privaten Pharmaunternehmens Sinovac. Fünf Impfstoffe von vier chinesischen Pharmakonzernen sind derzeit in der dritten Testphase: das Mittel des Staatsunternehmens Sinopharm (CNBG) sowie die der Privatunternehmen Anhui Zhifei Longcom Biologic Pharmacy, Sinovac und Cansino.

Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte gleich zu Beginn der Krise versprochen, den Impfstoff für alle Länder zur Verfügung zu stellen. Was China als großen diplomatischen Coup geplant hatte, könnte jedoch das Image des Landes auch beschädigen, denn im Ausland wächst die Skepsis.

Nun schüren etwa Studienergebnisse aus Brasilien Zweifel an der Wirksamkeit der Impfstoffe aus China: Der dortige Partner von Sinovac gab am Dienstag eine Wirksamkeit von 50,38 Prozent an. Das ist deutlich weniger als die 78-prozentige Wirksamkeit, die aus der brasilianischen Studie zuvor gemeldet worden war – und auch nur hauchdünn über der 50-Prozent-Marke, die bei Gesundheitsbehörden als wichtiges Kriterium bei der Zulassung gilt.

Zur Verwirrung um den Impfstoff trägt auch bei, dass Studien in anderen Ländern zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kamen: Indonesien berichtete am Montag von einer 65-Prozent-Wirksamkeit, die Türkei zuvor von mehr als 91 Prozent. Beide Studien hatten aber eine vergleichsweise geringe Teilnehmerzahl und gelten daher als nur bedingt aussagekräftig.

Fragen der Nachrichtenagentur Reuters zu den stark unterschiedlichen Ergebnissen der Studien wich ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums am Mittwoch aus. „China misst der Sicherheit und Wirksamkeit von Impfstoffen große Bedeutung bei“, sagte er. Die Wissenschaft überlasse er den Unternehmen und Experten.

Bei einer anderen Pressekonferenz am Mittwoch bestätigte Sinovac-Chef Yin Weidong die unterschiedlichen Testergebnisse. Die Phase-III-Ergebnisse dieser klinischen Studien seien aber „ausreichend, um die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs CoronaVac weltweit zu belegen“, so Yin.

Drei Millionen Dosen für die Türkei

Doch trotz dieser Worte wachsen in immer mehr Ländern die Zweifel an dem Impfstoff, und das, obwohl viele bereits kräftig bestellt haben.

Die Türkei hatte zunächst drei Millionen Dosen des Mittels aus China erhalten. Bis Ende Februar sollen 50 Millionen verfügbar sein. Das 270 Millionen Einwohner große Indonesien setzt vorerst sogar ausschließlich auf den Impfstoff von Sinovac, von dem bereits drei Millionen Impfdosen im Land sind und 122,5 Millionen weitere Dosen in den kommenden zwölf Monaten geliefert werden sollen. Auch die Philippinen und Thailand sind zumindest derzeit vollständig auf Sinovac angewiesen, weil sie sich ansonsten offenbar kurzfristig keine Lieferungen anderer Hersteller sichern konnten.

Thailand sicherte sich bisher zwei Millionen Dosen des chinesischen Impfstoffs, von denen 200.000 im Februar ankommen sollen. Die Philippinen bestellten bei Sinovac 25 Millionen Dosen, wovon 50.000 im Februar zur Verfügung stehen sollen.

Doch China hat die Stoffe selbst nie systematisch überprüft. Weil gegen Ende des vergangenen Jahres im eigenen Land nur noch eine geringe Zahl an Covid-Neuinfektionen auftrat, testeten die Firmen ihre Arzneimittel außerhalb von China.

Es handelt sich bereits um den zweiten Versuch Pekings, die Krise zu nutzen, um sich als verantwortliche Weltmacht zu präsentieren. Im vergangenen Jahr hatte Peking Masken, Ärzte und Krankenhauspersonal nach Italien und in viele andere Länder geschickt, doch die Aktion war durch aggressive Töne chinesischer Regierungsvertreter konterkariert worden.

Auf den Philippinen ist der Impfstoffdeal schon jetzt hochumstritten: „Kann mir jemand erklären, weshalb man hier diesen Impfstoff bevorzugt, obwohl andere wirksamer und billiger sind?“, fragte am Mittwoch der Senator Panfilo Lacson, der für seinen kritischen Blick auf den öffentlichen Haushalt bekannt ist, auf Twitter.

Zweifel an dem Vakzin aus China sind in dem Land schon seit Wochen ein Thema. Präsident Rodrigo Duterte wies diese harsch zurück und unterstellte seinen Landsleuten, die Impfstoffe aus dem Westen bevorzugten, eine „kolonialistische Mentalität“.

