Deutsche Märkte geschlossen

Zurück ins Leben: Wie EU-Staaten den Lockdown beenden

Zahlreiche EU-Staaten lockern in diesen Tagen ebenso wie Deutschland ihre Beschränkungen für Bürger und Unternehmen. Eine Übersicht, wer dabei wie schnell vorangeht.

Yoga in einem Park in Barcelona. Foto: dpa

Seit Anfang März hat das Coronavirus das Leben in Europa sukzessive lahmgelegt. Es waren lange Wochen des Bangens und Durchhaltens. Diese Tage sind die der Lockerung. Auch wenn die EU am Freitag eine Verlängerung des Einreiseverbots bis Mitte Juni verkündet hat, lockern die einzelnen Staaten zu Hause ihre Ausgeh- und Kontaktsperren sowie die Bestimmungen für Restaurants und Geschäfte Schritt für Schritt.

An diesem Sonntag verkündet der britische Premier Boris Johnson seine Lockerungsstrategie. Deutschland prescht dabei im Fußball deutlich vor. In vielen anderen Bereichen sind die deutschen Bundesländer mittlerweile mitten im Tross der europäischen Öffnung und dabei nicht schneller als andere Länder. Ein Überblick.

Kontakt- und Ausgangssperren

Italien und Spanien, Frankreich und Griechenland hatten weitaus rigidere Beschränkungen der Bewegungsfreiheit als Deutschland, wo es mit Ausnahme von Bayern keine Ausgehsperre gab. Die Deutschen konnten auch zu Hochzeiten der Pandemie zu zweit oder in der Familie an die frische Luft oder in den Park.

Vor allem im Vergleich zu Südeuropa, wo das Virus deutlich stärker gewütet hat und die Einschränkungen entsprechend größer ausfielen, waren die Bundesbürger damit privilegiert. In Italien, Spanien, Frankreich und Griechenland durften die Einwohner wochenlang kaum auf die Straße gehen.

Mit sinkenden Infektionszahlen werden diese Sperren nun auch in Südeuropa gelockert. Italiener dürfen seit dem 4. Mai wieder spazieren gehen, Verwandte besuchen oder Sport im Freien treiben. Spanier aus demselben Haushalt dürfen seit dem 2. Mai je nach Alter zu bestimmten Uhrzeiten zu zweit spazieren gehen oder allein Sport an der frischen Luft treiben.

Auch die Griechen müssen seit dem vergangenen Montag keine Ausgeherlaubnis per SMS mehr beantragen. In Frankreich darf man sich ab dem 11. Mai wieder vollkommen frei bewegen.

Sehr unterschiedlich fallen in ganz Europa die Bestimmungen dazu aus, wie viele Menschen sich nun wieder treffen dürfen. In Österreich und Finnland sind Veranstaltungen mit bis zu zehn Menschen erlaubt. Auch in Spanien sind ab Montag in zahlreichen Provinzen private Treffen von bis zu zehn Personen erlaubt, bei Veranstaltungen an der frischen Luft können es bis zu 200 Menschen sein, wenn es dort Sitzplätze gibt und der Abstand gewahrt bleibt.

Selbst in Schweden, das in der Coronakrise als einziges europäisches Land fast keine Einschränkungen erlassen hat, dürfen sich nicht mehr als 50 Menschen an einem Ort versammeln. In den deutschen Bundesländern sind die Regeln (hier ein Überblick) dazu sehr unterschiedlich, reichen aber bis zu Versammlungen von 100 Personen in Hessen und Berlin (ab 25. Mai).

Polen hat seine Beschränkungen zwar weitgehend gelockert und am 4. Mai schon wieder Einkaufszentren geöffnet, in die pro 15 Quadratmeter ein Kunde herein darf. Gleichzeitig kontrolliert Warschau seine Bürger aber scharf: Infizierte, für die eine Quarantäne gilt, sowie diejenigen die nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland in Quarantäne mussten, sind verpflichtet, sich die Corona-App des Digitalisierungsministeriums auf ihr Handy zu laden. Die App nutzt Standortdaten und kontrolliert damit, ob der Handybesitzer die Quarantäne tatsächlich einhält.

Restaurants und Hotels

In den allermeisten Bundesländern öffnen in den kommenden zehn Tagen zumindest die Terrassen von Restaurants, in der Regel mit verschärften Hygiene- und Abstandsvorschriften und verringerter Kapazität. Und auch die Hotels nehmen in den meisten Bundesländern bis Monatsende den Betrieb wieder auf, und Besitzer von Zweitwohnungen können dann wieder in ihre Bleibe fahren.

Deutschland befindet sich damit in guter Gesellschaft von Österreich, wo Restaurants und Wirtshäuser am 15. Mai und Hotels am 29. Mai öffnen, auch in Dänemark öffnen die Restaurants Mitte Mai.

In Griechenland dagegen öffnen die Restaurants voraussichtlich erst Anfang Juni. Frankreich entscheidet darüber erst Ende Mai. Voraussichtlich dürfen die Restaurants in den „grünen“ Départements Anfang Juni öffnen, in den „roten“, wo das Virus noch stärker zirkuliert und/oder die Krankenhäuser sehr stark belastet sind, erst später.

Auch in Spanien ist die Öffnung wie jeder Fortschritt bei den Lockerungen an das Erreichen bestimmter Gesundheitsziele geknüpft. Mit Ausnahme von Barcelona und Madrid, wo die Viruslage noch angespannter ist, werden viele spanische Provinzen am 11. Mai ihre Terrassen öffnen, allerdings ebenfalls nur mit der Hälfte ihrer Kapazitäten, damit der Abstand gewahrt bleiben kann. In Polen sind zwar die Hotels schon auf, doch sie klagen, dass die Restaurants noch bis zum 24. Mai geschlossen sind.