Dass die Regierung vorerst keine Alternativen zum Sinovac-Impfstoff vorzuweisen hat, stößt angesichts der Studienergebnisse in Brasilien auch in Thailand auf Kritik. „Anstatt etwas mehr Geld auszugeben, um unsere Ärzte und Pfleger effektiv zu schützen, geben wir ihnen nun eine Impfung, die nur in der Hälfte der Fälle funktioniert“, kritisierte das Nachrichtenportal „Thai Enquirer“ in einem Leitartikel.

Die thailändische Regierung sah zunächst jedoch keinen Grund, die Bestellung bei Sinovac zu überdenken, teilte das Gesundheitsministerium mit. Die Behörden beklagen aber offenbar immer noch ein Informationsdefizit: „Wir fragen jetzt direkt bei Sinovac nach und warten auf deren Antwort, um alle Fakten zu kennen“, sagte ein ranghoher Beamter.

Aus Malaysia, das ebenfalls Kunde bei Sinovac ist, hieß es, man werde nur dann an der Bestellung festhalten, wenn der Impfstoff die Anforderungen an Sicherheit und Wirksamkeit erfülle.

In Brasilien wird es am kommenden Sonntag spannend. Live übertragen auf Youtube will die Gesundheitsbehörde Anvisa ihr Votum abgeben, ob sie den chinesischen Covid-Impfstoff CoronaVac per Sondergenehmigung zulassen wird. Davon stehen bereits seit zwei Wochen fast elf Millionen Dosen bereit.

Die hat das renommierte Tropeninstitut Butantan in São Paulo gemeinsam mit dem chinesischen Lizenzhalter Sinovac Biotech produziert. Doch dann geriet der Zulassungsprozess zwischen die Fronten der brasilianischen Politik.

Denn Präsident Jair Bolsonaro hält nichts von Impfungen gegen das „Grippchen“, wie er die Pandemie bezeichnet – obwohl Brasilien inzwischen mit knapp acht Millionen Infizierten und 200.000 Corona-Toten eines der weltweit am schwersten betroffenen Länder ist. Wegen Bolsonaros Weigerung, Corona als bedrohlich anzuerkennen, gibt es bis heute keine nationale Impfstrategie.

Bolsonaro hält auch nicht viel von CoronaVac – vor allem, weil es aus China stammt und er die Volksrepublik prinzipiell argwöhnisch betrachtet. Im Oktober lehnte er es noch ab, chinesischen Impfstoff zu kaufen.

Doch der Gouverneur von São Paulo, der wichtigste innenpolitische Gegner des reaktionären Bolsonaro aus dem konservativen Lager, versucht seit Monaten, Bolsonaro vorzuführen. Auch jetzt ist er vorgeprescht: João Doria will CoronaVac am liebsten bereits am Sonntag unmittelbar nach der Genehmigung verimpfen lassen. Weitere 35 Millionen Dosen hat der Bundesstaat São Paulo bestellt. In São Paulo leben 44 Millionen Menschen, es ist der ökonomisch wichtigste Bundesstaat Brasiliens.

Das Problem: Der Ex-Militär Bolsonaro hat die Direktorenposten des Gesundheitsinstituts mit Militärs und Ärztinnen besetzt, die auf das Malariamittel Chloroquin zur Bekämpfung von Corona schwören. Gut möglich, dass das Gremium den Impfstoff ablehnt.

Dennoch dürfte der Impfstoff in Brasilien auf große Nachfrage stoßen, denn die Impfskepsis ist bei der Bevölkerung traditionell gering. Auch das Misstrauen des Präsidenten gegen jede Art von Vakzin hat die Zahl der Skeptiker nur mäßig auf 22 Prozent erhöht. Und ihr Anteil dürfte wieder sinken, sobald der Masseneinsatz möglich ist.

Das in der zweiten Corona-Welle zunehmend überforderte Gesundheitssystem wird zusätzlich dazu beitragen, die Brasilianer von der zentralen Rolle der Impfungen zu überzeugen.

In der Türkei gibt es nur vereinzelt Kritik am chinesischen Impfstoff und am Testverfahren. So bemängeln Ärzteverbände, dass die wissenschaftlichen Daten und Resultate nicht komplett veröffentlicht worden seien.

„Die bereitgestellten Daten sind limitiert und geben eingeschränkt Auskunft über die Effektivität“, erklärt Sebnem Fincanci von der türkischen Ärztevereinigung. „Trotzdem haben wir keinen Zweifel an der Sicherheit, da immerhin die Ergebnisse der Phase-2-Studie veröffentlicht und auch wissenschaftlich breit diskutiert worden waren.“

Im wissenschaftlichen Rat der türkischen Regierung scheint man vom chinesischen Impfstoff überzeugt – zumindest so weit das nötig ist. „Selbst der schlechteste Impfstoff ist immer noch besser als die mildeste Coronavirus-Erkrankung“, hatte vor Kurzem ein Mitglied aus dem Rat erklärt.