Schulen

Bei der Bildung gibt es in Deutschland den größten Flickenteppich zwischen den einzelnen Bundesländern. Die Öffnungen variieren je nach Schuljahr von Anfang Mai bis Anfang Juni, aber mit meist nur einem Tag Präsenzunterricht in der Woche. Überall aber sollen vor den Sommerferien noch zumindest einige Stunden unterrichtet werden.

In Österreich drücken Schüler der Volksschulen, Neuen Mittelschulen und Sonderschulen vom 18. Mai an wieder die Schulbank. Für alle anderen startet der Unterricht am 3. Juni. Die Schule findet dabei im Schichtbetrieb statt. Fachhochschulen und Universitäten bleiben geschlossen.

In Griechenland beginnen die Abschlussklassen der Oberschulen wieder am 11. Mai, um die spätestens im Juli geplanten Prüfungen vorzubereiten. Die anderen Klassen und die Grundschulen sollen dann schrittweise ab 18. Mai den Unterricht beginnen. Die Öffnung der Schulen ist in Griechenland umstritten. Einige Wissenschaftler kritisieren sie als übereilt.

In Frankreich starten am 11.Mai die Vorschulen in den grünen Départements, das betrifft etwa eine Million Kinder. In Dänemark, Norwegen und Schweden sind die Grundschulen bereits auf, Finnland öffnet sie ab dem 14. Mai. Italien und Spanien dagegen nehmen den regulären Unterricht erst wieder mit Beginn des neuen Schuljahres im September auf.

Sport

Die Fußball-Bundesliga ist die erste große europäische Profiliga, die ihren Spielbetrieb in Deutschland am 16. Mai wieder aufnimmt. Übereilt für viele. Im Ausland hoffen viele Fußballfans auf eine positive Signalwirkung: „Ich hoffe, dass die Premier League schon irgendwie unterwegs nach Deutschland ist, um zu sehen, wie die das machen und wie das funktioniert“, sagt etwa Englands Ex-Nationalspieler Gary Neville.

Auch die italienische Bundesliga, die Serie A, soll am 18. Mai wieder starten, um die Meisterschaft zu beenden. Allerdings wurden erst am Donnerstag weitere sieben Profis positiv auf Covid-19 getestet, insgesamt sind es 23 Spieler. Deshalb kann sich das Datum noch verschieben. Profisportler wie Leichtathleten und Fußballspieler dürfen erst seit der ersten Lockerung des Shutdowns am 4. Mai wieder trainieren.

In Norwegen darf die nationale Fußball-Liga ab 16. Juni ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen. Finnland lässt Profisport ab 1. Juni zu. In Schweden ist noch keine Entscheidung gefallen, wann die Fußball-Liga wieder beginnt, ebenso wenig in Spanien. Dort finden professionelle Wettkämpfe nicht vor Ende Mai und dann nur hinter verschlossenen Türen oder mit begrenzter Zuschauerzahl statt. Sport allein und im Freien ist inzwischen überall in Europa wieder erlaubt.

Einreisebestimmungen

Die EU-Länder haben in der Coronakrise ihre Grenzen geschlossen, und bislang ist unklar, wann sie wieder öffnen. In der Regel gibt es nur wenige Ausnahmen für Einreisen. Frankreich lässt an seinen Binnengrenzen Personen in wichtigen beruflichen oder familiären Angelegenheiten ins Land. Das ist de facto aber fein ausdifferenziert, so verbieten die Behörden offenbar sehr häufig Entsendungen von Personal, trotz wichtiger beruflicher Aufträge.

In Italien sind nur einige Grenzübergänge für Berufspendler aus der Schweiz geöffnet. Spanien lässt Berufspendler oder Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen einreisen und gewährt Menschen aus dringenden familiären Gründen oder dokumentierten Gründen höherer Gewalt Einlass.

Mehrere Länder verhängen zudem eine Quarantäne für diejenigen, die aus dem Ausland einreisen. In Deutschland, Griechenland und Italien sind es 14 Tage, in Norwegen und Finnland zwischen zehn und 14 Tagen.

Weiter geht Österreich: Bei der Einreise müssen alle Ausländer einen Coronavirus-Test vorweisen, der nicht älter als vier Tage ist oder sich für zwei Wochen in Quarantäne begeben. Fluggäste, die in Wien ankommen, brauchen aber nicht in eine zweiwöchige Quarantäne. Sie können am Airport direkt einen Coronavirus-Schnelltest für 190 Euro machen. Berufstätige, Pendler oder Mitarbeiter aus dem Gesundheitsbereich müssen nicht einmal ein Attest vorzeigen, dass sie nicht infiziert sind.

Auch wenn familiäre Gründe glaubhaft nachgewiesen werden, ist ein Länderwechsel möglich. Die kurioseste Regel stammt aus Tirol. Sie erlaubt Jagdpächtern aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland, die Einreise ohne Attest. Tirol hatte im März noch wegen der Verbreitung des Virus durch die Wintersportorte Ischgl, St. Anton und Sölden international Schlagzeilen gemacht.

Polen lässt inzwischen Berufspendler, Studenten und Schüler auch wieder ohne zuvor geforderte 14-tägige Quarantäne einreisen. Es finden aber weiter umfangreiche Grenzkontrollen statt, von Personenfreizügigkeit kann keine Rede sein.